Archiv für den Monat Januar 2023

Die Panzerfrage und das eigene Überleben

Wer das sucht, was sich einmal als vierte Gewalt profilieren wollte, der muss in den Blog-Untergrund gehen. Dort finden sich Prunkstücke dessen, was als guter Journalismus bezeichnet werden kann. Und nur dort. In Zeiten des Krieges wären solche Erscheinungen oben, an der Oberfläche, erforderlicher denn je. Doch den Monopolen ist es gelungen, nichts übrig zu lassen als eine gegenseitig von sich abschreibende kriegslüsterne Meute von Untertanen. Nun gut. Es ist so, wie es ist. Und es wird dadurch schlimmer, dass es dieser Mischpoke gelungen ist, die politische Klasse vor sich herzutreiben. Wer, bitte schön, sollte denn dort noch den Todesmut aufweisen, und der Abteilung Kriegspropaganda einmal die Stirn bieten. Alleine schon die eine oder andere taktisch abweichende Vorstellung wird bereits als defätistisches Zaudern geahndet.

Und da wäre das Beispiel mit dem Kriegseintritt. Bei dem immer lesenswerten Blog von Egon W. Kreutzer zum Beispiel war exklusiv zu lesen, warum die Panzerfrage, die momentan das heulende Rudel um die Waffenlobbyistin Strack-Zimmermann nahezu um den Verstand bringt, eine so große Bedeutung hat. Das Junktim, das Kanzler Scholz hergestellt hat, indem er die Zusage deutscher Lieferung von Leopard 2-Panzern an die gleichzeitige Bereitschaft von Abrams-Panzern aus den USA geknüpft hat, hängt mit der Offensivfähigkeit des Geräts zusammen. Offensivwaffen, die ihrerseits das russische Territorium erreichen können, sind wahrscheinlich die letzte – übrigens im Gegensatz zu der Einschätzung des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, der die Bundesrepublik längst als Kriegspartei bezeichnet – Hürde, vor einer offenen Kriegserklärung mit oder von Russland. 

Da die USA ihrerseits in beiden Weltkriegen gut mit dem späten Kriegseintritt gefahren sind, weil bis dahin die anderen Parteien bereits sehr geschwächt waren, würden sie gerne an dieser Taktik festhalten. Deshalb liefern sie keine angriffsfähigen Waffen, ermuntern jedoch ihre europäischen NATO-Satelliten, allen voran Deutschland, dieses zu tun. Diesen Zusammenhang scheint Kanzler Scholz im Gegensatz zur kompletten grün-liberalen Kriegsfraktion und der olivfarbenen Journaille begriffen zu haben. Sagen, sagen wird er das freilich nie, sonst könnte es blitzschnell passieren, dass er wenige Stunden später mit einem Hubschrauber abstürzte oder Opfer des tumultuösen Berliner Straßenverkehrs würde. Mache sich niemand etwas vor. Hier spielt schon lange niemand mehr virtuell. Es herrscht Krieg und das Hemd ist näher als der Rock.

Heute, wo der Jahrestag der Zeichnung des Élysée-Vertrages gefeiert wird, sollte vielleicht das eine oder andere Licht aufgehen, ob es nicht besser wäre, orientiert an europäischen Sicherheitsinteressen, an einem Bündnis mit Frankreich festzuhalten und es zu vertiefen, als sich an den Rockschoss amerikanischer Kriegstreiber zu hängen, die planvoll, Schritt für Schritt, das Desaster in der Ukraine angerichtet haben. Unter Federführung des jetzigen Präsidenten, der als Obamas Vize für die Ukraine verantwortlich war, dort nicht nur Familienmitglieder im Konsortium von Öloligarchen versorgt und gegen dieses Konstrukt ermittelnde Staatsanwälte entsorgt hat, sondern auch Waffen en masse hat liefern lassen. Dass die Wahl einer solchen Figur als ein Sieg der Demokratie in den USA dem hiesigen Publikum verkauft wurde, sollte all jenen, die ihren Verstand noch nicht eingebüßt haben, auch noch ein wenig zu denken geben.

Das Spiel ist immer dasselbe. Andere für sich kämpfen lassen, warten, bis sie ausgeblutet sind, dann dazukommen und den Sieg abgreifen. Dort, wo man sich nicht darauf einließ, wurde daraus nichts. Aber nur dort. Wer sich mehr auf die Beteuerungen anderer verlässt als auf die eigenen Interessen, kann nur auf dem Opfertisch enden. 

Fundstück

Russisches Roulette

Das  Spiel ist so einfach wie tödlich. Man schiebt  nur eine einzige Patrone in die Trommel, lässt diese einmal um sich selbst rauschen und Klick. Dann steht die Chance Eins zu Sechs. Nichts Genaues weiß man nicht. Der Revolver geht Reihum und mit jedem Leerklick erhöht sich die Chance für den Nächsten, der abdrückt, zu einem Volltreffer. Entstanden ist das tödliche Spiel in Offizierskreisen des zaristischen Russlands, als man nach heutigen Maßstäben zumeist durch Spielschulden, Reputationsverlust und Ehrangelegenheiten in der Lösung solcher Fälle sehr archaisch unterwegs war. 1000 Rubel sind kein Geld, eine Flasche Wodka ist kein Getränk und ein Jahr ist keine Zeit. Das war die Disposition dieser Kreise bei Mütterchen Russland, als sie das im wahren Sinne des Wortes tolle Spiel des russischen Roulettes erfanden.

Die Geschichte ist eine hämische und intrigante Ziege. Denn sie führt die Gattung immer wieder an die eigenen Grenzen, indem sie ihr verdeutlicht, wie borniert, wie unfähig zu lernen und wie wenig zivilisiert sie ist. Das macht dieses Scheusal dann auch noch mit einer sarkastischen Geste. Aber vielleicht ist es genau das, was die Spezies braucht, um ihre eigene Unzulänglichkeit zuweilen zu begreifen.

Vor dem Hintergrund des großen Lernfeldes der deutschen Geschichte sollten eigentlich Subjekte unterwegs sein, die aus dem kollektiven Helter-Skelter im Namen der Deutschen gelernt haben. Und das Frivole an der Lehrstunde, die uns die Geschichte in diesen Tagen liefert, ist, dass sie ausgerechnet das russische Roulette als Setting gewählt hat, dem die westliche Diplomatie während der Krise um Ukraine und Krim folgt wie ein Trottel dem Eiswagen. Denn genau mit einer einzigen Patrone bewaffnet liefen die Vertreter des Westens in die Wirren um den Maidan in Kiew, suchten sich Verhandlungspartner, die keine waren und Berater, die das Land nicht kannten, um einen Übergangsplan auszuhandeln, der die Halbwertzeit einer Frikadelle hatte. Das war der einzige Schuss im Magazin, seitdem steht der ungelenke Diplomat völlig entrüstet vor laufenden Kameras und feuert einen Leerklick nach dem anderen ab. Da Spiel ist längst aus, bevor es die Novizen auf dem roten Teppich bemerkt haben. Das russische Roulette lief umgekehrt und keiner hat es bemerkt.

Sie hätten wissen müssen, dass die Ukraine ein Land mit zentrifugalen Kräften ist, sie hätten wissen müssen, dass die Insel Krim immer seit dem späten 18. Jahrhundert russisch war, bevor Chruschtschows Nikita 1954 im Wodkarausch das Inselchen seiner geliebten Ukraine vermachte, was keine Rolle spielte, weil alles im Reich der Sowjetunion bis zu deren Implosion zu Ende des letzten Jahrtausend blieb. Dann war die Krim plötzlich Teil einer eigenständigen Ukraine, und ob das im Sinne des Völkerrechts war, ist sehr zu bezweifeln. Sie hätten sich zudem nur daran erinnern müssen, was die Deutschen, als die Sowjetunion großmütig ihr Einverständnis zu deren Wiedervereinigung gab gelobten, nämlich nicht den Fehler zu machen, von Triumphalismus getränkt dem russischen Bären mit nur einer Kugel auf den Pelz rücken zu wollen. 

Aber was will man machen? Wer nicht lernen will, dem gibt diese Megäre von Geschichte immer wieder Lektionen zu kauen, die nicht schmecken. Und irgendwann ist es das Publikum auch leid, sich immer wieder diese bornierten, untalentierten Darsteller anzusehen, die die Morgengabe des Weltgeistes ausschlagen wie eine lästige Offerte von Straßenhändlern. Wer nicht lernen will, dem brennen die Handflächen. Zu Recht. Das Mitleid bleibt aus. 

19.03.2014

Von Partnern, die dich in die Tiefe treiben

Wessen Denken im Krieg endet, der hat keine Zukunft. Insofern scheint das Schicksal Europas unter Führung der EU und seiner selbst ernannten Eliten besiegelt zu sein. Ob in den Medien, auf welcher Konferenz auch immer, bis hin zu einem so genannten Word Economic Forum im Schweizer Davos. Die Kriegspropagandisten haben das Wort und sie erzählen dem staunenden Publikum ein Märchen nach dem anderen. So der omnipräsente und auf jeder Schuhausstellung und Automesse zugeschaltete ukrainische Präsident Selenskyj, der glauben machen will, dass die Lieferung von Kampfpanzern seinem Land das Schicksal ersparen würde, das ihm bevorsteht: ein Land mit großer Zerstörung, unheilbareren Wunden und unzähligen Opfern, das als Schurkenstaat in den Händen von Oligarchen dahinsiecht. So kommt es, wenn man glaubt, im Machtspiel imperialer Akteure die Hauptrolle spielen zu können. Realistische Selbsteinschätzung ist ein kostbares Gut!

Und jener Selenskyj hat es wieder einmal fertig gebracht, durch Zuschaltung nach Davos Deutschland auf die Anklagebank zu setzen, wenn es nicht sofort die nächste Generation von Kampfpanzern umgehend in die Ukraine sendet. Übrigens eskortiert von dem ehemaligen Kriegsbotschafter Melnyk, der am Tag zuvor auch noch Kriegsschiffe forderte. Die Position Deutschlands ist problematisch, weil mittlerweile als sicher gelten kann, dass es im Falle einer ukrainischen Niederlage auf jeden Fall verantwortlich sein wird. Ungeachtet der Tatsache, dass es mehr an den Kosten beteiligt sein wird als alle anderen europäischen Staaten. So ist das, wenn man die eigenen Interessen aus den Augen verliert.

Wer es sich bieten lässt, dass eine Figur wie Joe Biden, seinerseits seit 2008 an der Vorbereitung des ukrainischen Debakels an entscheidender Stelle beteiligt, einem vor laufender Kamera sagt, was mit der eigenen Infrastruktur geschieht, wenn man nicht hört und folgsam ist, der kann nicht nur nach Hause gehen und sich schämen. Der sollte seine Sachen packen und das Weite suchen. Unterstützt und vielleicht sogar getrieben, von einer geheuerten Branche, die dafür bezahlt wird, die Köpfe zu vernebeln, hat jahrzehntelang keine Debatte darüber stattgefunden, wo man sich strategisch sehen möchte, wo die eigenen Interessen liegen und was zu tun ist, um einigermaßen souverän Entscheidungen treffen zu können. Jetzt, wo das Debakel vor aller Augen liegt, ist es zu spät. 

Die eigenen Streitkräfte sind nicht in der Lage, das Land bei einer Invasion von außen zu verteidigen, die Infrastruktur ist veraltet und entspricht nicht dem rasanten technologischen Wandel, die Bildung ist gänzlich auf den Hund gekommen, das Gesundheitssystem hat seine Leistungsgrenzen erreicht und die Energiepreise machen den Rest zunichte. Stattdessen faselt man von Zeitenwende, indem man Sondervermögen in unbekannter Dimension beschließt, um sich an militärischen Interventionen in anderen Teilen der Welt beteiligen zu können. Unter fremdem Kommando versteht sich.

Will man die kollektive mentale Verwirrung am besten charakterisieren, dann führt man sich das Geschwafel von allen möglichen, jederzeit durch die Propaganda in die Welt posaunten Experten vor Augen, die denjenigen, die den Verstand behalten haben, vorwerfen, sie seien Defätisten vor dem bösen Putin. Defätismus, vielleicht das als ein rein lexikalischer Vorschlag der Befriedung, bedeutet Unterwerfung, weil man nicht daran glaubt, gegen einen Gegner bestehen zu können. Insofern schreien da die Diebe, man möge den Dieb halten. Ach, die, die mit ihrer Politik das Land in die Tiefe treiben, sind Partner? Ja dann, dann ist wohl niemandem mehr zu helfen.