Archiv für den Monat Dezember 2022

Die Herrschaft des populistischen Positivismus

In Zeiten, als viele Menschen dachten, die Moderne sei geprägt von der Aufklärung, reagierte man noch mit Ironie auf das Aufkommen des populistischen Positivismus. Was das ist? Eine bis in die Werbeagenturen vorgedrungene Methode, die sich aus der Grundannahme ableitete, dass das als wahr zu gelten habe, was sich quantitativ durchsetzt. Also das, was zahlenmäßig dominiert, kommt der Wahrheit am nächsten. So unklug ist das nicht, aber es zum philosophischen Prinzip zu erheben, bedeutet ein Frontalangriff auf die Aufklärung bis hin zur Kritischen Theorie. Denn dort waren noch so schwergewichtige Kategorien wie Ethik oder die Differenzierung zwischen Schein und Sein im Spiel. Doch der Positivismus und seine populistischen Varianten blieben bei ihrer Aussage. Die ironische Antwort auf dieses Weltverständnis fand ihre Form in dem Zitat: Fresst mehr Scheiße, eine Millionen Fliegen können sich nicht irren!

Wer glaubt, dass es sich bei der positivistischen Weltauffassung um ein kleines Zwischenspiel auf dem Weg der Erkenntnis handelte, hatte sich allerdings geirrt. Sie eroberte alle Bereiche der Gesellschaft und dominiert das Geschehen bis heute. Kein Politiker von Bedeutung verweist nicht auf seine positivistischen Wurzeln. Und die Kühnen unter ihnen behaupten sogar, dass der Positivismus mit seinem Credo zum Quantum die philosophische Entsprechung der Staatsform Demokratie sei. Oberflächlich betrachtet mag das sogar stimmen. 

Eine Erscheinung hat der Betrachtung eine Dynamik verliehen, mit der niemand gerechnet hat. Es sind die Kommunikationstechniken und ihre Verbreitung. Die Möglichkeit, überall und jederzeit von jedem Ort der Welt über entsprechende Kanäle Nachrichten zu senden, die millionenfache Empfänger finden, hat vieles verändert. Zugunsten des populistischen Positivismus. Es entstehen Mehrheiten, die auf Informationen basieren, die nicht unbedingt den tatsächlich recherchierbaren Fakten entsprechen müssen. Und die von einem chronisch fehlgeleiteten Publikum eben auch durch die Zahl der Konsumenten den Status des Wahren erhalten. Wenn man so will, hat die Annahme des Positivismus zur unausgesprochenen Staatsdoktrin zu einer Realisierung aller in Bezug auf Propaganda und Manipulation bezogenen Dystopien beigetragen. Wer sich mit einer Fliege gleichsetzen lässt, hat sein kritisches Ego entweder nie entwickelt oder es zugunsten von welchen Vorteilen auch immer abgelegt.

Bei der Entwicklung einer Strategie gegen den täglich praktizierten Positivismus, der es mittlerweile geschafft hat, jedes ethisch begründetes Maß ad absurdum zu führen und jede politische Schweinerei zu rechtfertigen, muss allerdings auf jede Erscheinung Rücksicht genommen werden. Es heißt, sich nicht nur die Politikerinnen und Politiker vorzunehmen, die im Rampenlicht stehen, sondern die vielen Täuscher und Märchenerzähler im Netz, die mal als Influencer, mal als vermeintliche Experten oder in welchem Gewand auch immer daher kommen und mit Botschaften hausieren gehen, die, bei näherer Betrachtung, den Interessen des naiven Publikums zuwiderlaufen. Sie sind die Vorboten, die mit scheinbar unbedeutenden Aspekten beginnen, aber durch den Transport verheerender Sichtweise dazu beitragen, dass die unkritische Betrachtung der großen gesellschaftlichen Linien im Massenwahn endet, der auch vor Kriegen nicht halt macht. 

Mit einem Denken, das als glaubt, die Veränderung beginne bei Strukturen, Institutionen, Parteien oder Personen, greift zu kurz. Die Genese der Veränderung ist das Denken. Der Glaube, das, was sich quantitativ durchsetzt, sei wahr und gut, ist die erste Hürde, die sich einer grundlegenden Veränderung in den Weg stellt. Dort muss alles beginnen. 

Keine Filmkritik: Staatsstreich und Kanonen

Als ich gestern morgen die Meldung aus dem Radio vernahm, musste ich unverzüglich an die immer wiederholten Worte eines alten Freundes denken. Der betonte bei vielen Gelegenheiten, dass die Deutschen gar nicht zur Demokratie taugten und er deshalb eine aufgeklärte Monarchie für dieses Land als weitaus passender hielt. Das war nie so ganz ernst gemeint, aber eben auch ein bisschen doch. Nun war gestern zu vernehmen, dass ein Prinz Heinrich der Dreizehnte, zusammen mit einem ehemaligen Oberst der Bundeswehr, d.h. einem Unteroffizier und  einer ehemaligen Richterin geplant hätte, den Bundestag zu stürmen und die Republik ad acta zu legen. Insgesamt 3000 Polizisten seien im Einsatz gewesen, um insgesamt ca. 50 Personen festzunehmen, von denen 25 immer noch in Haft sind. Das klingt, ehrlich gesagt, sehr abenteuerlich.

Zum einen ist es der Glaube derer, die in das Fadenkreuz der Ermittlungsbehörden geraten sind. Sollte es so sein, dass besagter Prinz Heinrich und seine Entourage aus überschaubaren Größen dieses Land aus den Fugen bringen wollten, dann ist ihnen eine gewaltige Portion von Wahn und Selbstüberschätzung zu attestieren. Und damit ist auch der Vorschlag von besagtem alten Freund vom Tisch, der von aufgeklärter Monarchie sprach. Jener Prinz, dessen Schloß wie in einer Posse auch noch Waidmannsheil genannt wird, ist davon soweit entfernt wie der Deutsche Fußball Bund von einer tiefgreifenden Reform. 

Zum anderen rechtfertigt der Aufwand, mit dem das Innenministerium unter der Leitung von Nancy Faeser auf diesen irregeleiteten Haufen losging, das Bild der Kanonen, mit denen auf Spatzen geschossen wird. Da die gute Frau jedoch ein Faible für eingängige Bilder hat,  ist anzunehmen, dass die Botschaft nicht an die monarchistischen Hasardeure, sondern an die Teile der Gesellschaft ging, die mit der momentanen Politik unzufrieden sind und sich überlegen, wie es möglich wäre, diesen für sie nicht mehr zu ertragenden Albtraum zu beenden. Und das erzeugte Bild ist stark, sehr stark. Dass, nach der jüngeren Geschichte dieser Republik, auch böse Zungen behaupten, die Sache könne auch mittels dem bewährten Einsatz von V-Leuten inszeniert gewesen sein, wundert wiederum nicht. Semper aliquit haeret, wie man schon im alten Rom wusste, irgend etwas bleibt immer hängen. 

Und, wem das, ich meine die Reaktion, dann doch zu weit geht, der möge sich noch einmal das Vorgehen des selbst ernannten demokratischen Regulativs, sprich der Presse, auf die große Panzerschau des Staates angesichts des Zwergenaufstandes ansehen. Nicht eine kritische Hinterfragung der Verhältnismäßigkeit! Claque bleibt Claque. Da sind neue Frisuren wichtiger als die Beherrschung des kritischen Handwerks!

Ein anderer Freund ging mit dem Szenario schwer ins Gericht. Er führte aus, dass die Geschichte in Gänze eine Inszenierung sei, weil den politischen Eliten mittlerweile klar sei, dass sie sich mit ihrem Handeln ins Abseits manövriert hätten und es über kurz oder lang zu schweren Konfrontationen kommen wird. Nach dem Prinzip „Haltet den Dieb“ versuchten sie nun, von ihren eigenen Vergehen abzulenken. Es spricht für ihn, dass er dieser These noch hinzufügte, er hätte nie gedacht, dass er noch einmal als Verschwörungstheoretiker enden würde. Ob er mit dieser Aussage übertrieben hat, wird sich noch herausstellen. 

Zumindest sind auch diese Geschehnisse, wie viele andere, mit denen wir täglich konfrontiert werden, ein triftiger Grund, sich vom Glühweinstand fernzuhalten und bei klarem Verstand zu bleiben. Und: Dies ist ein Kommentar und keine Filmkritik!