Archiv für den Monat November 2022

Die Trennung von Person und Funktion

In der Personal- und Organisationsentwicklung wird mit großem Nachdruck zwischen Person und Funktion unterschieden. Bei der Betrachtung und Begutachtung der Personen geht es in erster Linie um das Wissen, die Fähigkeiten und Fertigkeiten, das soziale wie verbale Kommunikationsvermögen, die Anlagen, sprich Talente und damit die Entwicklungsmöglichkeiten, die Fähigkeit, das eigene Handeln zu reflektieren und das Vermögen, die eigenen Wirkungsmöglichkeiten und Zielsetzungen in einem größeren Zusammenhang zu umreißen. Das auf die Person bezogene Portfolio hängt in starkem Maße von der Funktion ab, die die Person einnehmen soll.

Bei der Funktion geht es um die Wahrnehmung der Aufgaben, die in der Organisationsstruktur an diesem Punkt als sinnvoll erachtet werden. Die Ausfüllung der Funktion erfordert zum einen die persönliche Qualifikation, dieses zu tun, aber auch die absolute Loyalität gegenüber der Organisation. Das beinhaltet die strategische Ausrichtung der Organisation wie die Kodizes.

Wenn die persönlichen Zielsetzungen nicht mit denen der Organisation harmonieren, kommt es zum Konflikt. Wenn zum Beispiel die persönliche Einstellung zu einem Sachverhalt mit dem Selbstverständnis der Organisation kollidiert, dann bleibt der Person die Möglichkeit, sich aus der Funktion zu verabschieden oder, anders herum, wenn die Person der Meinung ist, sie könne das Organisationsinteresse negieren, kann die Organisation die Person aus der Funktion entfernen. 

Es handelt sich hierbei nicht um obskure Geheimwissenschaften, sondern eine allen Menschen, die im Arbeitsleben stehen, zur genüge bekannte Trivialität. In diesem Spannungsfeld leben alle. Das beginnt bereits in der Familie und endet beim Staat. Selbst die Bürgerinnen und Bürger sehen das Spannungsfeld zwischen sich und dem Staat. Das, was sie dürfen, mögen, können, wollen, sollen und müssen hängt nicht nur von ihnen selbst, sondern auch von dem als Verfassung und Gesetzgebung vorgeschriebenen Rahmen ab. Der einzige Unterschied zu Wirtschaftsbetrieben und Privatorganisationen besteht beim Staat darin, dass die Bürger sich nicht dazu entscheiden können, sich einen anderen zu suchen, wenn sie nicht mehr mit den Grundsätzen des Staates und ihrer Handhabung einverstanden sind (auch wenn diese Versuche aktuell zunehmen).

Richtig heikel wird es jedoch, wenn Menschen im Funktionsbereich von Staaten eine Aufgabe wahrnehmen. Dann ist eine besondere Sensibilität in der Wahrnehmung der Aufgabe erforderlich. Die persönlichen und weltanschaulichen Einstellungen, so zumindest das bis heute nicht revidierte Verständnis des Staates gegenüber seinen Bediensteten, dürfen das, was als Staatsräson gilt, nicht ersetzen. Ein Zuwiderhandeln hat, betrachtet man das Spannungsfeld zwischen Person und Funktion, in der Regel die sofortige Entfernung der Person aus der entsprechenden Funktion zur Folge und wird in der Regel auch juristisch sanktioniert.

Ist das nicht der Fall, d.h. lässt der Staat zu, dass eine Person, die eine herausgehobene staatliche Position einnimmt, ihrer eigenen politischen und weltanschaulichen Haltung in Ausübung des Amtes freien Lauf lässt, dann ist das System gewaltig in die Krise geraten. Wenn dieselbe Person einem Ressort vorsteht, das für die Einhaltung von Gesetz und Ordnung verantwortlich ist, und sie für ihre persönliche Meinungsäußerung von anderen Regierungsmitgliedern Applaus erntet und dieses von der Opposition nicht einmal wahrgenommen wird, gleicht das einem Notstand. Entspräche die persönliche Haltung einer die Funktion bekleidenden Person zugleich der offiziellen Politik des Staates, wäre das eine Entscheidung, die politisch bewertet werden muss. Es wäre die Negation von Völkerrecht und Staatsräson und die Hinwendung zum Sektierertum.

Der Fußball, das schöne Spiel?

Mein Vater pflegte sowohl seinen Verein als auch den Fußball generell, wenn es darum ging, mit Skandalen, Eklats oder sonstigen Aufregungen von größeren politischen Problemen abzulenken, als Sandmännchen zu bezeichnen. Für alle, denen die Figur nicht mehr geläufig ist: es erschien am frühen Abend im Fernsehen und wünschte den Kindern mit einer Geschichte eine gute Nacht. Und obwohl, oder gerade weil sich der Fußball wie die Gesellschaft radikal verändert haben, ist seine Beobachtung bis heute zutreffend. Immer wieder kam es vor, dass große Turniere, die vor allem in Deutschland Millionen Menschen in ihren Bann zogen, dazu benutzt wurden, Gesetze zu verabschieden, die ansonsten einen heftigen Diskurs oder Widerstand ausgelöst hätten. Aber der Fokus lag auf dem Ball, da wähnte man sich auf der sicheren Seite.

Und immer wieder, jenseits des beobachteten Geschehens, das sei bemerkt, gab und gibt es Stimmen, die den Fußball generell als etwas Überflüssiges betrachten, auf das man gut und gerne verzichten könnte. Wer allerdings die Gesellschaft und die Wirtschaftsweise, auf der sie basiert verstehen will, der hat mit dem Fußball ein gutes Feld der Beobachtung. Angefangen hat das Ganze mit einem Zeitvertreib der gehobenen Schichten. Kohlebarone und Hüttenkönige hatten den Fußball bei ihren Pendants in England schätzen gelernt und brachten ihn mit in andere Länder. Dort kupferten Proletarier als Zaungäste das Spiel ab und kickten mit Schweinsblasen in den Hinterhöfen. 

Bergbau, Schwerindustrie und Industrialisierung trugen zur Verbreitung des Fußballs bei und machten ihn schnell zu einem Paradigma gesellschaftlicher Beziehungen und ihrer Modelle. In den Anfängen brillierten Führungsspieler, die von anderen auf dem Feld bedient wurden, im Laufe der Zeit kamen die Spielgestalter, die Arbeitsteilung war lange das zentrale Thema, bis man zum Teamgedanken und einer Auffassung von dem Spiel kam, dass alle alles können mussten und überall Aufgaben zu erfüllen hatten. Gleichzeitig wurde das Spiel immer schneller, die einzelnen Aktionen verloren an Bedeutung und die Summe der Spiele drängte sich in den Vordergrund. Die Vermarktung nahm zunehmend einen wichtigen Platz ein und sie kulminierte bis zu dem Punkt, der vor einigen Jahren erreicht wurde, als ein  brasilianischer Kicker von einem spanischen Verein zu einem französischen, der im Besitz eines Katarers ist, für das monetäre Äquivalent von einem Airbus den Verein wechselte. 

Große Turniere wie die Weltmeisterschaft werden seit langer Zeit nach Vermarktungsaspekten vergeben. Sie liefern den Ausrichterländern die Möglichkeit, durch große Investitionen ihre Infrastruktur zu modernisieren, durch die Veranstaltung selbst Einnahmen zu generieren und sie begünstigen das Marketing für den Standort. Da viel Geld im Spiel ist, erscheint es nahezu als logisch, dass die Akquise eines solchen Turniers durch große Geldzuwendungen an diejenigen, die in den Gremien Entscheidungen treffen, versucht wird zu erreichen. Korruption ist seit langem eines der Phänomene, welches das Treiben des Fußballweltverbandes überschatten. Das war, als kleiner Hinweis an alle, die sich plötzlich, wie vom Blitz getroffen, den Sand aus den Augen reiben, beim deutschen Sommermärchen anno 2006 nicht anders. 

Man nenne eine andere Sportart, die im Zeitalter der Moderne mehr die Möglichkeiten wie die Unmöglichkeiten, mehr die Faszination wie die Befremdung und den Abscheu gegenüber dem wirtschaftlichen System, aus dem er hervorgegangen ist, vergegenständlicht wie der Fußball. Insofern ist er auch immer ein Spiegel. Vielleicht ist es das, neben dem bewussten Instrumentalisieren des Fußballs als Sandmännchen für das gemeine Volk, was das Entsetzen so in die Gesichter treibt. Ja, heute geht es immer noch um Märkte, Geld und Einfluss, und ja, die Rolle Europas und des Westens insgesamt ist nicht mehr so gewichtig wie einst. Das System ist geblieben, aber die Potenz verschiebt sich nach Asien. Ist das ein explizites Phänomen des Fußballs? Ist er nur ein schönes Spiel? Oder geht es da nicht um viel mehr?