Archiv für den Monat Oktober 2022

USA, Europa: Die Kopie ist nicht das Original

Das Vermächtnis Donald Trumps als zumindest zeitweiligem Anführer des westlichen Imperiums ist nicht mehr auszulöschen. Nahezu alles, was die Beobachter im eigenen Lager zunächst in Schockstarre versetzt hat, als er sein Amt 2016 antrat und sich bestimmter Instrumente bediente, die bis dahin verpönt waren, wurde zum Standard etabliert. 

Das erste dieser Werkzeuge war Twitter, ein Direktmedium, restringiert auf wenige Zeichen und eine Komplexitätsreduzierungsmaschine. Die gesamte politische Klasse im hiesigen Einflussbereich rümpfte die Nase und konnte sich zum Teil mit Spott nicht zurückhalten, als der amerikanische Präsident täglich die Politik der Welt kommentierte, Aktionen ankündigte und Taten folgen ließ. Das, was gewählten Gremien und verfassungsmäßig gesicherten Institutionen vorher vorbehalten blieb, wurde zum medienwirksamen Chat. Wer gedacht hatte, mit der Figur Trump fände dieser kommunikative Abusus ein Ende, sah sich getäuscht. Heute, wenige Jahre später, bedient sich jeder noch so subalterne Hanswurst aus dem politischen Geschäft dieses Formats und begeht, das nur nebenbei bemerkt, ein um das andere Mal Geheimnisverrat oder umschifft mit seiner Aufmerksamkeitsgier jede Form von Diskretionsgebot. Nicht eine Sitzung, bis in die höchsten Chargen, auf denen nicht via Twitter etwas „durchgestochen“ und sofort mit großem Trara durch Skandalmedien aufgegriffen wird. Und nicht eine Nische, in der die Smartphones verboten wären oder mit dem sofortigen Rausschmiss gedroht würde, wenn es um Dinge des höchsten Belange ginge. Die illegalen Indiskretionen haben bereits zu Rücktritten geführt, die Denunzianten laufen bis heute frei herum. 

Eine zweite Geschichte ist der Umgang mit Sanktionen. Was noch vor Trump als ein Instrument von Autokraten galt, es sei denn, man handelte aus einer eigenen Notlage heraus, hat sich nicht nur als flächendeckendes, sondern auch als nahezu alleiniges politisches Mittel etabliert. 

Das, was noch als Protektionsmus in früheren Jahren gegeißelt wurde, die Beschränkung wirtschaftlichen Agierens, ist zu dem Maß aller Dinge geworden. Und wer sich einbildet, das sei erst mit der russischen Invasion in die Ukraine so gekommen, sollte sich die Sanktionsgeplänkel der USA gegen Europa ansehen,  die Latte von US-Gesetzen gegen China und Russland, die Sanktionen gegen den Iran etc..

Interessant und nicht aus den Augen zu verlieren sind dabei zwei Wirkungsweisen, die letztendlich deutlich machen, wie kontraproduktiv das Mittel ist. In der Regel schaden Sanktionen der Bevölkerung mehr als den Eliten. Sie ruinieren den Mittelstand, stärken das System, erhöhen die Kriegsgefahr und führen mitnichten zu einem Regime Change. Sie nutzen in der Regel immer den wirtschaftlichen Interessen der USA und schwächen die jeweilige Wirtschaft bei anderen aus dem „Bündnis“. Das beste Beispiel sind die Sanktionen gegen Russland. Wer jetzt noch in Betracht zieht, Russland durch diese Sanktionen zu einer anderen Politik bewegen zu können, steht auf der Payroll der USA. Und wer bezweifelt, dass die im Überfleiß von der EU geschnürten unzähligen Sanktionspakete im eigenen Bereich mehr Schaden anrichten als in Russland, sollte sich um eine Therapie zur Reaktivierung der eigenen Sinne kümmern. 

Und komme jetzt niemand und schimpfe auf Donald Trump! Der hat getwittert und Sanktionen verhängt, was das Zeug hielt. Und die Wertegemeinschaft gab sich zunächst geschockt, und hat dann das Geächtete kopiert bis zum Superlativ. Selbstkritik? Fehlanzeige. Korrektur? Mitnichten. Fortführung? Auf jeden Fall. Die Kopie ist nicht das Original.

Ferdinand von Schirach: Leichte Drogen und die Sprache des Weltgewissens — Neue Debatte

Mit seinem Erzählband „Kaffee und Zigaretten“ verrät Ferdinand von Schirach nicht nur, was er nie verheimlicht hat, nämlich die notorische atmosphärische Abhängigkeit von Koffein und Nikotin, sondern er gewährt auch einen spannenden und bereichernden Einblick in den Prozess seines Schreibens. Der Beitrag Ferdinand von Schirach: Leichte Drogen und die Sprache des Weltgewissens erschien zuerst auf…

Ferdinand von Schirach: Leichte Drogen und die Sprache des Weltgewissens — Neue Debatte

Leichte Drogen und die Sprache des Weltgewissens

Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten

Als Autor gehört er zu jener Spezies, die durch ihre berufliche Tätigkeit über Jahrzehnte Einblick in die Lebensumstände der unterschiedlichsten Biographien hatten und daraus Themen wie Perspektiven schöpfen, die an die Substanz der menschlichen Existenz gehen. Ferdinand von Schirach hat das als Rechtsanwalt getan und wird mit seinen Dramen wie „Gott“ und „Terror“ oder seinen Essays wie „Die Würde des Menschen ist antastbar“ oder die „Herzlichkeit der Vernunft“ in vielen Sprachen auf dem ganzen Globus gelesen. Die Gratwanderung zwischen rechtsphilosophischer Betrachtung, dem Einblick in die Untiefen menschlichen Handelns und der Einsicht in die Notwendigkeit einer kollektiven Sittlichkeit gelingt ihm mit einfachen, aber treffenden Worten.

Daher ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass ein eher ohne großen Anspruch geschriebenes Buch, das scheinbar, vermeintlich aus Notizen des profanen Alltags entstand, dennoch mehr gibt, als der Titel vielleicht suggeriert. Mit seinem Erzählband „Kaffee und Zigaretten“ verrät von Schirach nicht nur, was er nie verheimlicht hat, nämlich die notorische atmosphärische Abhängigkeit von Koffein und Nikotin, sondern er gewährt auch einen spannenden und bereichernden Einblick in den Prozess seines Schreibens. Es wird zwar explizit nicht formuliert und ist dennoch mit jedem Eintrag zu beobachten.

Denn jede der immer kurzen Erzählungen beginnt mir einem Erinnerungsschnipsel oder einer Alltagsbeobachtung, woraus sich ein Gedankengang entwickelt, der das Große und Existenzielle des menschlichen Daseins in den Blick rückt und dann, wie mit der Klappe des Regisseurs, stehen bleibt. Der Konnex zwischen Alltagshandlung und existenzphilosophischen Fragen ist hergestellt, wie er zu deuten oder gar in dem jeweiligen Fall zu bewerten ist, das überlässt von Schirach der Leserschaft. Gerade das ist wohltuend und in Zeiten ständiger Bevormundung und Belehrung und fühlt sich an wie ein Kuraufenthalt. 

Was den Autor dazu befähigt, den spannenden Bogen zwischen universeller Deutung und alltäglicher Unzulänglichkeit herzustellen, mag vielleicht darin begründet liegen, dass er das Ende der menschlichen Existenz, die vorhersehbare wie plötzliche Endlichkeit, nicht tabuisiert, sondern als Regiehinweis immer einsehbar ist. Die Gewissheit des Todes fällt keinem Tabu zum Opfer, sondern sie gehört zur primären Bestandsaufnahme. Das macht diese achtundvierzig nummerierten Geschichten so lesenswert. Brillant komponiert, erzählt, als hätte das Weltgewissen eine Sprache und ohne jegliche pädagogische Ambition. 

Machen Sie etwas daraus! Der Autor hat sie autorisiert!  

  • Herausgeber  :  btb Verlag (13. April 2020)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Taschenbuch  :  192 Seiten
  • ISBN-10  :  3442719747
  • ISBN-13  :  978-3442719747
  • Abmessungen  :  12.8 x 1.8 x 18.8 cm