Archiv für den Monat September 2022

„Woanders ist’s auch scheiße!“

Treffender kann diese Mischung aus westfälischer, polnischer und jiddischer Ironie, wie sie bis heute im Ruhrgebiet anzutreffen ist, nicht auf den Punkt gebracht werden:

Da stehen zwei junge Männer auf einer Autobahnbrücke in dieser Region und starren sehnsüchtig auf die rollenden Automobile. Lange sprechen sie nicht, bis einer der beiden den Satz ausspricht: „Lass uns abhauen!“ Es folgt ein langes Schweigen und die beiden starren auf den dichten Verkehr in beide Richtungen. Irgendwann gibt der andere die Antwort: „Weißt du was? Woanders ist’s auch scheiße!“

Es sind jene Geschichten, die so salopp daherkommen und im ersten Moment wie ein nicht sonderlich geistreicher Witz erscheinen, bevor sie sich setzen und ihre Weisheit entblößen. Und wie das so ist, in bestimmten Situationen fallen einem gerade solche Geschichten ein. Gestern zum Beispiel, als ich hörte, wer sich in der britischen Tory-Partei durchgesetzt und nächste Ministerpräsidentin Großbritanniens werden würde. 

Da reiht sich eine neue, dem Hasardspiel verfallene Figur in eine Abfolge desaströser Personalentscheidungen, die in jüngster Zeit in Europa getroffen wurden und die als ein starkes Symptom für eine systemische Krise gewertet werden müssen. Nicht nur, dass die Frau bereits bei internationalen Auftritten als Außenministerin ihre Ignoranz in Bezug auf die globale Geographie zur Schau gestellt hat, sondern ihre Vision von der Rückkehr eines dominanten British Empires, in dem die Sonne nie untergeht, allerdings nicht durch kolonialen Raub, sondern durch Kunststückchen auf dem Finanzsektor. Mit fliegendem Teppich weg von der Wertschöpfung, hin zu Spekulationsblasen und irrem Gehabe, wie ihr Vorgänger, jener Upper-Class-Bengel, der aus den Regierungsgeschäften bereits eine studentische Freak Show gemacht hat.

Und nicht nur GB glänzt im Licht der Irrationalität, sondern eine kleine Tournee durch die westliche Welt, bis hin zum Machtzentrum jenseits des Atlantiks zeigt, in welchem Zustand sich der Teil der Welt befindet, in dem die Regeln für den gesamten Globus aufgestellt werden sollen. 

Die falscheste aller falschen Regungen wäre allerdings, obwohl wie immer sehr verführerisch, sich auf einer glücklichen Insel zu wähnen, auf der die Welt noch in Ordnung sei. Manche, aber die würden von den beiden Jungs auf der erwähnten Autobahnbrücken nicht ernst genommen werden, würden sich gerne angesichts der erwähnten Misere auf die Schultern klopfen und den Rest der Welt belehren wollen. Doch die sind nicht von Relevanz.

Und, da muss ich mein Unbewusstes ausdrücklich loben, mir fiel tatsächlich noch eine Geschichte ein, die mir ein Freund erzählte. Zu Beginn seiner Karriere als Technik-Experte auf dem Sektor der internationalen Zusammenarbeit, die ihn über Jahrzehnte in viele Länder dieser Erde gebracht hatte, wurde er von seinem neuen Chef nach seinen privaten Angelegenheiten befragt. Nachdem er berichtet und zugegeben hatte, dass es einige Probleme gab, die im Moment wohl nicht lösbar seien, hatte der Mann, natürlich ein Senior der alten Schule, sofort geantwortet: „Sie sind eingestellt. Ihre Reverenzen sind vorzüglich. Aber sie fahren jetzt nach Hause und bringen ihre Verhältnisse in Ordnung. Vorher geht es nicht auf Reisen!“ 

Ich denke, beide Geschichten haben in unserer Zeit eine große Aktualität, so trivial es auch klingt. Woanders sind die Probleme nicht geringer, und bevor du dir das anschaust, sieh zu, was du zuhause ins Lot bringen kannst!  

The World You Want oder The German Angst — Neue Debatte

Angst ist, was die Planung der Zukunft betrifft, tatsächlich ein schlechter Ratgeber. Sie hält davon ab, an das Wünschenswerte zu glauben und sich das Unmögliche vorzustellen. Stattdessen ebnet sie den Weg zur Panik und verleitet zu Kurzschlusshandlungen. Der Beitrag The World You Want oder The German Angst erschien zuerst auf Neue Debatte.

The World You Want oder The German Angst — Neue Debatte

The German Angst

Gesichter sagen alles. Macht einen Spaziergang durch die Welt. Und dann kommt wieder zurück. Ihr werdet feststellen, dass es große Unterschiede gibt. Nicht, dass in den unterschiedlichen Regionen dieser Welt das Glück eine weit verbreitete Erscheinung wäre. Überall existieren Probleme, sind Nöte zu verzeichnen und lauern Gefahren. Und dennoch, unabhängig von den Befindlichkeiten einzelner Regionen, hier und dort sind Unterschiede zu verzeichnen, die belegen, dass die Menschen mit ihrer Situation unterschiedlich umgehen. Aus den Augen der einen strahlt Zuversicht, aus denen anderer Unzufriedenheit, teilweise auch Defätismus. 

In Deutschland ist die Bilanz derweil nicht sonderlich ermutigend. Generell, und das sagen Beobachter aus anderen Kulturkreisen, überwiegt eine Physiognomie, aus der tiefer Grimm spricht. Sehen Sie sich die Menschen an, wenn sie unterwegs sind und glauben, unbeobachtet zu sein. Auf dem Weg zur Arbeit, bei der Verrichtung alltäglicher Routinen und selbst bei der Freizeitgestaltung. Selten sind Menschen zu sehen, die in sich hinein lächeln. Was daraus spricht? Die Antwort wäre für viele wiederum sehr einfach. Sie würden wahrscheinlich sagen, dass es die Verhältnisse seien, die keinen Anlass zur Zuversicht geben. Was sicherlich stimmen mag, es ist jedoch nicht die Ursache.

Die Frage, wie ein Mensch durchs Leben geht, hängt in sehr starkem Maße davon ab, welche Perspektive für die Zukunft dominiert. Wer sich nur mit dem Status quo beschäftigt, ist an ein Band gebunden, das auf Erhalt geeicht ist. Alles, was kommt und kommen mag, wird als eine Gefahr betrachtet für diesen Status. Es entsteht eine Übermacht der Ängste. So ist es kein Wunder, dass sich international ein Begriff etabliert hat und die hiesige Befindlichkeit beschreibt: The German Angst. 

Angst, so wissen wir, ist ein schlechter Ratgeber. Sie kann zwar Leben retten, wenn es darum geht, in akuten Gefahrensituationen das Weite zu suchen. Sie kann aber zu einer existenziellen Bedrohung werden, wenn sie sich zum alles überragenden Motto etabliert. Angst ist, was die Planung der Zukunft betrifft, tatsächlich ein schlechter Ratgeber. Sie hält davon ab, an das  Wünschenswerte zu glauben und sich das Unmögliche vorzustellen. Stattdessen ebnet sie den Weg zur Panik und verleitet zu Kurzschlusshandlungen. Diese führen in der Regel, und die Ereignisse der jüngsten Zeit belegen dieses auf eindrückliche Weise, zur Akzeptanz von Maßnahmen, die zwar vorgeben, die Gefahr zu bannen, die von ihrem Wesen allerdings dazu führen, den Zustand der eigenen Entmündigung zu verschlimmern und damit neuen Stoff für die tödliche Droge der Angst zu liefern.

Der Blick in die Gesichter belegt das Dilemma. Angst, Unzufriedenheit und eine tiefe Blockade für befreites Denken überwiegen das Bild. Das tägliche Spiel der Empörung, des Entsetzens und der wütenden Reaktion auf jede Erscheinung, die die Verhältnisse mit sich bringen, hält davon ab, eine Zukunft, die das Lächeln zurückzubringen vermag, frei von Bedenken zu entwerfen. 

Eine ganze Industrie hat sich herausgebildet, die ununterbrochen damit beschäftigt ist, das Spiel der Angst am Laufen zu halten und die Emotionen, die daraus resultieren, zu kanalisieren. Das größere Unterfangen wird sein, diese Industrie stillzulegen und zu beseitigen. Beginnen muss es mit ihrer Ignorierung und Isolierung. Hinsichtlich der Bedeutung von Zuversicht ist das wichtiger als alles andere. Nur wenn der Blick auf die Zukunft frei wird, ungetrübt von Angst, kann etwas entstehen, das die tödliche Starre beendet.