Archiv für den Monat September 2022

Tastes Salty…

Da wurde nochmal alles aufgefahren, was das British Empire in militärischer Hinsicht zu bieten hatte. Die Truppen, die rund um den Erdball die Interessen der alles dominierenden Handelsgesellschaften mit Pulver und Klinge vertreten hatten. Von Indien bis in den Senegal, von China bis nach Rhodesien, dem heutigen Zimbabwe. Anlässlich der Beisetzungszeremonien von Elisabeth II. wurde der Weltöffentlichkeit noch einmal vor Augen geführt, wie das einstige Weltreich zu Ruhm und Ansehen gekommen war. Durch Waffengewalt, und sonst nichts. Und es war bestürzend zu sehen, wie eine Öffentlichkeit und Berichterstattung in unseren Breitengraden es schaffte, dieses Faktum komplett auszublenden und sich exklusiv in Spekulationen über die familiären Beziehungen innerhalb des Königshauses zu ergehen. Eine historische Betrachtung des British Empire und seines Niedergangs mit den Folgen für das Land wie die Welt blieben aus. Warum auch? Geschichte ist lästig geworden, vor allem, wenn sie die eigene Unwissenheit und/oder Vertuschung offensichtlich werden lässt. 

Den ganzen Tag über bekam man, ohne lange suchen zu müssen, Kostproben des großen historischen Nirvanas, das in den Köpfen der Qualitätsmedien vorherrscht. Da fabulierte in den frühen Morgenstunden bereits eine in vielen Formaten angesagte Moderatorin, für Deutsche sei das alles natürlich sehr fremd, da wir hier seit Hunderten von Jahren keine Monarchie mehr hätten. Da sich die Dame eher im U-Bereich tummelt, ohne dem Publikum allerdings ihre tiefe politische Einsicht zu ersparen, steigerte sich das Entsetzen allerdings, wenn man sich akkreditierte Polit-Journalisten anhörte, die erklärten, der chinesische Staatspräsident Xi Jinping sei nicht gekommen, weil die dortige prekäre Menschenrechtslage immer wieder seitens Großbritanniens angesprochen worden wäre. Und auch aus Indien, trotz Mitgliedschaft im Commonwealth, der Nachfolgeorganisation des Empire, war nur eine Vertretung des Staatsoberhauptes präsent. Den beiden bevölkerungsreichsten Ländern des Planeten, die durch das British Empire mit Krieg und Raub überzogen wurden, die demokratische Gesinnung abzusprechen, weil sie sich den Anblick der noch einmal aufpolierten imperialen Militärmacht ersparen wollten, beschreibt sehr gut die katastrophale Blickverengung, dem die hiesige Betrachtungsweise unterliegt.

Ob das einem flächendeckenden Bildungsdefizit geschuldet ist oder als das Werk bewusster Propaganda angesehen werden muss, ist in Bezug auf das Ergebnis sekundär. Der exklusiv koloniale oder imperiale Standpunkt hindert daran, die tatsächlichen Kräfteverhältnisse auf dem Globus richtig einschätzen zu können und die Motive politischen Handelns zu begreifen. Was folgt, ist ein Schluss, der die Irrationalität exklusiv beim getäuschten Betrachter ansiedelt. Aus Sicht der Kommentatoren, die mit einbetoniertem Kompass die Welt umsegeln, wimmelt es, egal wo sie anlegen, von Wirr- und Dummköpfen, von schlechten Charakteren und Frevlern, die nichts begriffen haben von der Großherzigkeit und Freiheit, mit der der Westen bereit ist, die Welt zu überziehen. Selbstverständlich darf man die Welt so sehen. Bei einer Annäherung an die rettenden Insel der Realität hilft es natürlich nichts. An irgend einem Riff wird man schon hängenbleiben. Aber wenigstens das ist gewiss.

Die wohl erste alte koloniale Macht, die Opfer dieser kolonialen Sichtweise ist, wird Großbritannien selbst sein. Gestern noch strahlte er ein letztes Mal, der Glanz der Weltherrschaft, die sich in dem immer wieder von britischen Seeleuten kolportierten Satz offenbarte, den sie aussprachen, wenn sie in fremde Gewässern waren. Dann streckten sie die Hand ins Wasser und probierten das Nass. Die Antwort war immer: Tatstes salty, must be British. 

Aus heutiger Sicht der größte Trugschluss, den man sich leisten kann. Und das betrifft bei weitem nicht nur die Briten.

Aserbaidschan: Wie geschmiert und so … — Neue Debatte

Angesichts der sich neu bildenden Allianzen, die sich aus der Konfrontation mit Russland herausbilden, komme ich über den Rat meiner Tante nicht hinweg: Sage mir, mit wem du verkehrst, und ich sage dir, wer du bist! Der Beitrag Aserbaidschan: Wie geschmiert und so … erschien zuerst auf Neue Debatte.

Aserbaidschan: Wie geschmiert und so … — Neue Debatte

Aserbaidschan?

Eine meiner Tanten, diejenige, die früh die Provinz verlassen und in einigen Metropolen gelebt hatte, nahm mich einmal, metaphorisch, zur Brust und tadelte mich. Ich hatte einen meiner Kumpels von der Straße mit nach Hause gebracht und er hatte ihr gar nicht gefallen. Das sagte sie mir unumwunden. Nicht, dass es um seine soziale Stellung gegangen wäre, das betonte sie ausdrücklich. Aber Charakter und Benehmen gefielen ihr ganz und gar nicht. Sie verband das mit einer Maxime, die ich mir zu Herzen nehmen sollte: „Sage mir, mit wem die verkehrst, und ich sage dir, wer du bist.“

Und wieder ist sie da, die Schläue des Unbewussten. Denn diese Episode, die zeitlich weit ins letzte Jahrhundert zurückreicht, kam mir wieder in den Sinn, als ich eine strahlende EU-Kommissionspräsidentin mit dem Präsidenten Aserbaidschans vor die Kameras treten sah, um das neue Energiebündnis vorzustellen. 

Und wieder war es da, das Déjà-vu. Seitdem die EU wie die USA argumentativ die eigenen Werte bemüht, um eine Politik zu begründen, die immer wieder auf heftige Konflikte hinausläuft, endet es in einem Dilemma. Da wird zum einen der Kampf gegen Ungerechtigkeit, Diktatur und Repression aufgerufen, es werden Sanktionen beschlossen, Waffen geliefert und Militär in Bewegung gesetzt, um am Ende vor einer Situation zu stehen, die noch weniger erfreulich ist als die Ausgangslage. Das war so im Irak, das war so in Libyen, das war so in Syrien und das war so in Afghanistan. Und vieles spricht dafür, dass die Reaktion auf den Krieg in der Ukraine auf einen ähnlichen Ausgang zuläuft.

Die Strategie, Russland ruinieren zu wollen, hat sich, unter Berücksichtigung der Schäden, die im eigenen Lager aufgrund der Sanktionen entstanden, als Wunschdenken herausgestellt. Dass es denen, die diese Politik beschlossen und durchgesetzt haben, nicht genehm ist, diese Politik einer kritischen Rückschau auszusetzen, ist bekannt. Keine Fehlentscheidung der letzten Jahre hat je zu einer kritischen Revision geführt. Nein, nach der ersten falschen Entscheidung flüchtet man sich in die nächste, um irgendwie dem Dilemma entkommen zu können.

Die hektischen Reisen des Wirtschaftsministers auf der Suche nach neuen Energielieferern mit seinem Bückling in Katar ist noch allen im Gedächtnis. Da deutete sich bereits an, dass die alternativen Bündnisse und Partnerschaften, die im Konflikt mit Russland gesucht wurden, zu einem Dilemma führen würden. Plötzlich kam die Frage auf, ob man nun, gemäß einer durch Werte begründeten Politik, russische Zwangsarbeit mit nach Scharia-Recht abgehackten Händen oder gesteinigten Frauen abzuwägen habe. 

Auffällig war und ist, dass die in jeder Nachrichtensendung berichteten Verstöße gegen unsere Werte in Russland und China allen Raum einnehmen, die zum Teil brutaleren und abscheulicheren Verstöße gegen diesen Kodex bei den neuen Partnern jedoch nicht ins Gewicht fallen. Völkerrechtswidrige Vorgehensweisen von russischer Seite sind ein Skandal, türkische wie in Syrien und im Irak nicht. 

Bei der so stolz präsentierten neuen Partnerschaft mit Aserbaidschan sei daran erinnert, dass das Land nicht nur im 167 Länder umfassenden Demokratieindex auf Rang 146 steht, sich völkerrechtswidrigen Übergriffen gegen Armenien schuldig macht und in der Tradition des Völkermords gegen Armenier steht. Gleichzeitig ist bekannt, dass einige CDU-Parlamentarier in der letzten Zeit durch Beauftragungen und Tantiemen aus Aserbaidschan auffällig geworden sind. 

Ein Ausweg aus dem Dilemma ist, trotz aller reklamierter Komplexität, durchaus möglich. Es ist die Definition der eignen Interessen und die Anerkenntnis von Realitäten, die ohne Krieg nicht beeinflussbar sind. 

Angesichts der sich neu bildenden Allianzen, die sich aus der Konfrontation mit Russland herausbilden, komme ich über den Rat meiner Tante nicht hinweg: Sage mir, mit wem du verkehrst, und ich sage dir, wer du bist!