Archiv für den Monat August 2022

Es ist Sommer!

Es ist Sommer, die Sonne scheint reichlich und es herrscht Klarheit über das, was nach dem Sommer kommen wird. Was will man mehr? Gut, da existieren unterschiedliche Gemütszustände im Land. Das war immer so und das wird immer so bleiben. Da sind die ewigen, preußischen  Defätisten, die schon immer wussten, dass der Untergang kurz bevorsteht. Und da sind die rheinischen Positivisten, die nach dem Motto, dass es noch immer gut gegangen ist, beim Frühstück dem Ei den Kopf abschlagen und mit der Zunge schnalzen. Diese Spaltung auf dem Felde der nationalen Emotion, diese Spaltung wird wohl bleiben bis ans Ende dieses Landes, es sind die Relikte aus dem Dreißigjährigen Krieg, der ewige Kampf von Katholizismus und Protestantismus, der anderen Nationen Europas im Innern erspart geblieben ist. Hier, im bevölkerungsreichsten Land jenseits von Russland, da herrschen tief in der Seele sowohl Ihre Majestät Kassandra als auch seine Grazie, der König Luftikus, dem das Weh der Welt am Arsch vorbei geht und der gerne noch ein Viertele schlotzt, bevor er vor das Weltgericht zitiert wird.

Sie fragen sich, wohin diese Gedanken führen? Die Antwort ist gar nicht so schwer. Denn zu erwarten, dass es da eine Richtung, eine Entwicklung geben würde, die sich gegen die ganze Unordnung, die entstanden ist, stellte, ist angesichts der mentalen Disposition dieses Landes eine Illusion. Sie stirbt zwar nie, weil wir alle hoffen und leiden und zuweilen etwas neidisch auf andere Länder schauen, wo zumindest die Herzen im gleichen Rhythmus schlagen, aber sie bleibt dennoch, was sie ist: eine Fata Morgana, eine Vorstellung von der Erlösung, die es nie geben wird.

Es existieren Beispiele in der klugen Literatur, von der Antike bis heute, aus denen wir uns Anregungen holen könnten, wie umzugehen ist mit einem Makel, das immer bleiben wird. Wie man diesen Makel sogar umdeuten könnte zu einer Stärke, die dazu führt, stets den Widerspruch mit einzukalkulieren und sich nicht durch die Euphorie zur Unbedachtheit verleiten zu lassen. Aber, auch das wissen wir, wir neigen nicht zur Erlösung, sondern wir suchen das bittere Leid, die ewige Pein, weil nur sie es ist, die alles andere rechtfertigt. Den Müßiggang, die Übertreibung, ja, sogar die tiefe Sünde. Wir wollen leiden, wir wollen aber auch Monster sein.

Und, auch das gehört wiederum zur Tiefe unserer Psychologie, wir sind entsetzt darüber, dass unsere Nachbarn und viele andere in der Welt uns tatsächlich für diese Monster halten. Das verdanken wir der Geschichte, in der wir unterwegs waren und Leid wie Höllenqualen unter die Menschheit gebracht haben. Und das verdanken wir unserer eigenen Reaktion darauf. Die Bitternis über die eigene Monströsität, die ewige Selbstanklage bei gleichzeitiger Beibehaltung eines überheblichen Dogmatismus führen bereits bei anderen zur Alarmstufe Rot. Wenn die Deutschen so reuevoll und bitter unterwegs sind, dann dauert es nicht lange, bis sie mit einer Medikation auftreten, die eine bessere Zukunft bereiten soll. Und zwar obligatorisch für alle. 

Wenn dem so ist, dann singen selbst bei den lustigsten und leichtlebigsten Völkern die Kassandras das vergebliche Lied des drohenden Unheils. Und die Klugen unter ihnen werden denken, dass die Deutschen gut beraten wären, sich zunächst selbst zu befreien, bevor sie das zugunsten anderer tun wollen. Aber, wer hört in der Kakophonie einer sich ändernden Welt schon auf die Klugen? Und, in Deutschland selbst, da hört man nicht gerne auf die Signale von außen. Die Selbstbeschäftigung ist die einzige Branche, die in diesem Land immer Hochkonjunktur hat. 

Regen Sie sich nicht auf. Es ist Sommer. Die Sonne scheint, und der Herbst ist noch weit. Es ist noch immer gut gegangen. Selbst in der Hölle. Phasenweise, versteht sich.  

ÖRR: Noch reformierbar?

Man kann sich grämen, man kann sich voller Schamgefühl abwenden oder man kann dem Wahnsinn verfallen. Letzteres gliche der Ursache. Denn anders ist das nicht mehr zu erfassen, was sich die Nachrichtenformate der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten immer einfallen lassen und in die mittlerweile verdunkelte Welt hinausblasen. Gestern war wieder so ein Tag und das heute journal des ZDF hatte, wie sollte es anders sein, einen Experten aus einem der regierungsnahen Think Tanks eingeladen, um ein statt gefundenes Ereignis zu bewerten.

Dabei ging es um den Anschlag auf die Tochter des russischen Geostrategen und Politikberaters Alexander Dugin, seinerseits im Westen vor allem bekannt durch seine jüngste Publikation „Das Grosse Erwachen Gegen Den Great Reset“. Dugin gilt als enger Berater Putins, was ihm bei vielen der westlichen Qualitätsjournalen die Bezeichnung des „Einflüsterers“ verschafft hat. Ziel des Anschlags, so sind sich nicht nur die russischen, sondern auch die westlichen Geheimen Dienste einig, war wohl Alexander Dugin selbst. Er war jedoch auf einer Veranstaltung länger geblieben, seine Tochter hatte stattdessen den PKW genommen und war kurz darauf durch einen Sprengsatz verursacht damit in Stücke gerissen worden.

Die ansonsten stets moralisch schniefende Moderatorin fragte, vom Gesichtsausdruck her eher belustigt, wie denn die Geschichte zu deuten sei. Der Experte nannte drei Szenarien, die existierten: 1. die Version des russischen Geheimdienstes, die den Anschlag mit tödlichem Ausgang der Ukraine zuschriebe, 2. die Tat einer wo auch immer zu verortenden Terrorgruppe innerhalb Russlands und 3. eine vom russischen Geheimdienst selbst inszenierte Operation.

Flink arbeitete der Experte die Wahrscheinlichkeiten ab und nannte die ersten beiden Versionen verschwörungstheoretisch, während die dritte wohl durchaus möglich sei. Lassen wir es uns auf der Zunge zergehen: in einer Nachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wird allen Ernstes behauptet, der russische Geheimdienst hätte die Tochter eines der engsten Beraters des Präsidenten in die Luft gesprengt, um allen Russen zu zeigen, wer nicht spure, dem blühe Schreckliches. Alle anderen Deutungsmöglichkeiten, die dem staunenden Hörer und Zuschauer zunächst einmal als nicht unwahrscheinlich erscheinen mochten, wurden kurzerhand vom Tisch gewischt, um mit einer richtig geilen Sci Fi Story aufzuwarten, die natürlich voll ins politische Schema der gegenwärtigen Kriegsführung passte. Danach wurde das munter geführte Interview beendet.

Zeitreisen sind ein gutes Mittel, um sich die Entwicklung vor Augen zu führen und die Emotionen aus dem Spiel zu lassen. Und so sei der Vorschlag akzeptiert, sich vorzustellen, dass eine derartige Geschichte, sagen wir, vor 20, 25 Jahren in den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen hätte stattfinden können. Die Antwort ist eindeutig: Nein, es wäre ein Skandal sondergleichen gewesen, wie Wahrscheinlichkeiten vom Tisch gewischt wurden und abstruse Fieberträume den Status der Faktiziät erlangten. Das Publikum hätte protestiert, die Journalistenkollegen hätten sich positioniert und Intendanz wie Aufsichtsgremien hätten Rede und Antwort stehen müssen.

Der Umstand der gestrigen Entgleisung ist weder unbekannt noch neu. Während sich derzeit, wahrscheinlich auch inszeniert, alles um die Amtsführung einer Intendantin dreht, bleibt der eigentliche Skandal, nämlich die Verwahrlosung des journalistischen Niveaus und die gleichbleibende Parteilichkeit, und zwar stets auf der vermeintlichen Regierungsseite, im Dunkeln bleibt. Mit dem Skandal um eine klebrige Amtsführung meint man, das Augenmerk von einem Zustand ablenken zu können, den ein Großteil der Konsumenten längst enthüllt hat. Und, das sollte jedem klar sein, dem von innen heraus nicht mehr Abhilfe geleistet werden kann. Spätestens die täglichen geschlagenen kriegerischen Propaganda-Volten haben gezeigt, wohin die Reise gegangen ist. Der handwerklich seriöse Journalismus wurde systematisch eliminiert oder gering dosiert als Alibi eingesetzt, während der ganze Dreck der Propaganda nach oben geschleudert wurde. 

Was meinen Sie, ist das noch reformierter?  

Als sähe man einen Film über die Moskauer Prozesse…

Der Entwicklung sei Dank, dass es seit mehreren Jahrzehnten die Möglichkeit des Zappens gibt. Die Fernbedienung hat dazu beigetragen, sich sehr schnell von Programmen trennen zu können, die nicht interessierten, die zu trivial erschienen oder die dass Zeug dazu hatten, den Betrachter in den Wahnsinn zu treiben. Mir ging es so vor zwei Tagen, als ich beim Zappen in einem so genannten Polit-Talk landete, in dem sich ein sehr angefasster Ministerpräsident gegen den Vorwurf einer jungen grünen Politikerin emotional aufgeladen dagegen wehrte, für die Invasion Russlands in die Ukraine mitverantwortlich zu sein. Ich wartete, bis die Frau anfing zu reden, hörte einen Satz und zappte nicht weg, sondern schaltete aus. Sie müssen wissen, dass allzu große Aufregung zumindest meiner Gesundheit erheblichen Schaden zufügt.

In ruhigeren Zeiten, die vielleicht noch die Überschrift der Zivilisation getragen hätten, wäre zu erwarten gewesen, dass die Kritik aus der Gegenwart auf eine gescheiterte Politik dahingehend hätte sein müssen, zu wenig oder das Falsche getan zu haben, um einen heißen Krieg zu verhindern. Im konkreten Fall gäbe es auch sehr viel dazu zu sagen: ein von außen forcierter Regime Change, die Missachtung einer kulturellen und ethnischen Grenze in einem Land, die Beibehaltung von korruptem Regierungspersonal, die systematische Verfolgung einer ethnischen Minderheit und eine kolossale Aufrüstung. Doch jenseits dieser Fakten ist das, was die Grünen derzeit formulieren, zu verorten.

Was diese Partei tatsächlich fertig bringt und denen, die in den letzten Jahrzehnten Regierungsverantwortung trugen, von Brandt bis Merkel, mit Ausnahme der kurzen glorreichen Beteiligung am Balkankrieg aufgrund grüner Befürwortung, vorwirft, ist die viel zu spät oder gar nicht gezogene Karte des heißen Krieges. So richtig bewusst ist das vielen von den plappernden Sprechmaschinen sowohl in der besagten Partei als auch in den monopolisierten Gazetten nicht. Aber, Hand aufs Herz, was ist denn die Option, wenn man nicht bereit ist zu verhandeln und das Gegenüber sowieso als ein Monster betrachtet? Genau, das, wofür sie heute stehen und in der Vergangenheit auch standen: Krieg. 

Also, wenn wir der Argumentation konsequent folgen, dann ist die bisherige Politik deshalb gescheitert, weil man nicht schon früher auf Krieg gesetzt hat. Einmal abgesehen von dem weltfremden Wahnwitz, der da aus den berufenen Mündern der Öko-Walhalla ertönt, und da sollte sich niemand etwas vormachen, Sekten gehen eher kollektiv ins Verderben, als dass sie sich der Ratio öffneten, was zumindest mich verwundert und gleichzeitig beschämt, ist das Verhalten derer, die da auf die Anklagebank gesetzt werden.

Als sähe man einen Film über die legendären Moskauer Prozesse der dreißiger Jahre im letzten Jahrhundert, auf der so manch prominenter wie intelligenter Mitbegründer des neuen Staates saß und zum Tode verurteilt wurde, so sitzen auch die Politiker einer auf Frieden ausgerichteten Ostpolitik auf der imaginären Bank und stammeln Schuldbekenntnisse über ihr eigenes Versagen, fühlen sich beschmutzt durch ihre vermeintliche Nähe zum Kreml und sind wehrlos gegenüber den grünen und medialen Richtern. 

Im Gegensatz zu dem gezogenen historischen Vergleich droht den momentan Angeklagten nicht der Tod. Was ihnen droht, und jeden Tag, an dem sie sich nicht hinstellen und den besoffenen Bellizisten die Stirn bieten, ihnen alles nimmt, was einen Menschen ausmacht, nämlich die Selbstachtung, ist ein schmachvolles wie unnötiges Ende in der Politik. Ihnen sei geraten, zu jedem Versuch, den sie gemacht haben, um einen Krieg zu vermeiden, zu stehen und sich weiter um Initiativen zu kümmern, die geeignet sind, den Krieg zu beenden. Vielleicht hilft es ja, ihnen zu versichern, dass sich der Wind längst gedreht hat. Wer sich jetzt erhebt gegen den Irrsinn, wird noch eine politische Zukunft haben. Die anderen nicht.