Archiv für den Monat Juli 2022

Kollege Hiob

Es sind ja oft die aktuellen Reize, die das Gedächtnis mobilisieren und nach Analogien suchen. So wundert es mich selbst nicht, dass mir angesichts des Grundrauschens unserer Nachrichten ein ehemaliger Mitarbeiter in führender Position einfiel. Um es gleich vorneweg zu sagen: er war ein feiner Kerl, hatte gepflegte Umgangsformen, war immer gegenüber allen korrekt und ihm war nichts zuviel. Ganz im Gegenteil. Was ich erst als das Entertainment-Phänomen ansah, nämlich seine Neigung, auf dem Gang mit allen, wirklich allen, auf die er traf, einen kleinen Plausch zu halten und der in der Regel so ausgeht, dass nicht nur die eigene Arbeit liegen bleibt, sondern auch die derer, die so wundervoll unterhalten werden, traf zumindest auf ihn nicht zu. Wenn die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich bereits auf dem Heimweg oder schon im Freizeitmodus befanden, begab sich dieser Kollege erst zum intensiven Arbeiten in sein Büro. Er war zumeist der Letzte, der das Areal verließ.

Allerdings hatte er eine Angewohnheit, die er intensiv pflegte und die nicht nur mich irritierte. Er suchte nämlich bei allem, bei den großen Projekten, an denen wir arbeiteten wie auch bei den eher zur Routine zählenden Details nach dem sprichwörtlichen Haar in der Suppe. Da hatten wir über lange Zeiträume eine Strategie formuliert, uns Programme ausgedacht, wie wir die Ziele erreichen könnten, Menschen akquiriert, rekrutiert und qualifiziert, alles mit den Kooperationspartnern kommuniziert und die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt und bei der letzten Sitzung, in der wir den Startschuss geben wollten, trat jener Kollege auf und stellte Fragen, die alle verwirrten und sah Probleme, für deren Identifizierung ein ein anderer Zeitpunkt gut, dieser jedoch miserabel war. 

Mich verärgerte diese Eigenschaft kolossal und manchmal dachte ich, wenn es so etwas wie eine perfekt konzipierte Form der Sabotage geben würde, dann wäre es genau das, was der besagte Kollege immer wieder praktizierte. Das alles geschah immer in höflicher, konzilianter Form, aber das Ergebnis war dennoch unappetitlich. Selbst Mitarbeiter, die sich über lange Zeiträume engagiert hatten und viel mehr investiert hatten, als sie hätten müssen, wurden kurz bevor die ganze Mühe in den erlösenden Effekt eines Erfolgserlebnisses münden sollte wurden von den Fragen und Bedenken des Kollegen ausgebremst und in ein tiefes Loch gestoßen.

Die mentale Systematik, die dem nicht durch Boshaftigkeit motivierten Handeln zugrunde lag, war nicht einfach zu entschlüsseln. Er wollte nicht die Probleme, die er sah, lösen, sondern sie, wie er es ausdrückte, lediglich regeln, wie damit umzugehen sei. Er verriet sich dann immer mit der Formulierung, dass, hätten wir erste einmal eine Regelung gefunden, wie wir mit einem Missstand umgingen, dann hätten wir auch eine Lösung. 

Im Grunde, so zumindest meine Interpretation, handelte es sich um einen überaus vorsichtigen Mann, der sich bei allem, was er tat und wofür er zur Verantwortung gezogen werden konnte, maximal absichern wollte. Er hat alle Höhen und Tiefen des Arbeitslebens überlebt und so mancher Hinweis, der zunächst von allen, die zur Aktion schreiten wollten, regelrecht verflucht wurde, gab doch Anlass, die Sache noch einmal zu überdenken.

Eine Episode, die ihm dann eine Bezeichnung einhandelte, von der er nicht mehr loskam, ereignete sich an einem Morgen, als wir uns zu einer kurzen Lagebesprechung zusammenfanden. Er erschien etwas später, weil er auf dem Gang wieder etwas erfahren hatte, was in sein Schema passte. Er erschien freudestrahlend im Raum, rieb sich die Hände und deklamierte in Festtagsstimmung, er habe soeben wieder eine Hiobsbotschaft erhalten. Seit dieser Stunde war er der Kollege Hiob. Den Namen trägt er noch heute.

Made in Washington: Was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben — Neue Debatte

Das Buch „Made in Washington: Was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben“ von Bernd Greiner kommt ohne Polemik aus. Es beschränkt sich auf Fakten und klärt Hintergründe. Eines wird bei der Lektüre wieder einmal allzu deutlich: Ziel des Imperiums ist die Dominanz und der eigene Vorteil – koste es die anderen, was…

Made in Washington: Was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben — Neue Debatte

Die wachsenden Ängste des R.

Die alten Chefs, in den patriarchalisch organisierten Fabriken, die nach dem Morgenritt in Stiefeln und mit der Reitgerte unter dem Arm die Arbeit inspizierten, pflegten, wenn sich Arbeiter am Ende des Monats über das beschwerten, was sie in der Lohntüte vorfanden, mit dem markigen Spruch zu antworten: „Am Lohntag zeigt sich, wer gebummelt hat!“ Aus heutiger Sicht wirkt das arrogant und zynisch, was es auch war, aber es war das Abbild einer Gesellschaft, die noch nicht im Sinne der Organisation unterschiedlicher Interessengruppen formiert war. je höher der gewerkschaftliche  Organisationsgrad wurde, desto weniger Reitpeitschen waren zu sehen und zynische Sprüche zu hören. Die Zivilisation fand Einzug in den Dialog unterschiedlicher Interessen, was ohne robuste Auseinandersetzungen nicht so gekommen wäre.

Gewerkschaften und Parteien bildeten die Organisationsformen, die über Jahrzehnte den Takt der Industriegesellschaften prägten, bevor ein Erosionsprozess einsetzte, der auf verschiedene Faktoren zurückzuführen war. Einer davon war die Korrumpierung der Organisationen des Widerstands durch die Teilhabe an Macht und, in geringfügigerem Maße, an Geld. Ein anderer Grund war der durch den Massenkonsum und die Unterhaltungsindustrie beförderten Konsumismus, der zu Lähmungserscheinungen führte. Entscheidend waren die technologischen Revolutionen, die das wissende, beherrschende und befähigte Subjekt in der Produktion numerisch in immer geringerem Ausmaß erforderlich machten. Und zuletzt wurde die Sozialisation derer, die das Wort im Kampf gegen die Macht des Besitzes führen sollten, immer weniger vom Schicksal derer, die sie vertreten sollten geprägt, sondern durch Bildungsinstitutionen und die Abkapselung in Peer Groups. 

In der Individualisierung und Subjektivierung hat der Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten Quantensprünge vollzogen. Um das als gut oder schlecht zu beurteilen ist, dazu hatten vor allem diejenigen, für die es schlecht bis miserabel wurde, keine Zeit, denn sie mussten sich in immer prekärer werdende Erwerbsverhältnisse begeben. Und diejenigen, die von der basalen Existenzvorsorge befreit sind, hatten keinen Anlass, das für sie gute Leben zu hinterfragen.

Dass zur gleichen Zeit, in der der anarchisch sich über den Globus ausbreitende Finanz- und Turbokapitalismus ganz antik eine Krise nach der anderen produziert hat, dass er nach wie vor die Grundlagen dessen systematisch zerstört, was sein momentan Lukratives ausmacht, dass er vor Kriegen um Rohstoffe und Einflusssphären nicht halt macht und sich wie eh und je als anarchisches, blutsaufendes Monster auf diesem Planeten bewegt, wagen diejenigen, die es wissen, kaum noch auszusprechen. Denn hinter ihnen stehen keine starken Organisationen mehr und vor ihnen liegt eine mentale Inquisition, wie sie seit dem grausigen Torquemada nicht mehr präsent war.

Daher ist es zu erklären, dass eine momentan durch die Rat- wie Belanglosigkeit hochgespülte politische Klasse sich benehmen kann, wie der eingangs geschilderte Fabrikherr zur Neige der feudalen Epoche. Sie weisen die Konsequenzen ihrer eigenen Entscheidungen von sich, sie neigen dazu, die Verantwortung immer auf diejenigen zu schieben, die am wenigsten damit zu tun haben und die Dreistigkeit ihrer Ansichten und Vorschläge bemerken nur noch die, die auf der anderen Seite stehen. Ja, es gibt sie, immer mehr, die im Schattenreich der Gesellschaft leben und sich nicht sicher sind, ob das, was sie hören, auch tatsächlich gesagt wurde. 

Und, als stünde doch am Rande des Geschehens ein großer Regisseur von Format, der an einem Film arbeitet, der alles Vergangene sprengen wird, kommen mitten im realen Leben Sequenzen vor, die eben aus diesem imaginären Drehbuch stammen könnten.

So war vor einigen Tagen, beim Vorbeilaufen an einem Stehcafé eben dieser Satz, ergänzt um eine Adresse, tatsächlich zu hören: „Robert, denk daran, am Lohntag wird sich zeigen, wer gebummelt hat!“ Und es folgte schallendes Gelächter. Anscheinend wussten alle, wer gemeint war.