Archiv für den Monat Juni 2022

Von der Kunst und dem Begriff der Freiheit

Wenn die Kunst Freiheit genießt, ist sie in der Lage, die Zukunft zu antizipieren, die Vergangenheit von einer völlig anderer Warte darzustellen und die Gegenwart zu einem großen Fragezeichen zu gestalten. Nichts braucht mehr die Luft der Freiheit als eine Kunst, die inspiriert. Wird sie zu einer Beschwörung bestehender Verhältnisse oder ein Duplikat des herrschenden Zeitgeists, verkommt sie zum Dekor und mit der Inspiration ist es dahin.

Die großen, schöpferischen Epochen der Kunst waren immer mit Visionen verbunden. Zuweilen wendete sie sich nur gegen bestehende Verhältnisse, die den Grad der Unerträglichkeit erreicht hatten, aber aus ihnen erwuchs in der Regel eine Vorstellung von dem, was da zu kommen hatte. Um bei Hegel zu bleiben, alles, was vernünftig ist, hatte zu sein. Das Vor-Denken eines neuen Zustandes jedoch ist nur denen vorbehalten, denen die Freiheit gewährt wird, dieses zu tun oder die sich dafür entscheiden, sich die Freiheit zu nehmen, koste es, was es wolle.

Wenn eine Gesellschaft den Konnex von Kunst und Freiheit nicht mehr im Blick hat, ist das keine lässliche Unkonzentriertheit, sondern ein Symptom. Ein Symptom für das Bestreben, das momentan für richtig gehaltene Weltbild gegen jeden Angriff durch die Fantasie zu schützen, oder, anders ausgedrückt, nur noch das zuzulassen, was die bestehenden Verhältnisse und deren Denkweise bestätigt. Das Ergebnis ist die Bedrohung der Freiheit der Kunst durch staatliche Exekutive, durch die Regenmacher der Moralwächter und durch die Angst, die um sich greift. Stillstand ist der beste Zustand, den man noch kennt. 

Ist dieser Zustand erst einmal erreicht, dann kennt die Pervertierung dessen, was als das Refugium menschlicher Kreativität und Entfaltung zu gelten hat, keine Grenzen und am Ende steht  eine Werkstatt für das Profane. Da wird der letzte, handwerklich miserable und intellektuell fragwürdige Schund zu großer Kunst hochstilisiert und alles, was dem herrschenden Gedankengut nicht an den Lippen hängt, der zudem noch kommerzialisierten Inquisition zum Fraß vorgeworfen. 

Gesellschaften, deren Kunst geknebelt ist, haben eines gemein: sie sind weit von der Freiheit entfernt. Dieses gilt ebenfalls für die Wissenschaften, die mehr und mehr von Systemen auf dem Weg in die Autokratie von einer Stelle der freien Forschung zu Auftragsagenturen degenerieren. Beides, die Knebelung der Kunst wie die Instrumentalisierung der Wissenschaften, sind ein Symptom für den Weg, den das politische System wie die es gebrauchenden Eliten eingeschlagen haben.

So lange, wie möglich, wird versucht, den Schein von Freiheit und Unabhängigkeit zu wahren. Das gelingt vor allem bei denen, die nicht wissen, was Freiheit ist. Die Zahl derer ist gewachsen, weil die Kämpfe um sie zumindest in unserem Teil der Welt kaum noch vorkommen. Denn der Begriff der Freiheit ist nur zu verstehen für diejenigen, die in dem Kampf um sie stehen. Unbeteiligtes Zuschauen vermittelt keine Vorstellung von dem Gut, das dahinter steckt. Und wer sich darunter nicht vorstellen kann, hat auch keine Ideen, wozu er sie benutzte, wenn er sie besäße. 

Und diejenigen, die mit den Produkten von freier Kunst und unabhängiger Wissenschaft in ihren Glossen und Kolumnen so rigoros ins Gericht gehen, dokumentieren in der Regel mit jeder Zeile, dass sie nicht einmal ihr eigenes Handwerk beherrschen. Das Ergebnis ist Leere, Ödnis und keine Vorstellung von einer wie auch immer gearteten Zukunft. Wesen ohne Zukunft sterben. Wieso sollten Gesellschaften davon ausgenommen sein? 

Mit nackter Angst in den Orkan hinein — Neue Debatte

Mit der Unterbrechung des Schienenverkehrs in die russische Exklave Kaliningrad durch Litauen wurde rasant an der Eskalationsschraube gedreht. Die Zeichen stehen nicht nur auf Sturm, sondern man provoziert sogar den Orkan. Der Beitrag Mit nackter Angst in den Orkan hinein erschien zuerst auf Neue Debatte.

Mit nackter Angst in den Orkan hinein — Neue Debatte

„Das Land, von dem ich spreche, mein Sohn…“

Vor kurzem kam mir eine Episode in den Sinn, die sehr lange zurückliegt und die meine Erinnerung wahrscheinlich erreichte, weil ich zur Zeit über die eine oder andere Analogie stolpern musste. Es war in der katholischen westfälischen Provinz, in der ich aufwuchs. Trotz einer nicht mit den heutigen Verhältnissen vergleichbaren Abgeschiedenheit erreichten uns dennoch Nachrichten über das Weltgeschehen und wir, d.h. die Jungen, die unter den Verhältnissen litten, sogen begierig alles auf, was in anderen Winkeln dieses Planeten geschah. Und da war von einer großen Hungersnot die Rede, die gerade Teile des indischen Subkontinents quälte. 

Wir beschlossen, etwas unseren Möglichkeiten Entsprechendes zu tun und begannen Geld zu sammeln, um es dann an eine der Hilfsorganisationen zu überweisen, die dazu aufriefen, den hungernden Menschen zu helfen. Und, vielleicht naiv, wie wir waren, wir stellten uns an einem Sonntag vor die Kirche und riefen zum Spenden auf. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Manche der Kirchgänger zeigten sich emphatisch und zückten ihr Portemonnaie, andere raunzten uns an und empfahlen, uns um unsere eigenen Dinge zu kümmern und lieber in der Schule fleißig zu sein und wieder andere huschten an uns vorbei, als sei ihnen die Aufforderung, sich zu verhalten, peinlich.

Eine Begegnung jedoch ist mir seitdem nicht aus dem Gedächtnis gewichen. Nach dem Gottesdienst erschien der diensthabende Pfarrer und sprach mich mit einem Lächeln auf den Lippen an. Er fragte, warum wir diese Aktion machten, erkundigte sich sehr genau nach den Motiven und den Modalitäten der Weitergabe des Geldes und lobte uns für die aus seiner Sicht  christliche Haltung. Doch dann verfinsterte sich seine Miene und er begann zu fragen, warum wir uns um die Angelegenheiten in einem so fernen Ort kümmerten und nicht das Elend sähen, das direkt vor unserer Haustüre stattfände?

Etwas irritiert sah ich ihn an und fragte, was er meine, ob bei uns in der Nähe auch Menschen hungerten oder anderes Elend zu ertragen hätten? Prompt schilderte er mir Verhältnisse, von denen ich kaum glaubte, dass sie „vor unserer Haustüre“ in dieser Form existierten. Er sprach von dem Verbot, dass Menschen ihre angestammte Sprache benutzten, er sprach von polizeilichem Terror, er sprach davon, dass Menschen ihrem Glauben nicht nachgehen durften und dass viele unter unmenschlichen Bedingungen in Gefängnissen säßen, weil sie sich diesen Regeln nicht unterwerfen wollten.

Als ich ihn fragte, was man denn dagegen machen könne, denn mir ging schnell auf, dass es mit einer Geldsammlung wohl nicht getan sei. Nein, antwortete er mir, man müsse dagegen ankämpfen, und das täten die Menschen dort auch. Und dass sie Geld bräuchten, um die Waffen, die sie dafür haben müssten, bezahlen zu können. Ich wurde immer verwirrter, weil ich erstens von Verhältnissen, von denen er redete, „in der Nähe“ noch nichts gehört hatte und zweitens verstörte mich die Frage, warum mir ein Priester empfahl, Geld für Waffen zu sammeln.

Nach einigem Zögern traute ich mich dann doch, den guten Mann zu fragen, wovon er eigentlich rede? Wo war denn das Gebiet, von dem er erzählte, und wer waren die Brüder und Schwestern, von denen er berichtete und die mit der Waffe in der Hand gegen die Verhältnisse kämpften? 

Dann nahm er mich in den Arm und sagte, ich rede von Irland, mein Sohn. Und die Brüder und Schwestern, von denen er sprach, damit meinte er die IRA.