Archiv für den Monat Mai 2022

Die Zukunft liegt im Mikrokosmos

Menschen, die zeit ihres Lebens politisch interessiert waren und deshalb in einem bestimmten Milieu sozialisiert wurden, verstehen bereits seit einiger Zeit die Welt nicht mehr. Zum einen, weil die bekannten Ordnungen eine nach der anderen zerfallen, zum anderen, weil die zu diesen Ordnungen gehörenden Institutionen das gleiche Schicksal erleiden. Wie sollte es auch anders sein? Fällt die Ordnung, dann sind ihre Institutionen genauso überflüssig wie ihr Moralkodex. Und dieses Szenario beschreibt die Situation, in der wir uns befinden.

Wie so oft in der Geschichte, fließt nun sehr viel Energie in die Ursachenforschung. Das ist verständlich und sollte auf jeden Fall geschehen, aber es sollte auch darauf geachtet werden, wie das Leben in der Phase des Übergangs zu neuen Ordnungsprinzipien und politischen Arrangements überstanden werden kann. Das hat höchste Priorität. Denn wer jetzt in der Analyse verweilt, den erwarten irgendwann neue Verhältnisse, an deren Gestaltung er nicht teilgenommen hat, weil er mit der Retrospektive beschäftigt war. Und wer jetzt, wie in Deutschland besonders üblich, nach den Schuldigen für eine historisch notwendige neue Phase der Geschichte sucht, wird sich im Gestrüpp der Verzweiflung und Ranküne verheddern, um sich dann, wenn das Neue Strukturen zeigt, darüber zu beklagen, nicht an seiner Entstehung beteiligt gewesen zu sein. Fast möchte man die Sequenz aus einem Gedicht Christian Morgensterns zitieren: „Lass die Moleküle rasen, was sie auch zusammenknobeln! Laß das Tüfteln, laß das Hobeln, heilig halte die Ekstasen!“

Doch wo anfangen? Die Parteien zerfallen oder ändern sich radikal, die Akzeptanz gegenüber dem Regierungssystem ist in vielen Fällen dahin, der Glaube an Organisationen, die mit Vision wie Vernunft in die Zukunft weisen und die von Menschen repräsentiert werden, denen vertraut wird, wird sich erst ausbreiten, wenn es solche gibt. Die Frage, die sich stellt, ist die, wo ein Kompass zu finden ist, der in die richtige Richtung weist, ohne sich überkommener, untauglicher Orientierungspunkte zu bedienen. 

Die Lösung ist einfach: sie liegt im Mikrokosmos begründet. Prämisse ist, sich die Fragen zu stellen, die vor langer Zeit ein Max Stirner formuliert hatte und die darauf hinausliefen, sich nicht anderer Leute oder Institutionen Sachen als die eigenen verkaufen zu lassen. Das heißt, es geht darum, den eigenen Interessen zu folgen und sich nicht für die anderer einspannen zu lassen. Und die Verfolgung der eigenen Interessen in einer Art und Weise zu vollziehen, die den eigenen Ansprüchen an Sozialverhalten und Moral entsprechen. Mehr ist eigentlich nicht erforderlich, auch wenn es hundertfache Versuche geben wird, diese Maxime lächerlich zu machen und als naiv zu diskreditieren.

Auch bei der Beobachtung dessen, was sich gerade im öffentlichen Raum, ob kommunal, staatlich, in der EU oder weltweit vollzieht, sind diese beiden Maximen hilfreich. Sehr schnell wird deutlich, wer sich wo für die eigenen, selbstverständlich geklärten Interessen stark macht und in welcher Weise das geschieht. Wer das Gute zu wollen vorgibt und sich permanent des Bösen bedient, hat seine Legitimation verloren. Und wer sich redlich, glaubhaft und nachvollziehbar für die eigenen Interessen einsetzt, kann sich ziemlich sicher sein, dass sich immer mehr Menschen mit diesen Zielen identifizieren werden.

Nicht nur die alten Ordnungen und ihre Institutionen verwelken rapide, auch deren Protagonisten tanzen bereits den Makabré mit dem Sensenmann. Letzteres wird momentan sehr deutlich. Und je lauter das Geschrei, desto näher das Ende. Es gilt, sich auf die eigenen Kompetenzen zu besinnen und den grauen Alltag mit den eigenen Möglichkeiten des Neuen hell zu erleuchten! 

Biden: “Wir haben die Schnauze voll!“

Wäre es nicht so traurig, dann wäre es zum Schmunzeln. Und das nicht aus Schadenfreude. Denn das wäre ein Zeichen der eigenen Verkommenheit. Der amerikanische Präsident Joe Biden hat anlässlich eines erneuten Massakers, diesmal an einer texanischen Grundschule, in tiefer Bewegtheit einen Satz ausgesprochen, der nicht nur zu diesem Ereignis passt: We ´re sick of it! Auf gut Deutsch: Wir haben es satt! Oder, etwas drastischer: Wir haben die Schnauze voll! Was er damit meinte, war die nicht abreißende Abfolge von todbringender Gewalt an amerikanischen Schulen. Als Ursache hat er die laxen Waffengesetze ausgemacht, die dafür verantwortlich zeichnen. 

Dass das zwar stimmt, aber die Ursachenforschung sehr reduziert, steht auf einem anderen Blatt. Aber dass es den Wahnsinn mit Todesfolge begünstigt, steht außer Frage. Wer sich überall Waffen beschaffen darf und zudem labil, sozial gestört oder einfach nur durchgedreht ist, holt sich modernste Geschosse und die dazugehörige Munition im Laden wie ein paar Sixpacks Bier und wandert in die nächste Schule und ballert alles nieder. Unzählige Male in den USA passiert, und jedesmal beginnt die Diskussion von vorne. Geändert hat sich bis heute nichts. Als Ursache dafür wird der Einfluss der US-Waffenlobbyisten auf die Politik genannt. 

Das Groteske an diesem Setting ist seine Gültigkeit in globalem Maßstab. Denn das, was in den USA immer wieder zu Tod und Bestürzung in dem einen oder anderen Ort führt, ereignet sich auf dem Globus in größerem Maßstab unaufhörlich. Auch dort werden Waffen frei Haus an alle möglichen Staaten geliefert, die ihrerseits mal als labil, mal als sozial gestört und mal als schlicht durchgedreht geführt bezeichnet werden können. Zu den Großlieferanten gehören die USA, aber auch Länder wie die Bundesrepublik. Das klammert andere Großexporteure wie Russland nicht aus, das ebenfalls im eigenen Land bereits verheerende Anwendung von Waffengewalt erleben musste. 

Das Großlabor für das Resultat von Zugang zu Feuerwaffen, egal welcher Art und Modernität, sind jedoch die USA. Und es stellt sich die Frage, was im Kopf eines Präsidenten passiert, der mit Trauer und Bestürzung den Satz deklamiert, dass er es satt hat, dieses Morden und Wüten an Schulen, der andererseits, in internationalem Maßstab, nichts anderes macht, als jeden Rogue State mit Waffen bis zum Abwinken zu beliefern? Wie passt das zusammen? Einerseits das unkontrollierte Jonglieren mit Waffen in der eigenen Provinz zu beklagen und andererseits international sogar darauf zu setzen, dass es zu einem Eklat mit großem Schaden für Leib und Leben unzähliger Menschen kommt? 

Zynisch formuliert könnte man sagen, dass es sich bei den USA um das konsequenteste Land überhaupt handelt. Das, was sie im eigenen Domizil an Mord und Zerstörung zulassen, ist für sie in internationalem Kontext auch normal. Oder, anders herum und konstruktiv ausgedrückt, wenn sie dem Treiben im eigenen Land durch schärfere Waffengesetze ein Ende bereiten wollen, warum kündigen sie seit langem alle Gespräche über Rüstungskontrolle auf und setzen auf die unbegrenzte Freiheit unermesslicher Aufrüstung? Sind es die gleichen Gründe, die im eigenen Land ein erfolgreiches Vorgehen verhindern? Ist die Politik tatsächlich komplett in der Tasche der Waffenlobby? Das wäre ein Debakel, das den Fortgang von Kriegen garantiert.

Und, bevor sich die ganz Schlauen wieder genüßlich zurücklehnen und mit dem arroganten Zeigefinger über den Atlantik weisen, wie verhält es sich eigentlich hier? Die Beschränkungen für die Proliferation von Waffen aller Art sind gerade gefallen. Wann kommen die Verhältnisse an unsere Straßen und Schulen? Und wer stellt sich dann vor die Mikrophone und deklamiert, er oder sie hätte es satt? 

Kabarett, Witz und Satire: Holen wir den Humor zurück! — Neue Debatte

Humor war immer eines der essenziellen Mittel, wenn es darum ging, überkommenen Institutionen und ihren Vertretern den Weg zum Friedhof zu erleichtern und das Publikum auf diesem Weg bei Laune zu halten. Der Beitrag Kabarett, Witz und Satire: Holen wir den Humor zurück! erschien zuerst auf Neue Debatte.

Kabarett, Witz und Satire: Holen wir den Humor zurück! — Neue Debatte