Archiv für den Monat April 2022

Das Horowitz´sche Anforderungsprofil

In Anforderungsprofilen stehen die Eigenschaften, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse, welche die Autoren derselben für erforderlich halten, um eine bestimmte Funktion erfolgreich gestalten zu können. Die Fachliteratur ist voller Hinweise auf die verschiedenen Sektoren, die dabei eine Rolle spielen. Da ist dann von fachlicher, methodischer, kommunikativer, sozialer und sogar strategischer Kompetenz die Rede. Die Gewichtung der einzelnen Felder hängt in der Regel von der Position in der Hierarchie ab, bei den Arbeitern geht es mehr um Fachlichkeit und Methodik, bei den Führungskräften um Kommunikation und Strategie.

Sieht man sich den Gebrauch des Instrumentes eines Anforderungsprofil an, dann stößt man sehr schnell auf die Krankheit unserer Zeit: es wird alles überfrachtet und furchtbar kompliziert. Alles, was den Verantwortlichen einfällt, wird in die einzelnen Felder geschrieben und es wird zu einem Kompendium, bei dessen Lektüre man sich wünscht, einem solchen Menschen, wie er dort beschrieben ist, hoffentlich niemals zu begegnen. Die Parodie ist bekannt. Gesucht werden blutjunge Menschen, die reich an Erfahrung im In- und Ausland sind, alles nur mit Sternchen bestanden haben und frei von Allüren sind. Ein perfektes Abbild des Zustandes einer Gesellschaft, die täglich an der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu scheitern scheint.

Wer dennoch nicht kapitulieren will, dem sei geraten, anhand einfacher, aus dem Leben genommener Anforderungsprofile ebensolche einmal durchzuspielen. Mir fiel gestern ein Zitat des 1903 in Russland geborenen und 1989 in New York verstorbenen Pianisten Wladimir Horowitz in die Hände, das mich regelrecht zu einer Handhabung des Anforderungsprofils trieb. Es lautete:

„Klavierspiel besteht aus Vernunft, Herz und technischen Mitteln. Alles sollte gleichermaßen entwickelt sein. Ohne Vernunft sind Sie ein Fiasko, ohne Technik ein Amateur, ohne Herz eine Maschine.“

Das, was Horowitz mit diesen Worten auf das Klavierspiel bezieht, lässt sich ohne Weiteres auch auf andere Tätigkeiten und Professionen beziehen. Es geht, vulgär ausgedrückt, um Kopf, Bauch und System. Das ist komplex genug, um nicht dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, man lasse wesentliche Bereiche außer acht. Um dem Instrumentenkasten der Personalentwicklung treu zu bleiben, handelt es sich dabei um Strategie, Logik, soziale Kompatibilität (Vernunft), Kenntnisse, Fertigkeiten und Methoden (Technik) sowie soziale Empathie und Kommunikation (Herz).

Bei Anwendung des, nennen wir es so, Horowitz´schen Anforderungsprofils auf viele der Politikerinnen und Politiker zum Beispiel, und, es sind mit Sicherheit nicht die einzigen, die der Abgleich kalt erwischen wird, mit denen wir es täglich zu tun haben, dann wäre das Auswahlverfahren sehr schnell erfolglos abgebrochen worden. Vernunft im Sinne gesellschaftlicher Weitsicht ist selten festzustellen, die Technik der Macht wird in der Regel gut beherrscht, das Herz als Symbolisierung sozialer Empathie ist zumeist auf der Strecke geblieben.

Das Pendant zum Anforderungsprofil ist das Befähigungsprofil. Letzteres kartiert quasi die Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse, die tatsächlich bei den Bewerberinnen und Bewerbern beobachtet werden. Würden wir bei dem Beispiel bleiben und in den Horowitz´schen Kategorien verharren, dann lautete das Befähigungsprofil: ein großes Fiasko, Meisterschaft in bestimmten Techniken sowie das Funktionieren wie eine Maschine. 

Bitte lesen Sie die Ausführung nicht allein als ein Affront gegen die ausgesuchte Berufsgruppe. Im Grunde genommen ist das festzustellende Befähigungsprofil auf einen Großteil der Gesellschaft zutreffend. Wir sind, auch da sollte sich niemand in seiner Selbstbetrachtung überheben, das elende Produkt einer elenden Zeit. 

Die Übung mit Anforderungsprofilen lohnt sich. Vielleicht fangen Sie mit Ihrem eigenen Befähigungsprofil einmal an?

Krieg, Subjekt und Objekt

Wer immer noch in dem Glauben ist, bei dem Krieg in der Ukraine ginge es um den Kampf einer jungen, immer noch brüchigen Demokratie gegen einen übel riechenden Dämonen, der sei zu seinem guten Glauben beglückwünscht. Das, was anfangs tatsächlich so aussah, wie die Invasion eines imperialistischen Nachbarn in ein gerade von diesem unabhängig gewordenes Land, entpuppt sich mit Fortschreiten der militärischen Auseinandersetzungen und aus etwas gröberer Distanz als ein Machtspiel, dessen Ende alles andere als eindeutig ist. Bei allen verständlichen Emotionen, die uns täglich durch die von einer Kriegspartei offerierten und dankend angenommenen Bilder entlockt werden, ganz so einfach ist es nicht.

Die Geschichte, die zu der Eskalation führte, die haben andere bereits unzählige Male in beeindruckender Weise erzählt. Sie noch einmal in Gänze zu rekapitulieren würde auch deshalb nichts bringen, weil sie der zur herrschenden Meinung modellierten Sichtweise entgegensteht. Was jedoch eine Betrachtung wert wäre, ist ein Perspektivenwechsel, der ein immer weiter ins Verderben rutschendes Europa aus der scheinbar Regie führenden Position herausholt und es dahin verweist, wohin es momentan tatsächlich gehört: in die Rolle eines Statisten.

Das Brett, auf dem gespielt wird, heißt Europa, die Spieler jedoch sitzen in Moskau und Washington. Im Moment! Aus russischer Sicht, die, wohlgemerkt, immer eine kontinental-imperialistische war, auch und gerade in sowjetischen Zeiten, geht es im die Restauration vergangener Macht- und direkter Einflusssphären. Sie gingen verloren mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Gründung einer ramponierten Russischen Föderation. Die aus dem Einfluss Moskaus entkommenen Staaten gingen mit der Erfahrung, einem despotischen System entkommen zu sein. Diese Erfahrung sitzt immer noch tief und erklärt die nahezu uniforme und aggressive Ablehnung gegenüber allem, was Russisch ist. Dass der Zusammenbruch der Sowjetunion  Millionen von Russinnen und Russen auf plötzlich fremden Territorien hinterließ, ist der eigentliche Sprengstoff. Ihn durch Rechte, Verbindlichkeiten und Verträge zu entsorgen, kann als eines der schwerwiegenden Versäumnisse angesehen werden. Dass der Westen, an den sich die unabhängig gewordenen Staaten wendeten, das Problem nicht erkannte oder erkennen wollte, lag an dessen aus dem vermeintlichen Sieg entsprungenem Triumphalismus.

In Washington hingegen wird das Schachbrett, auf dem gegenwärtig die Figuren stehen, von jeher als eine Partie angesehen, die entscheidend ist zum Erhalt der Weltherrschaft. Da geht es um die Abspaltung Russlands von Europa, besonders von Deutschland. Die Union von mitteleuropäischer Technologie und russischen Rohstoffen ist der Alptraum, den die maritime Weltmacht immer wieder träumt. Nachdem sich das Baltikum in den westlichen Militärkordon eingereiht und damit die Ostsee für Russland endgültig blockiert hatte, kam mit dem gelungenen Putsch in der Ukraine 2014 endlich die Chance, es auch endgültig vom Schwarzen Meer abzuschneiden. Dass mitten durch die Ukraine auch eine kulturelle Grenze verlief, wusste bereits Henry Kissinger, spielte aber bei dem geostrategischen Kalkül keine Rolle. Der jetzt dort geführte Krieg ist ein Tribut an diesen Schachzug, der aus us-amerikanischer Sicht den Vorteil mit sich bringt, sowohl Russland als auch Deutschland erheblich schwächen zu können. Je länger dieser Krieg dauert, desto vorteilhafter die Lage für die Hegemonie-Pläne der USA.

Im Grunde genommen geht es also um das Rangeln zweier imperialistischer Mächte um geopolitisch erforderlichen Einfluss. Was sich an der vorhandenen Aufstellung zeigt, sind die unterschiedlichen Fraktionen in unserem eigenen politischen Spektrum. Ohne auf die Selbstvergessenheit, mit dem ein karrieregeiler Mob die eigenen Interessen opfert und sich einer der imperialistischen Mächte ohne jedes Wenn und Aber verschreibt, besonders eingehen zu wollen: Essenziell wäre die Frage, wie Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen aus der Rolle des Objektes in die eines Subjektes gelangen könnte. Alles andere ist Augenwischerei.