Archiv für den Monat März 2022

Wie wird die Zukunft aussehen?

Momentan gibt es keinen Guten Morgen mehr. Weder in der Ukraine, noch in Deutschland, noch in Russland. Die Beschränkung auf diese drei Länder soll nicht alle Regionen ausgrenzen, in denen sich Menschen Sorgen machen, wenn ein heißer Krieg geführt wird. Aber die drei von mir genannten Länder sind die eigentlichen Verlierer. Sie werden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte brauchen, um sich von diesem Desaster zu erholen. Noch wird diese Perspektive ausgeblendet, weil das Spiel noch heiß ist und man auf der einen oder anderen Position glaubt, man könne das Spiel noch gewinnen. Kann man nicht. Keiner.

Die Ukraine, das Opfer, wurde vollumfänglich angegriffen. Auch wenn dort, sofern man im Moment irgendwelchen Medien Glauben schenken kann, entschlossen gekämpft wird und die russischen Invasoren auf einen Widerstand stoßen, mit dem sie nicht gerechnet haben, werden sie nicht standhalten können. Zu groß ist die Übermacht. Die Ukraine in ihrem jetzigen Zustand wägte sich in einer falschen Sicherheit. Sie wird nicht militärisch, sondern nur semi-militärisch und diplomatisch unterstützt und sie ist zum Objekt der Betrachtung geworden, wie schlagkräftig und durchsetzungsfähig die russischen Streitkräfte tatsächlich sind. Das Schicksal des Landes ist düster und es hängt von der Dauer bis zur Kapitulation ab, in welchem traurigen Ton die Zukunft gestaltet wird.

Russland, der Aggressor, hat sich bei der Einschätzung der Lage gewaltig geirrt. Die eigenen Schäden, d.h. die Anzahl der eigenen Toten und der vernichteten Kriegsmaschinerie wird weitaus höher sein als veranschlagt. Noch größeren Schaden wird jedoch die internationale Ächtung auslösen, ökonomisch, politisch und kulturell. Russland ist für Jahrzehnte aus Europa verschwunden. Nichts, keine Verträge mit China oder Indien, werden diesen Verlust wettzumachen imstande sein. Russland ist für Europa verloren und es wird eine tiefe Depression folgen. In Russland, aber auch im Rest Europas, auch wenn das im Moment kaum jemand wahrhaben will.

Und Deutschland? Deutschland hat in diesem heißen Konflikt gesehen, wo es wirklich steht. Ja, fest im Bündnis, werden viele sagen, aber wohl nur deshalb, weil es auf die Artikulation der eigenen Interessen verzichtet hat. Wenn die Mitgliedschaft in der Gemeinde der Freien darin besteht, die eigenen Positionen nicht mehr vertreten zu dürfen, dann ist etwas gehörig schief gegangen. Unter dem Strich werden die Kosten der Sanktionen für Deutschland am größten sein, die Lieferung von Waffen an einen Kriegsgegner Russlands ist bereits de facto heikel, in Bezug auf die Kriegsparteien des II. Weltkrieges wahrscheinlich auch de jure. Einmal  abgesehen von dem alles ausdrückenden Bild, auf dem ein amerikanischer Präsident dem Bundeskanzler mitteilt, wann das Aus für Nord-Stream II besiegelt sei, wo eine Widerrede angebracht gewesen wäre, aber ein Schweigen nur demütigend war, hat die Zurückweisung der ursprünglichen deutschen Position durch die NATO, intensiv auf Verhandlungen zu setzen, die wahren Kräfteverhältnisse aufgezeigt.

Und ein weiterer Verlierer ist die deutsche Gesellschaft, der nach der bereits gravierenden Spaltung durch Corona nun eine zweite Entzweiung folgt. Und die Gesellschaft dokumentiert, dass sie nicht in Form eines demokratischen Diskurses damit umgehen kann, sondern in einer verhärteten, totalitären Logik nur noch in der Lage ist, den Hammer der Ausgrenzung zu schwingen. Freundschaften gehen zu Bruch, Ehen sind in der Krise, die Zahl derer, die dem Land den Rücken kehren wollen, nimmt dramatisch zu. Und eine große Mehrheit fühlt sich wie immer auf der Seite des exklusiv Guten. Sie verbietet es, nach Ursachen im eigenen Handeln zu suchen, das womöglich zu dem zweiten Desaster in kurzer Zeit geführt hat. 

Der Westfälische Frieden war das Dokument all derer, die sich nach dem langen, zehrenden Dreißigjährigen Krieg als Verlierer fühlten. In dem Dokument war zum ersten Mal die Denkweise zu erkennen, dass man bei der Interaktion mit anderen Staaten die Souveränität des anderen respektiere und auf den Versuch einer Intervention verzichte, auch wenn die inneren Angelegenheiten des Gegenübers widerstrebten. Der Westfälische Frieden war die Geburtsstunde der internationalen Diplomatie. Die Verletzung seiner Prinzipien ist seit langem zum Prinzip geworden. Und, leider muss so etwas auch und besonders in traurigen Momenten gesagt werden, einer der schlimmsten Elefanten im Porzellanladen war dabei das westliche Bündnis.

Wie wäre es, wenn der Rauch verzogen ist und die Akteure durch andere ersetzt sind, daran zu denken, dass die Verlierer dieses Krieges, Ukrainer, Russen und Deutsche, sich an einen Tisch setzten und versuchten, Regeln des friedlichen Zusammenlebens für die Zukunft zu entwickeln? Das klingt wie die Vision eines Phantasten. Dass allerdings in diesen Tagen gar nicht an die Zukunft gedacht wird, ist alles andere als phantastisch.

Die vermasselte Büttenrede

Und wieder einmal geht der Geruch von Schwefel, Fleisch und Autoreifen über ein Land. An einem Tag, der, zumindest hier, im Zentrum Europas, und in seiner katholischen Prägung, dazu einlädt, nicht nur ausgelassen zu sein, sondern den Herrschenden ungestraft den Stinkefinger zu zeigen. Ehrlich gesagt, vieles ist schwer geworden. Auch, wenn man humorvoll sein will, ist es ein Navigieren zwischen albernem, toten Ritual, trefflichem Witz und kaltem Zynismus. Und so begann auch mein Räsonnement hinsichtlich einer Büttenrede, die es mir leichter machen sollte in diesen Tagen. 

Es fing an mit einem Zitat von einem Mann aus der Nachbarschaft, der mir, ganz seine Art, aus dem Fenster laut über die Straße zurief, du, mit den Grünen fährst du gut, wenn du Krieg willst, kaum sind sie an der Regierung, dann brennt der Baum. Und dann lachte er sein dreckiges, halb deutsches, halb niederländisches Lachen und wünschte mir einen schönen Tag. Phänomenologisch hatte der alte Zyniker natürlich Recht, aber dahinter eine Regel oder ein Arrangement zu vermuten, schien mir doch zu weit hergeholt. Was in dem Kontext des Krieges auffällt, ist die plötzlich aus dem Coronaschockzustand blitzartig aufgewachte Menge derer, die sich mutig und ohne jede Konsequenz gegen den Krieg in den sozialen Netzwerken empört erhoben. Manche gingen sogar auf Demonstrationen und mein unliebsamer Nachbar würde sagen, weil sie mal wieder ohne Mundschutz demonstrieren wollten, ohne dafür aufs Maul zu kriegen.

Ja, immer wieder, wenn es darum geht, seriös und bei der Wahrheit zu bleiben, kommt der Zynismus um die Ecke und vergewaltigt selbst den Wohlmeinenden ohne Rücksicht auf Verluste. Genauso bei dem Gedanken, dass dieser Krieg, bei aller Empörung, versteht sich, ein prächtiges Geschäft zu sein scheint. Rüstungsaufträge himmlischen Ausmaßes, und das ohne eigenes Risiko. Das tragen heldenmütige Ukrainer und jetzt, wie zu vernehmen ist, Söldner, die man ins Land schafft, um die Nachfrage zu erhalten. Gleichzeitig kann man beobachten, wie schlagkräftig das russische Militär wirklich ist. Für den in der NATO vereinigten Westen eine wunderbare Laborsituation. Und, was als Nebenprodukt bereits auf dem Schwarzen Markt als Tipp verkauft wird, ist die Perspektive, bald dem Fachkräftemangel mit frischen Lieferungen aus der Ukraine wird Abhilfe schaffen können.

Und schon steht der missratene Büttenredner auf der Fahndungsliste, wenn es ihm nicht gelingt, zumindest auch eine Sottise Richtung Osten zu platzieren. Dem russischen Volke sei gedankt, denn das schickte ihm eine wunderbare Vorlage, die er hier nur zu berichten braucht. Denn zu Zeiten der glorreichen Sowjetunion war es Usus, wenn es zu nicht seltenen Machtkämpfen im Zentralkomitee kam, was in der Regel eine neue Führung zur Folge hatte, dass die Radiosender ihre Programme stoppten und stattdessen Tschaikowskis Schwanensees abspielten, bis die Situation geklärt war. Und in diesen Tagen sollen sich Russen, wenn sie sich beim Einkaufen oder auf der Straße begegnen, immer wieder erzählen, sie würden sehr gerne einmal wieder im Radio den Schwanensee hören.

Ehrlich gesagt, was mein eigenes Empfinden angeht, spricht gerade diese Episode für eine immense Überlegenheit der Russen gegenüber dem pazifizierten Westen. Wo, bitte schön, findet sich hier noch, bis auf wenige, als Geheimtipp gehandelte Plätze, so etwas wie subversiver Humor? Der mentale Mainstream scheint exklusiv nur noch aus Empörung, Entsetzen und Hass zu bestehen. Wer so drauf ist, der hat auch in Zukunft nicht zu lachen.

Der Versuch ist, ich gebe es zu, grandios gescheitert. Gut, dass der Karneval abgesetzt wurde. Und ich bekenne, auch ich würde gerne einmal wieder Schwanensee hören. Aber hier im Radio! Schluss mit Lustig!