Archiv für den Monat Februar 2022

Die neue Working Class und die Stabilität des politischen Systems

Die sich immer wieder abzeichnende Krise des gegenwärtigen politischen Systems wird nicht zu Unrecht auf einen Umstand zurückgeführt, der deshalb im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle spielt, weil er dort nicht thematisiert wird. Es geht um das Schicksal eines großen Teils der Bevölkerung, der nicht mehr als Arbeiterklasse kategorisiert und seit den Zeiten des wilden Liberalismus als Prekariat zumeist mit einem Achselzucken bedacht wird. Die Zeiten, in denen eine gut organisierte Industriearbeiterschaft Tarifverträge aushandeln konnte, an die sich alle Unternehmen halten mussten, sind lange passé. Stattdessen entstand eine Art von Working Class, die in der Regel nicht von ihrer Arbeit leben kann, die vom gesellschaftlichen Leben abgeschnitten ist und die im politischen Diskurs nicht mehr wahrgenommen wird. Diese Work Force ist die große Unbekannte, die, sollte sie weiterhin ignoriert werden, zu dem Faktor werden könnte, der die Stabilität des Systems zertrümmert.

Die Autorin Julia Friedrichs hat sich bereits mit mehreren Publikationen zu den Resultaten der Epoche des Wirtschaftsliberalismus profund zu Wort gemeldet. Sie schrieb über die neuen Eliten wie über die Erben-Generation. In dem Buch „Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“ widmet sie sich dem beschriebenen Phänomen. Sie thematisiert das Schicksal derer, die hart arbeiten, die sparsam sind und über denen dennoch ständig das Damokles-Schwert des sozialen Ruins schwebt. In ihrem Buch begleitet sie einen Reinigungsgmann der Berliner U-Bahn, einen Schankwirt aus dem Souterrain einer Karstadt-Filiale, eine auf Honorarbasis arbeitende Musiklehrerin und einen alleinstehenden ITler. 

Um es gleich zu sagen: Working Class ist ein gelungenes Buch, weil es gut erzählt ist, was an den anschaulichen Geschichten der Protagonisten liegt und weil es dennoch zahlreiche, gut recherchierte Fakten enthält, die das Bild komplettieren. Das Resultat ist ein Kompendium über die sozialen Auswirkungen in der Konstitution des Arbeitsmarktes, die Grundlage vieler gesellschaftlicher Fehlentwicklungen in den letzten Jahrzehnten.

Besonders eindrücklich sind die Schilderungen der Effekte der Corona-Pandemie und der mit ihr verbundenen politischen Maßnahmen.  Julia Friedrichs verfolgt die verschiedenen Theorien von Volkswirten, die zunächst von einem U, dann von einem V sprachen und nun zunehmend ein K identifizieren. Damit ist die Wirtschaftsentwicklung im Kontext der Krise gemeint und wobei das U für einen drastischen Abstieg und nach einer gewissen Talsohle für einen rasanten Aufstieg steht, das V quasi die gleiche Entwicklung beschreibt, jedoch ohne nennenswerte Talsohle. Nur das immer mehr identifizierte K besagt, dass nach dem rasanten Abstieg eine Splittung erfolgt, nämlich den Verbleib im Ruin der ohnehin schon Gefährdeten und einen kometenhaften Aufstieg der bereits Saturierten beschreibt. Julia Friedrichs Gesprächspartner sprechen mit ihren Erfahrungen eindeutig für das K.

Die Autorin richtet in ihren immer wieder platzierten Schlussfolgerungen einen Appell an alle, die auf der sonnigen Seite der Straße stehen: den der Solidarität. Mit ihr verbunden die Notwendigkeit  einer Umverteilung, die es ermöglicht, von der eigenen Arbeit leben zu können und nicht im Alter auf die Wohltätigkeit anderer oder die Mülltonne angewiesen zu sein. Dass dieser Appell fruchtet, bezweifelt die Autorin allerdings immer wieder selbst. Es wird wohl sehr viel von der Working Class, die es immer noch gibt, selbst abhängen. Die Lektüre sei vor allem jenen empfohlen, die allzu gerne dem Narrativ folgen, die Working Class existiere nicht mehr. Was man im eigenen Lebensradius nicht sieht, muss noch lange nicht nicht-existent sein.  

  • Herausgeber  :  Berlin Verlag; 4. Edition (1. März 2021)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Gebundene Ausgabe  :  320 Seiten
  • ISBN-10  :  3827014263
  • ISBN-13  :  978-3827014269
  • Abmessungen  :  13.8 x 3.2 x 22 cm

Ein Kanzler und die Rohrspatzen

Ein Blick auf die Presseschau vermittelt mehr Erkenntnisse als eine ärztlich begleitete Anamnese. Der Zustand, in dem sich das Pressewesen dieser Republik befindet, kann mit kurzen Worten umschrieben werden: Desolat. Das trifft selbstverständlich nicht für alle zu, aber für die meisten Organe, die in den Ohren vieler Menschen noch Namen tragen, die von einstigen Siegen eines kritischen, unabhängigen Journalismus zeugten. Blätter, die Korruption und Vetternwirtschaft aufdeckten, die versteckte Allianzen ins Licht der Öffentlichkeit zerrten oder die Politikern den Rücken stärkten, die mutig waren und aus Überzeugung handelten. Alles passé, sic transit gloria mundi. So vergeht der Ruhm der Welt!

Gerade heute, nach dem Besuch des neuen Bundeskanzlers bei dem amerikanischen Präsidenten, faucht die Meute. Ja, man möge die Wortwahl entschuldigen, aber was dort im Fieberwahn der eigenen Haltungslosigkeit in den Äther geblasen wird, ist an Infamie gegenüber den eigenen, auf Frieden basierenden Interessen, nicht zu übertreffen. Von der FAZ bis zur Süddeutschen wird dem Kanzler vorgeworfen, dass er zu spät nach Washington gereist ist, dass er nicht schon längst den USA eine Blanko-Vollmacht in Sachen Kriegsführung an der russischen Grenze erteilt hat, dass er nicht schon längst das Projekt Nord Stream 2 auf Eis gelegt hat, dass er nicht befürwortet hat, Waffen in die Ukraine zu schicken. Wenn es eine Referenz gibt, die die Presse dem Kanzler unisono nicht bereit ist zu geben, dann wäre es diese: er hat sich bis jetzt nicht auf das bellizistische Geschrei eingelassen. Wer ihm das nun zum Vorwurf macht, enthüllt seinen eigenen Schatten. 

Und dass sich in einer derartigen Situation der neue Boss der CDU, der stets alten Pfaden folgt, die günstige Gelegenheit nutzt, um bei den amerikanischen Freunden und den vermeintlichen Wählerinnen und Wählern gut Wetter zu machen, wundert nicht. Der US-Finanzwirtschaft muss er dankbar sein, sie hat ihn nach dem vorzeitigen politischen Aus aufgefangen und wie einen eigenen Sohn gepflegt. Jetzt hat sie ihn zurück in seine alte Heimat geschickt, damit er ihr zeigt, wie gut es ist, seinen Erziehungsberechtigten zu folgen. Ja, zuweilen ist es auch putzig. Es war schon immer nicht so einfach, eine eigene Haltung zu entwickeln und ihr treu zu bleiben. Und wer zulange im Dienern verharrt, der hat keinen Blick mehr auf den Horizont. Und ob diese Art von Opportunismus von den Wählerinnen und Wählern honoriert werden wird, möge der fromme Wunsch des Musterschülers bleiben.

Während Presse und Denkfabriken auf Hochtouren laufen, um politisches Handeln, das eine Friedenssicherung zum Ziel hat, zu torpedieren, und während sich eine bestimmte Gruppe von so genannten Atlantikern bei jeder Gelegenheit feilbietet, um Verwirrung in den Köpfen zu stiften, sei vielleicht ein Vorschlag zur Güte gemacht: Gründet Freiwilligen-Verbände, bei denen man sich zum Dienst and der Waffe an der russischen Grenze melden und mitmachen kann. Geht dorthin und leistet in Demut den Beitrag für eure Überzeugungen. Das kann zwar bitterböse enden, aber es hätte zumindest zur Folge, dass ihr als tragische Figuren in die Geschichte eingeht und nicht als bezahlte Knechte fremder Interessen, die für das sprichwörtliche Linsengericht alle verraten, die euch durch ihre harte Arbeit am Leben halten und euch eine saturierte Entwicklung ermöglicht haben. 

Nein, an der Situation, wie sie sich im Osten Europas darstellt, ist nichts zu beschönigen. Und ja, da gibt es viele Seiten, denen Fehlverhalten, Unüberlegtheiten und Eitelkeiten vorzuhalten sind. Durch lautes Trommeln ist eine solche Lage jedoch nicht zu entschärfen. Da hilft nur Ruhe und Besonnenheit. Und das mögen die Rohrspatzen bekanntlich nicht.