Archiv für den Monat Januar 2022

Der Laden muss laufen und der Anspruch gelebt werden

Fast möchte man allen raten, die verzweifelt sind und noch unter Kriterien aufwuchsen, die dem christlichen Abendland entsprachen, sich auf die Knie zu werfen und die Hände bittend gen Himmel zu richten. Vielleicht nicht gleich, um Gott um Erlösung zu bitten, sondern den großen Weltgeist anzurufen und zu bitten um Einsicht. Allzu unübersichtlich sind die Verhältnisse, in denen sich die auf sich gestellten Individuen bewegen müssen. Allzu undurchsichtig ist ihr jeweiliges Treiben. Allzu sinnlos scheint die Welt geworden zu sein. Wer vermag noch Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten? Wem ist es noch gegeben, Gegebenheiten, die im Detail vernünftig erscheinen, in einen größeren Zusammenhang zu stellen und neu zu bewerten? Und, nicht zuletzt unter vielem mehr, wer hat noch die Courage, nach bestem Wissen und Gewissen überhaupt ein Urteil zu fällen?

Es scheint so, als wäre das Gesellschaftskonzept, welches mit dem Bürgertum der westlichen Welt in Form kam und das das Individuum, seine Entfaltung und sein Glück als Zentrum der Betrachtung sah, den Schlägen, die die Welt seit der Globalisierung durch Finanz-, Kapital-, Waren- und Geldbewegungen erfuhr, nicht mehr gewachsen ist. Zumindest die Fähigkeit, Krisen zu meistern, erweckt den Eindruck eines kollektiven Ertrinkens in einem Meer der Unübersichtlichkeit. 

Und so absurd es erscheint: etwas eifersüchtig schielt der Westen auf die Gesellschaften, die mal als asiatische Despotien, mal als auf dem Kollektivismus basierende Autokratien beschrieben werden, zum Teil schneller und besser den Schlägen auszuweichen vermögen. Die Anarchie, die der flächendeckend verbreitete Kapitalismus dem Weltgeschehen präsentiert, erfordert zweierlei: der Laden muss laufen und der Anspruch muss dabei gelebt werden. Und was machen die gewitzten Regierungen des Westens? Sie kopieren, selbstverständlich unter anderem Vorzeichen, die dirigistischen, mit Sanktionen durchsetzten Vorgehensweisen eben jener Staaten, um das rettende Ufer, den Machterhalt, zu erreichen.

Das konkrete Handeln ebenjener Regierungen ist an Absurdität nicht zu steigern. Gemäß der von ihnen wie dem gesamten Staatsgebilde und ihm zugrunde liegenden Dokumenten wäre der logische Schluss, die Individuen wie das Kollektiv zu ermächtigen, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Mit diesem Mantra geht man schließlich rund um den Globus, um die Vorzüge des eigenen Staatswesens zu reklamieren. Die Frage, wie es aus der Perspektive kollektivistischer Gesellschaften oder anderer, in der der Freiheitsbegriff ein gänzlich anderer ist, ankommt, wenn bei ernsthaften Erschütterungen die Essenz des eigenen Staatswesens über Bord geworfen und mit Ausnahmegesetzen, Sonderbestimmungen, restriktiven Verhaltensregeln operiert wird und die vitalen Rechte des Systems außer Kraft gesetzt werden, erschließt sich dem externen Beobachter aus der Distanz nicht.

Insofern ist es zu verstehen, dass der politische Ruf der westlichen Gesellschaften in der letzten Zeit im Weltmaßstab sehr gelitten hat. Das kann man den Menschen in den anderen, nicht zu unterschätzenden Winkeln dieser Welt nicht vorwerfen, ganz im Gegenteil, es ist folgerichtig. Denn wie soll ein seiner Sinne mächtiger Beobachter darauf reagieren, wenn ein System, das für sich wirbt, bei der ersten Krise alles, was das System ausmacht, schleunigst im Gully verschwinden lässt? 

Es ist zu raten, sich umzuschauen und zu erfahren, wie die Welt auf den systemischen Sinneswandel reagiert. Wenn das fruchtet, böte sich vielleicht die Chance, auch jene, mitten unter uns, zu verstehen, die diese Mutation des eigenen Systems aus gutem Grunde nicht einsehen wollen. Indem auch sie ignoriert werden, gleich der Perspektive aus anderen Ländern, macht man sie auch zu Außenstehenden. Und auch sie werden den Kopf schütteln und sich enttäuscht abwenden.  

Rebellion aus Überdruss?

Psychologisch gesehen existieren unterschiedliche Ursachen für eine Rebellion. Klassisch ist da die Not, die zumeist verbunden ist mit Demütigung und Erniedrigung. Oder es liegen Ängste vor, die sich auftürmen und durch einen Ausbruch, der einer Rebellion gleicht, Linderung verschaffen sollen. Oder es ist eine gewisse Ausweglosigkeit, deren Alternativen entweder in der Selbstaufgabe oder im Aufstand gegen die Welt um einen herum liegen. Was selten in Betracht kommt, ist ein anderer Grund, der vorliegen mag, um die Faust in den Himmel zu recken. Dabei handelt es sich um den Überdruss. Er stellt sich dann ein, wenn die Signale, die das Hirn erreichen, das Gefühl einer gezielten Provokation oder einer Überdosis von Belanglosigkeit vermitteln.

Nicht, dass wir, in diesem Land,  das sich so gerne feiert, es nicht zu tun hätten mit Not und Elend. Nur haben diejenigen, die darunter leiden, keine Stimme. Und es gibt diejenigen, denen es sozial gar nicht so schlecht geht, die sich jedoch gesellschaftlich gemobbt fühlen. Alle sie existieren und sie werden, wenn die Ignoranz weiter ihren Lauf nimmt, den Brennstoff liefern am Tage des Ausbruchs. Wer da zweifelt, dem sei empfohlen, aus seiner eigenen Blase herauszutreten und die Sinne zu öffnen. Meine eigene Erfahrung außerhalb der institutionellen Routinen haben zu Erkenntnissen geführt, die es in sich haben. Denn es existiert eine gewaltige Front von Menschen, die sich von dem, was als öffentliche Diskussion genannt wird, nicht nur entfernt, sondern bewusst abgewandt haben. Da sind Ärzte, die andere Erfahrungen gesammelt haben, als die offiziellen Bulletins verbreiten, da sind die Frauen aus dem sozialen Keller, die sich in Reinigung, Handel, Betreuung und Pflege abrackern, da sind Menschen, die schmerzhaft erfahren mussten, dass der Bereich, in dem sie wirkten, für das System irrelevant sind.  

Was diese Menschen eint, ist die Erfahrung, dass die offizielle Sprache sie weder kennt noch ihre Existenz akzeptiert. Semantisch sind sie schon lange ausgebürgert. Und sie werden vertrieben von einer totalitären Logik, die aus den Geschichtsbüchern allzu bekannt ist und die immer zu Gewalt, Unterdrückung und einer gesellschaftlichen Verlogenheit geführt haben. Die Situation, wie sie sich bei genauem Hinsehen darstellt, fühlt sich weitaus revolutionärer an, als die offizielle pazifizierte Friedhofsruhe vermuten lässt. 

Der entscheidende Faktor bei der Herbeiführung einer kollektiven Aversion gegen das vorliegende politische System besteht in der permanent vollzogenen Gleichsetzung aller, die sich ihrerseits Gedanken über die Notwendigkeiten von Politik jenseits der offiziell kommunizierten Positionen machen, mit Rechtsradikalismus und Neofaschismus. Das mag für den Augenblick funktionieren, auf Dauer geht dieser populistische Schuss nach hinten los. Denn, quasi als konsequente Reaktion, macht sich die andere, nicht offizielle Perspektive die Auffassung zu eigen, dass alle, die das offizielle Votum in Schutz nehmen, einem zunehmend feindlichen Lager zuzuordnen sind. 

Die permanente Denunziation großer Teile der Bevölkerung führt zu einem Grad von Spaltung, der in der Lage ist, die anfangs erwähnten Ursachen von Rebellion quasi als konzertierte Aktion gleichzeitig zu mobilisieren. Die Nöte werden nicht beseitigt, die Erniedrigung und Demütigung hält an, die Ängste schlagen um in Wut und der Überdruss über die gleichbleibenden, als falsch bleibenden Narrative und das Bombardement der Belanglosigkeiten bringt das Fass zum Überlaufen.   

Wasserstand, Wasserstand, all night long!

Stellen Sie sich vor, Sie schalten das Radio an, um Nachrichten zu hören. Ihre Gewohnheit sagt Ihnen, dass Sie, unabhängig von jeglicher Bewertung, einen Überblick über das Geschehen erhalten, welches für Sie von einiger Relevanz ist. Lange Zeit hat das auch einigermaßen funktioniert. Es gab zwar schon immer gewisse Muster, die unsinnig wie belanglos sind, aber irgendwo haben die Nachrichtenredakteure wohl gelernt, dass zum Schluss auch immer etwas gemeldet werden muss, das viele nicht betrifft, aber irgendwie emotionalisiert, wie ein Dachstuhlbrand in Hintertupfingen oder ein Busunglück in Bangladesh. Aber ansonsten wussten Sie, wieviel Steuereinnahmen der Staat hatte, welche Produkte den Markt eroberten, welche Präsidenten ihr Land wie positionierten, wie die Konflikte auf dem Globus aussahen und welche Position Ihr eigenes Land einnahm.

In dieser Erwartung schalteten Sie eines morgens das Radio wieder ein und Sie erhielten exklusiv die Wasserstandsmeldungen aus ihrer Region, aus anderen Ländern und Kontinenten. Sonst nichts. Beim nächsten Versuch wiederholte es sich. Und immer, wann Sie es in der folgenden Zeit versuchten, Wasserstandsmeldungen über Wasserstandsmeldungen. Immerfort. Und immer im Vergleich zu den Vortagen, mit dem Tenor, dass alles immer gefährlicher werde. Sie versuchten es danach im Fernsehen. Und, Sie konnten es kaum glauben, dort wurde das gleiche Spiel in Endlosschleifen wiederholt. Wasserstand, Wasserstand, all night long.

Sie begannen zu recherchieren und stießen auf Ereignisse, die Ihnen eminent wichtig erschienen, wie zum Beispiel der Konflikt zwischen Ländern, die eskalieren konnten, Kriege, die nicht aufhörten, brachialer Raubbau an Bodenschätzen, Hungersnöte, Vulkanausbrüche, Einkommensentwicklungen, Inflation. Wenn Sie irgendwo, bei der Arbeit oder im Freundeskreis, auf diese Dinge zu sprechen kommen wollten, dann bemerkten Sie, wie sie skeptisch betrachtet wurden. Wie, so sagten Ihnen zumindest die Gesichter, konnten Sie darauf kommen, über Kriegsgefahr oder Handelssanktionen zu schwadronieren, wo doch gerade in den letzten Tagen wieder die Wasserstände gestiegen waren.

Es war ein schleichender, aber dennoch schneller Prozess. Plötzlich gehörten sie nicht mehr dazu.  Während sich das Gros Ihres Umfeldes jeden Abend zurückzog um die neuesten Wasserstände in ihren mentalen Opiumhöhlen zu inhalieren, saßen Sie allein in Ihrer Wohnung und lasen Bücher,  in denen vieles vom menschlichen Zusammenleben und von den Vorstellungen einer besseren Welt stand. Sie fühlten sich dabei sehr allein.  

Der Panikmodus wurde zur neuen Normalität. Sicher, die Wasserstände waren gestiegen. Nur fragte niemand, woran das lag und warum die Deiche, die mit soviel Geld erbaut worden waren, nicht mehr hielten. Die Wellen, die durch maritime Hyperaktivität in immense Höhen schlugen, wurden als Naturereignis begriffen und die Reduktion der Deiche, die aus Kostengründen in den letzten Jahren, schleichend, vorgenommen worden war, und zwar von Leuten, die sich jetzt als Retter aufspielten, wurden nicht thematisiert. Wasserstand, Wasserstand, all night long.

Sie begannen, sich andere Quellen der Information zu suchen. Aber selbst das sorgte für Unverständnis. Und nicht nur das. Plötzlich sah man Sie in einem anderen Lager, und zwar in einem feindlichen. Sie wurden so langsam verrückt. Denn das Bild von der Gesellschaft, das sie sich bis daher gemacht hatten, stellte sich als ein Phantasiegebäude heraus. Da stritten nicht freie Geister um den richtigen Weg, nein da regierten Panik und Unvermögen, und wer dabei nicht mitmachte, der war ein Frevler, ein Irrer oder gar ein Verfassungsfeind. Da Sie nicht wussten, wie lange dieser Zustand anhalten würde, hörten Sie auf, das Radio einzuschalten. Sie konnten es einfach nicht mehr ertragen. Und zuweilen gingen Ihnen Gedanken durch den Kopf, die hoch gefährlich waren. Wasserstand, Wasserstand, all night long.