Rebellion aus Überdruss?

Psychologisch gesehen existieren unterschiedliche Ursachen für eine Rebellion. Klassisch ist da die Not, die zumeist verbunden ist mit Demütigung und Erniedrigung. Oder es liegen Ängste vor, die sich auftürmen und durch einen Ausbruch, der einer Rebellion gleicht, Linderung verschaffen sollen. Oder es ist eine gewisse Ausweglosigkeit, deren Alternativen entweder in der Selbstaufgabe oder im Aufstand gegen die Welt um einen herum liegen. Was selten in Betracht kommt, ist ein anderer Grund, der vorliegen mag, um die Faust in den Himmel zu recken. Dabei handelt es sich um den Überdruss. Er stellt sich dann ein, wenn die Signale, die das Hirn erreichen, das Gefühl einer gezielten Provokation oder einer Überdosis von Belanglosigkeit vermitteln.

Nicht, dass wir, in diesem Land,  das sich so gerne feiert, es nicht zu tun hätten mit Not und Elend. Nur haben diejenigen, die darunter leiden, keine Stimme. Und es gibt diejenigen, denen es sozial gar nicht so schlecht geht, die sich jedoch gesellschaftlich gemobbt fühlen. Alle sie existieren und sie werden, wenn die Ignoranz weiter ihren Lauf nimmt, den Brennstoff liefern am Tage des Ausbruchs. Wer da zweifelt, dem sei empfohlen, aus seiner eigenen Blase herauszutreten und die Sinne zu öffnen. Meine eigene Erfahrung außerhalb der institutionellen Routinen haben zu Erkenntnissen geführt, die es in sich haben. Denn es existiert eine gewaltige Front von Menschen, die sich von dem, was als öffentliche Diskussion genannt wird, nicht nur entfernt, sondern bewusst abgewandt haben. Da sind Ärzte, die andere Erfahrungen gesammelt haben, als die offiziellen Bulletins verbreiten, da sind die Frauen aus dem sozialen Keller, die sich in Reinigung, Handel, Betreuung und Pflege abrackern, da sind Menschen, die schmerzhaft erfahren mussten, dass der Bereich, in dem sie wirkten, für das System irrelevant sind.  

Was diese Menschen eint, ist die Erfahrung, dass die offizielle Sprache sie weder kennt noch ihre Existenz akzeptiert. Semantisch sind sie schon lange ausgebürgert. Und sie werden vertrieben von einer totalitären Logik, die aus den Geschichtsbüchern allzu bekannt ist und die immer zu Gewalt, Unterdrückung und einer gesellschaftlichen Verlogenheit geführt haben. Die Situation, wie sie sich bei genauem Hinsehen darstellt, fühlt sich weitaus revolutionärer an, als die offizielle pazifizierte Friedhofsruhe vermuten lässt. 

Der entscheidende Faktor bei der Herbeiführung einer kollektiven Aversion gegen das vorliegende politische System besteht in der permanent vollzogenen Gleichsetzung aller, die sich ihrerseits Gedanken über die Notwendigkeiten von Politik jenseits der offiziell kommunizierten Positionen machen, mit Rechtsradikalismus und Neofaschismus. Das mag für den Augenblick funktionieren, auf Dauer geht dieser populistische Schuss nach hinten los. Denn, quasi als konsequente Reaktion, macht sich die andere, nicht offizielle Perspektive die Auffassung zu eigen, dass alle, die das offizielle Votum in Schutz nehmen, einem zunehmend feindlichen Lager zuzuordnen sind. 

Die permanente Denunziation großer Teile der Bevölkerung führt zu einem Grad von Spaltung, der in der Lage ist, die anfangs erwähnten Ursachen von Rebellion quasi als konzertierte Aktion gleichzeitig zu mobilisieren. Die Nöte werden nicht beseitigt, die Erniedrigung und Demütigung hält an, die Ängste schlagen um in Wut und der Überdruss über die gleichbleibenden, als falsch bleibenden Narrative und das Bombardement der Belanglosigkeiten bringt das Fass zum Überlaufen.   

7 Gedanken zu „Rebellion aus Überdruss?

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  2. Avatar von TillsitterTill Sitter

    Diese Erkenntnis liegt eigentlich so klar vor Augen, dass es auch den „Oberen“ nicht entgangen sein dürfte. Stellt sich überhaupt noch die Frage, ob eine Rebellion nicht genau das ist, was die da oben wollen? So ein kleiner Aufstand käme doch genau richtig, um den Sack zuzumachen.

  3. Avatar von LoLo

    Rebellion aus Überdruss.
    Genau das ist es wohl. Und ein krudes Verständnis vonFreiheit.
    Oder einfach nur Fehlbildung.

    1. Avatar von TillsitterTill Sitter

      Irgendeinenen Sinn muss das seltsame Verhalten der Regierung ja haben. An Dummheit glaube ich nicht und es bleibt nur die Absicht der Spaltung und Auhetzung. Statt die Friedfertigkeit der Spaziergänger zu loben, konstruiert man auch hier Gewaltbereitschaft, beinahe so als winke man mit dem Zaunpfahl. Am Besten macht man dem einen Strich durch die Rechnung, wenn man friedlich bleibt. Dabei muss ich gestehen, dass es mir sehr schwer fallen würde, immer noch friedlich zu bleiben und ich bin schon deshalb froh, nicht mehr in D. zu sein. 😬

      1. Avatar von LopadistoryLopadistory

        Till Sitter, das kann ich gut nachvollziehen. Dennoch. Contenance 😊 auch wenn angebliche „Staatsmänner“ mit „zupissen“ drohen 🙈

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