Archiv für den Monat Dezember 2021

Ohne Vision: Angst, Hass und Entladung

Gesellschaften, denen die Utopien verloren gegangen sind, neigen dazu, in Selbstbetrachtung zu versinken. Ein Ziel, unter dem sich viele versammeln können, vermittelt die Einsicht in die Notwendigkeit von Gemeinsamkeit. Das individuelle Schicksal spielt, auch aus der Perspektive des Individuums selbst, eine wichtige, aber nicht alles dominierende Rolle. Identität wird als eine gemeinsame definiert. Anders als bei Gesellschaften, die keine gemeinsame Vision mehr herzustellen in der Lage sind. Dort überstrahlt die individuelle Befindlichkeit alles. Sie differenziert sich ständig aus und hat als Tendenz eine nicht mehr aufzuhaltende Unterschiedlichkeit. Das Detail, auch auf die humane Existenz bezogen, beherrscht den Diskurs, die Gesamtheit, die Kontur gehen verloren.

Daraus entsteht eine große Unübersichtlichkeit. Diese hat wachsende Unsicherheit zur Folge, die traditionell mit mehr staatlicher Intervention verbunden ist. Je ausdifferenzierter das gesellschaftliche Sein, desto größer die Unwägbarkeiten. Je größer die Unwägbarkeiten, desto größer die Ängste. Je größer die Ängste, desto lauter der Schrei nach staatlicher Regelung. Je mehr staatliche Regelung, desto unübersichtlicher die Rechtslage. Je unübersichtlicher die Rechtslage, desto größer die Unsicherheit. –  Es handelt sich um einen Teufelskreis, den weiter zu beschreiben bedeutet, irgendwann zu der Erkenntnis kommen zu müssen, dass das alles nicht gut ausgehen kann.

Erstaunlich und besonders ist der Konnex von Individuum und Gesellschaft in diesem Dilemma. Denn wie es dem Individuum ergeht, so erfährt es auch die Gesellschaft. Individuen wie das gesellschaftliche Bewusstsein stehen vor einer großen Unübersichtlichkeit und Unsicherheit, der Ruf nach einfachen Lösungen wird immer lauter. Das Brisante an dieser Entwicklung ist die Gefühlslage. Da die beschriebenen Phänomene Ängste auslösen, ist nachvollziehbar, wie sich  das energetische Kontingent des Angstgefühls bereits aufgeladen hat. Und es ist gewiss, dass die Ängste sich irgendwann in Gewaltprozessen entladen, denen nicht selten der emotionale Umschlag in Hass vorausgeht. Es ist die Hochzeit für Demagogen, die Sündenböcke anbieten, um die vermeintliche Ursache für die Misere zu adressieren. 

Machen wir uns nichts vor. Eine Sogwirkung, ausgelöst durch das Versprechen einer neuen Vision, die wohl zivilisierteste Möglichkeit aus dieser Sackgasse wieder herauszukommen, ist nicht in Sicht. Die neu gewählte Regierung reklamiert den Anspruch, dieses einlösen zu können, aber eine positive Resonanz ist bis jetzt ausgeblieben. Zu sehr, das sei gesagt, sind die Beschränkungen der Grundrechte und des gesellschaftlichen Lebens mit Begründung der Epidemie-Bekämpfung als negative Blaupause in den Köpfen präsent. Das Bild, das dem repräsentativen Individuum unserer Tage am besten entspräche, wäre nicht ein zielendes Auge, sondern ein leerer Blick.

Stattdessen mangelt es nicht an Feindbildern, die momentan miteinander konkurrieren, um als finale Zielscheibe bei der kollektiven Entladung zu dienen. Je nach Klasse, Schicht oder Funktionsgruppe werden sie bemüht, um von denen eigenen operativen wie strategischen Unzulänglichkeiten abzulenken und sich vor der Entladung zu schützen. International sind es Russen und Chinesen, oder auch mal Schleuser, national sind es momentan Ungeimpfte, die Erbengeneration oder die Alten, korrupte Politiker oder alle auf einmal. Sollte sich das Gefühl durchsetzen, das alles zusammen wohl zutrifft, dann wäre der Ausgang noch offen. Sollten entweder die Russen und Chinesen, oder eine Gruppe wie die Ungeimpften ausgedeutet werden, dann sind wir nahe an dem Desaster, dass uns der Nationalsozialismus schon einmal beschert hat. Hetze auf eine Bevölkerungsgruppe und deren Ausgrenzung und Verfolgung im Innern und ein Aggressionskireg nach außen. Die Gefahr geht von denen aus, die diese Agenda verfolgen. Und die Unfähigkeit zu einer mehrheitsfähigen Vision wird nicht kompensiert durch die Beschwörung von Werten, die im eigenen Terrain nicht mehr gelten. 

Fundstück aus einem alten Notizbuch

„Im Postskriptum der bürgerlichen Gesellschaft wird einmal zu lesen sein, dass die Verwertung aller Werte zu tauschbaren Gütern die Entsubstanziierung des Gemeinwesens herbeigeführt habe. Tendenziell habe der Tausch den Gebrauch übertrumpft und die Menschen davor „bewahrt“, den Kopf noch frei zu haben für eine kreativ wirkende Sicht des eigenen Daseins. Der Schatten wurde zu einem Reich, das die eindringende Sonne erfolgreich bekämpfte.“ 10.01.1994

Die ersten 100 Tage und die Schwerter der flammenden Sapienz

Manches, was sich aufgrund eines konkreten Anlasses in der Geschichte etabliert hat, macht durchaus Sinn. Eine Vereinbarung, die in diese Kategorie gehört, ist die Schonfrist von einhundert Tagen, die eine neue Regierung von der Presse zugesprochen bekommt. Zum ersten Mal geschah dieses auf die Bitte des frisch in einer Weltwirtschaftskrise gewählten amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt. Er bat seinerseits die Presse, ihm 100 Tage zu geben, um die innere Funktionsweise der Administration kennenzulernen und erste Schritte des Regierungshandelns in die Wege zu leiten. Letzteres geschah in sehr beeindruckender Weise. In den ersten 100 Tagen wurden insgesamt 15 Gesetze verabschiedet, die den Grundstein für eine neue Politik legten, die als New Deal in die Geschichtsbücher einging. Der andere Deal, nämlich der zwischen dem neugewählten Präsidenten und der Presse, wurde später übernommen und hat sich in vielen Ländern als ein inoffizielles Agreement durchgesetzt. 

Auch hierzulande wird immer wieder von den ersten hundert Tagen Schonfrist gesprochen. In Bezug auf das Regierungshandeln gewinnt man allerdings, vor allem rückblickend auf die letzten Jahre, den Eindruck, dass die Schonfrist nie beendet wurde. Was stattdessen stattfand und auch jetzt schon in Bezug auf die gerade erst gestern vereidigte Regierung praktiziert wird, ist die scheinbar wilde, aber eigentlich belanglose Diskussion um Formen, Gesten, Garderoben und sonstige Beigeräusche. Die Mutation eines Großteils ehemaliger seriöser Presse zu der Sparte Gesellschaftsklatsch hat zu der immer wieder zu beklagenden Ent-Politisierung eines beträchtlichen Teils der Gesellschaft beigetragen, weil die Belange von Politik nun einmal weiter reichen als bis zu Frisörsalons und Wartezimmern von Arztpraxen. 

Insofern ist es ein guter Tipp, sich in den nächsten 99 Tagen genau anzuschauen, was in den Leitmedien aus der Schonfrist für die neue Regierung gemacht wird. Wird sie eingehalten werden, oder wird das Gewicht der Politik bereits auf das Schlechtsitzen einer Krawatte oder der unpassenden Farbkombinationen eines Kostüms reduziert? Was für eine Schonfrist für eine neue Regierung gedacht ist, sollte als Bewährungsprobe für die Presse genutzt werden.

Wer Institutionen, zumal große und mächtige, einmal von innen kennengelernt hat, weiß, dass es einige Zeit braucht, um den Hauch eines Eindrucks von der inneren Dynamik zu bekommen. Denn diejenigen, die dort immer sitzen, unabhängig von der Person, die ihnen aus politischen Gründen vorsteht, wissen sehr genau, wie sie Dinge in Fluss zu bringen sind und wie man sie gegen die Wand fahren lässt. Insofern sind 100 Tage eine sehr sportliche Zeit, um abschätzen zu können, was da vor sich geht. Wenn man dann noch bedenkt, dass mit der neuen Regierung Novizen ohne jegliche Erfahrung in die Hütten, die Paläste sind, einziehen, sollte ein gewisses Maß an Fairness geboten sein.

Und all jenen, die daran gewöhnt sind, mit kritischem Auge das Tagesgeschehen zu verfolgen, sei geraten, sich für diese kurze Zeit einmal zurückzulehnen und sich dem Grundsätzlichen zuzuwenden. Manchmal ist es sinnvoll, sich von der Dauerkonzentration zu erholen und neue Horizonte auszuprobieren. Und natürlich ist es erforderlich, die Schwerter der flammenden Sapienz in der Stunde der Muße zu schärfen. Ihre Zeit wird wieder kommen, das ist sicher. 

Geben wir der neuen Regierung einhundert Tage, um die Kontur zu zeichnen. Nehmen wir ein Power Nap!