Archiv für den Monat November 2021

Den Krieg gegen die Seuche entscheidet der Mittelbau

Niall Ferguson. Doom. Die großen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft

Ja, was sagen die Historiker zur zeitgenössischen Seuche? Niall Ferguson ist einer von ihnen, und zwar ein renommierter. Er hat nun ein Buch vorgelegt, das sich nicht nur mit der historischen Betrachtung von Seuchen, sondern auch von Naturkatastrophen, Unfällen und Kriegen befasst. „Doom. Die großen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft“ heißt das Werk. Es handelt sich dabei um keine leichte Kost. Einerseits sind die verschiedenen Kategorien bereits eine Herausforderung an sich, andererseits sind die von Ferguson angeführten Fakten zahlreich und präzise. Der Vorteil eines solch holistischen Anspruchs liegt allerdings auf der Hand. Er lenkt den Fokus auf die Vorhersagbarkeit, die Vermeidbarkeit und das Management von großen Krisen. Ferguson hat sich diesem Anspruch gestellt, was in Zeiten immer weiter um sich greifender Vermeidung von Verantwortung von großer Courage zeugt.

Um gleich die wesentlichen Fragen auf den Tisch zu legen: es existieren kaum erwähnenswerte Beispiele für die Vorhersagbarkeit von Katastrophen. Warnende Prognosen, dass solche Fälle irgendwann vorkommen können, waren immer vorhanden. Eine präzise Voraussage jedoch nicht. Verknüpft mit dieser Erkenntnis ist die Option der Vermeidbarkeit: wenn die Ökonomie aufgrund der Diversifizierung von Arbeitsprozessen brummt, wird, ohne Anzeichen einer bevorstehenden Unterbrechung von Lieferketten, der Appell, dass so etwas wird stattfinden können, ohne Konsequenzen verhallen. Und beim Management von großen Krisen richten sich die Blicke immer auf die großen, in der Verantwortung stehenden Entscheider. Ihnen werden die Schäden schlechten Managements in der Regel angehängt. Die Politik ist in der Wahrnehmung der meisten Bürger für schlechtes Management von Katastrophen verantwortlich.

Meines Erachtens ist es Fergusons Verdienst, dass er mit dieser Fehlinterpretation aufräumt. Selbstverständlich existieren Ausfälle auf der politischen Bühne wie ein Donald Trump, dennoch sind die kardinalen Fehler während der jüngsten Krise von den jeweiligen Bürokratien und ihrer Funktionsweise zu verantworten: In den USA, in Großbritannien, in Deutschland und in China. Aus unterschiedlichen Motiven handelt der jeweilige Mittelbau, der für die Umsetzung der politischen Strategie verantwortlich zeichnet, systemerhaltend, nicht der Komplexität entsprechend und in der eigenen Sichtweise zu segmentiert. Sollte es Lösungen geben, die aus den jüngsten Ereignissen entspringen, dann liegen sie in einer Reform der jeweiligen Bürokratie. Und in der Erkenntnis, dass kleine Staaten insgesamt besser mit Krisen umgehen können als gigantische Konstrukte, wie die USA, die EU oder China. Da kommen Perspektiven von größerer regionaler Autonomie in den Blick. Im Hinblick auf diese Überlegung erscheint die Forderung nach mehr Zentralismus in Deutschland als eine sehr bizarre Überlegung.

Abstriche zu der positiven Bewertung von Fergusons Buch sind in Bezug auf die abschließenden Überlegungen zu machen, die wie ein Absturz aus wissenschaftlicher Höhe in die Niederungen kolonialer Betrachtung bezeichnet werden muss. Dass er ausgerechnet als Brite China zum Hauptfeind aller konstruktiven Überlegungen zum Thema Katastrophenbekämpfung erklärt und nicht in der Lage ist, zumindest mental einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, der vieles von dem, was China heute unternimmt, aus den eigenen Erfahrungen eines kolonialen Opfers heraus zu verstehen sucht, ist schlichtweg enttäuschend.

Dennoch: Doom ist zu empfehlen, weil es viele vermeintliche Gewissheiten umstürzt und konstruktive Ansätze beinhaltet.

  • Herausgeber  :  Deutsche Verlags-Anstalt (13. September 2021)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Gebundene Ausgabe  :  592 Seiten
  • ISBN-10  :  3421048851
  • ISBN-13  :  978-3421048851
  • Originaltitel  :  Doom: The Politics of Catastrophe

Revolte gegen die Lebensangst

Der November hat es in sich. Nicht nur, weil er wie immer mit dunklen Wolken, Nebel und wenig Tageslicht das Gemüt angreift, sondern auch wegen der vielen Unsicherheiten, die sich momentan über internationale Beziehungen und das gesellschaftliche Leben ausbreiten. Von der Pandemie und ihren Verwerfungen über  brandgefährliche Grenzkonflikte bis zu geostrategischen Konfrontationen sind genügend Anlässe gegeben, die Sorge bereiten. Hinzu kommt, dass die üblichen Kanäle, in denen die menschliche Seele Erholung suchen kann, verstopft zu sein scheinen. Die Kultur leckt ihre Wunden, die Unterhaltung badet in Belanglosigkeit, die freien Geister sind verstummt. Was bleibt, ist eine Strategie für die Einzelnen, die beschriebe, wie mit einer solchen Situation umgegangen werden könnte.

Der heute gar nicht mehr präsente Franz Jung hatte sich zwar in einem anderen historischen Kontext Gedanken über solche Situationen gemacht und die treffende Formulierung für das gefunden, was erforderlich ist: Die Revolte gegen die Lebensangst! Das Diktum ist insofern andersartig, als dass es den Blick abwendet von den vielen äußeren Umständen und Strukturen und den Fokus auf das innere Selbst richtet. 

Es ist nicht damit getan, die eine oder andere Forderung abzusondern, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was am besten als die psychische Disposition beschrieben werden muss. Solange das einzelne Individuum, von Angst und Sorge durchdrungen, sich nicht darüber im klaren ist, welche Veränderungen es bereit ist selbst mitzugehen oder gar zu gestalten, werden selbst die klügsten Einwürfe ohne Resonanz bleiben. Du, auf Dich kommt es an! Ein Slogan, der aus der zeitgenössischen Politik nahezu gänzlich verschwunden ist und ein Stellvertretermilieu geschaffen hat, dass den passiven Zustand eines Großteils der Bevölkerung im Feld der Politik hinterlassen hat. Es ist das bittere Ende eines bequemen Prozesses der Entmündigung, der sich jetzt rächt. Wer glaubte, ausschließlich durch die Beauftragung anderer sein eigenes Schicksal gestaltet zu bekommen, sieht das Ergebnis. Die Beauftragten sind überfordert oder durch andere, stark organisierte Interessen gekapert und das eigene Agieren ist verlernt. Was bleibt, ist Frustration, das Gefühl der Machtlosigkeit, daraus resultierende Lebensangst und sporadische Zuckungen in Form von Zorn. 

Die Angst, im internationalen Kontext auch oft German Angst genannt, ist latent immer vorhanden. Sie konnte historisch in der einen oder anderen Form überwunden werden, zumeist jedoch mit destruktivem Ergebnis. Sie mündete nämlich nicht in ein Gefühl der Selbstermächtigung und der Teilhabe an Gestaltung, sondern in Hass und die Projektion auf Feindbilder. In Bezug auf die jetzige Situation besteht die Gefahr, dass der Hass zur neuen Währung, die alles bestimmen und zu einem neuen Desaster führen wird.

Die Revolte gegen die Lebensangst ist kulturell die vielleicht wichtigste Aufgabe, vor der wir stehen. Nicht, dass nicht Pläne für die Umgestaltung der Gesellschaft entwickelt werden müssten, die den Herausforderungen der Zeit entsprächen. Aber die große Aufgabe, die dem vorausgehen muss, ist die Überwindung der Angst vor diesen Veränderungen. 

Die Bilanz der bisherigen Veränderungen belegt beeindruckend, wie viel verloren gehen kann, wenn die Passivität vorherrscht und das Gros der Gesellschaft in einem schwankenden Zustand zwischen Depression und Aggression verweilt. Der Schlüssel ist die eigene Bereitschaft, sich einzumischen, in die Konfrontation zu gehen und um den richtigen Weg zu streiten. Das Verharren in der Konsumption  ist der falsche Pfad. Das wird vielen nicht schmecken, weil es so einfach ist, die Welt mit Sündenböcken zu bestücken, die die eigene Passivität verdecken. Die Forderung ist immens. Aber gibt es sinnvolle Alternativen?