Archiv für den Monat November 2021

Gero von Harder: Das Verhältnis USA – China in Südostasien

Fragen aus Deutschland zum USA-Chinas-Verhaeltnisses in Suedostasien

  • Blick aus Indonesien –

Gero von Harder

Jakarta Nov 2021

Ein deutscher Freund stellate mir vor kurzem ein paar Fragen ueber das Verhaeltnis Chinas zu seinen suedostasiatischen Nachbarn, im besonderen Indonesien. Nach einigen Tagen des Ueberdenkens beantwortete ich seine Fragen :

Was uns hier umtreibt ist natürlich die neue Regierungsbildung. Ein wichtiges Thema wird die Außenpolitik in Zukunft spielen.

Wie positioniert sich Deutschland innerhalb der EU beim Konflikt zwischen der PRC und der USA.

Wir hören und lesen immer häufiger von Konflikten im Südchinesischen Meer, der Meeresenge zu Taiwan und erst kürzlich vom Stapellauf des ersten chinesischen Flugzeugträgers.

Interessanterweise gab es noch keine Berichte von Konflikten der PRC mit INO. Wird das unter der Decke gehalten? Oder sind sie nicht existent.

Ich weiß aber von chinesischen Bemühungen sogar im Einzelhandel in Bali Fuß zu fassen.

Du kennst Dich da aber besser aus. 

Wie ist deine Beurteilung des Verhältnisses zwischen INO und der PRC ?

Wie folgt:

Das Verhaeltnis zu China ist sicherlich fuer Deutschland ein interessantes Thema. Generell fragt man sich, wieso Deutschland mehr und mehr kritische Verhaeltnisse zu anderen Staaten hat. Wieso Russland zum Gegner aufgebaut wurde, bleibt in der Gedankenwelt von Politikern stecken. Russland ist um die Ecke, USA weit entfernt. Warum sich immer mehr Laender des ehemaligen Ostblocks von uns abwenden, ist eine weitere Frage. Warum es bis zum Mauerfall nur Deutsche gab und danach nur noch Wessis und Ossis, ist ein bedrueckende Frage. Das gespannte Verhaeltnis zu Griechenland ist ein Geschenk Schaeubles, zur Tuerkei Merkels. Nordeuropa und Teile der EU wenden sich mehr und mehr wegen der deutschen intolleranten Besserwisserei ab. Das traditionell enge Verhaeltnis zu Frankreich ist hin. In der Tat, es gibt sehr viel zu tun. Vielleicht hilft es, einmal wieder die politische Kultur und das Miteinander auf Vordermann zu bringen.

Das Verteidigungsabkommen zwischen US, UK und Australien (AUKUS) ist unter dem Vorzeichen grenzenloser diplomatischer Dummheit und Weltmachtdenken entstanden. Der Aerger mit Frankreich war vorhersehbar. Die bueffelige Art Australiens hilft, das australisch-franzoesische Verhaelnis nachhaltig zu stoeren. Aber was anscheinend keinem in Europa und USA aufgefallen ist, dass ein aehnlicher Vertragsbruch gegenueber Asien geschehen ist: Australien hat den regionalen Vertrag zur atomwaffenfreien Zone unterschrieben. Und das kann langfristig erhebliche Auswirkungen haben. Australien wird Atomtechnologie zur Verfuegung gestellt. Was glaubst Du wohl, was jetzt asiatische Laender, besonders Indonesien, haben wollen, denn von den haeufig rabaukigen Australienern militaerisch unterdrueckt werden zu koennen, ist ein australischer Traum, kein asiatischer.

Die asiatischen Laender haben sich bei der Auseinandersetzung zwischen China und USA stets neutral verhalten. Was haben sie auch von einseitiger Zuwendung zu den USA. Die Amerikaner kommen und gehen nach einiger Zeit – in den letzten Jahrzehnten ist das Gehen eher Niederlagen gleichzusetzen. Die Chinesen bleiben. Wenn die USA nicht Chips braeuchten, waere Taiwan fuer sie auch nur ein Spielball, mit dem sie die Volksrepublik reizen kann. Die Amerikaner waren auch nicht unbedingt als ideale Partner angesehen worden. Taiwan setzte in der Gruendungsphase auf Staatsbetriebe.

Vor allem wird Hong Kong und Taiwan eher als innerchinesisches Problem angesehen, was ja nicht ganz falsch ist. Es gehoert schon immense Chuzpe des Westens dazu, fuer die Freiheit der Menschen in Hong Kong offiziell zu kaempfen, wenn man die Geschichte ansieht. Hong Kong wurde China zur Strafe abgenommen, weil es keinen Opiumverkauf mehr im Lande haben wollte. Die Englaender wollten aber fuer den eigenen Wohlstand Opium verkaufen. Dafuer wurden Hong Kong Chinesen Menschen zweiter Klasse, und Millionen durften fruehzeitig sterben. 

Das fuehrt zu einer weiteren diplomatischen Eselei: Was hat Grossbritannien in diesem Buendnis zu suchen, das nur als Kolonialmacht in der Geschichte dieser Region aufgetaucht ist? Australien auch nur Weisse, auch nur eine Langnasen-Nation. Asiatische Laender sind nur asoziiert, bis hin zur Unwichtigkeit. Es ist also nicht erstaunlich, dass hier Begriffe wie Neokeolonialismus auftauchen.

Natuerlich gibt es ab und an Rumpeleien auf dem Meer. Es geht im wesentlichen um Fischgruende, denn China braucht Nahrung. Bisher ist das auf dem Niveau von den Kabbeleien zwischen Frankreich und UK. Gerade Indonesien haelt sich bei Meeresfragen zurueck. Zwar hat die vorhergehende Ministerin fuer Fischerei einen “Krieg” gegen illegal Fischerei gefuehrt und Schiffe versenken gespielt, aber China und Taiwan klauen gleichermassen, und indonesische Fischer klauen bei den Australiern, die wiederum nun Schirffe versenken. Die Gruendung einer nationalen Reservearmee findet zur Zeit statt, um die Selbstversorgung des Landes in der Landwirtschaft zu verbessern, die sich durch die Corona-Pandemie verschlechtert hat, nicht wegen Kriegsaengsten. 

Indonesien selbst ist wenig an Aerger mit China interessiert, zumal javanische Fuehrer traditionell wenig an Fischrei interessiert sind. Die Vorteile eines guten Verhaeltnisse ueberwiegen klar: Guenstige Finanzierung und vor allem schnelle Lieferung, mit letzterem schlaegt China saemtliche westliche Hilfe. (Chinesischer Einzelhandel auf Bali? Fuer die eigenen Touristen habe ich gehoert, aber z.Z. kein Thema, Corona-Ferien.) Die gegenwaertige Kabbelei, an der sich auch Australien beteiligt, kann Indonesien nur erfreuen. Man wird die qualitativ schlechte Kohle zu Spitzenpreisen los, in einem Monat 20 % Steigerung der Kohleexporte (von Russland 200 % innerhalb eines Jahres, Mongolei folgt, wenn dort Lockdown beendet)).

Apropos Kohle und Klimawandel. Hier wird China vorgeworfen, CO2-Produzent Nr. 1 zu sein. Gut moeglich, aber wofuer wird die Energie auch genutzt? 

Einschub chinesischer Begbau und Energieverbrauch: Vor kurzem hiess es in den News, dass die chinesische Magnesiumproduktion wegen Energiemangels reduziert wird. Muessten wir uns doch freuen, denn die Produktion ist sehr energieintensiv, und damit wird weniger Kohle gebraucht. Tun wir aber nicht, weil wir Magnesium brauchen. Genau wie bei den seltenen Erden, die nicht selten, aber nur energieintensiv zu produzieren sind. China hat mit billiger und oft minderwertiger Kohle diese Produkte fuer den Westen erzeugt, der sich von chinesischen Importen vollstaendig abhaengig gemacht hat. Stoppt China saemtliche derartiger Exporte dann verbessert sich die eigene Energiebilanz, die des Westens wird belastet. Aber keine Sorge, Australien will erst 2060 aus der Kohle aussteigen. In jedem Fall wird die westliche Energieumstellung deutlich teurer.

Wo USA bisher nun fuer Asien ueppig ins Budget greift, ist fuer die Botschafts-Neubauten in Bangkok (650 Mio. US$) und Hanoi (1,2 Mrd. US$). Die bisher teuerste Botschaft ist in London (1 Mrd. US$). Was nun die dabei mitgelieferten Abhoergeraete an Mehrwert fuer das jeweilige Land ist, bleibt unersichtlich.

Was ist Asien ausser dem Militaerpakt USA-UK-Australien bisher angeboten worden? Ich meine gelesen zu haben: 100 Mio. US $ fuer Covid-Impfungen von den USA, weitere Trinkgeldbetraege von weiteren Laendern. Die voellig einseitige Verteilung (und Verschleuderung) von Impfstoffen weltweit und die stuemperhafte Verteilung innerhalb des Westens haben sicher das Vertrauen nicht verstaerkt. Indonesien bezieht im Wesentlichen Impfstoffe aus China, Totimpfstoffe. Die nun neu bestellten Stoffe aus dem Westen sind ebenso Totimpfstoffe. Letztere sind uebrigens auch der vorhandenen Infrastruktur besser angepasst als die, die eine perfekte Kuehlkette mit hohen Minusgraden benoetigen.

Gerade Indonesien hat schlechteste Erfahrungen mit westlichen Partnerschaften. Man erinnere sich an den hollaendischen Entwicklungsminister Pronk, der 1992  mit seinem neokolonialistischen Auftreten die Schliessung der Intergovernmental Group on Indonesia (IGGI) bewirkte. IGGI hatte auch kolonialistische Zuege, denn Indonesien musste bei dieser Gruppe jaehrlich um Kredite betteln, die sie mit dem eigenen Oel zurueckzahlen musste. IGGI war nach der Staatspleite Soekarnos und der Machtergreifung Soehartos als Hilfsinstrument gegruendet worden. 

1998 folgte nach der Soros-Baht-Spekulation die Unterwerfung unter den IMF, die sich durch das toelpische Verhalten des damaligen IMF-Chefs zu einer Katastrophe entwickelte. Er hatte bei der Unterzeichnung des Vertrages in Siegerpose mit verschraenkten Armen hinter dem indonesischen Praesidenten gestanden. Dieser Gesichtsverlust hat viel an Glaubwuerdigkeit des Westens genommen. Diesen Knebelvertrag, der zudem verschiedene fatale Fehler hatte, die die Situation nur verschlimmerten, so schnell wie moeglich loszuwerden, war Ziel aller Nachfolgeregierungen. Die Schulden wurden denn auch vorzeitig beglichen und damit der Vertrag beendet. (Anm.: Soros verkauft sich im Westen als Retter der ungarischen Demokratie, hier hat er sich als legalisierter Krimineller dargestellt, der Millionen Menschen ins Unglueck gestuerzt hat.)

In diesem Jahr hat sich Norwegen mit seinem REDD+-Programm zur Bekaempfung der Abholzung ueber 1 Mrd. Euro verabschieden muessen. Es wurde gekuendigt. Norwegen fand  immer wieder Gruende, berechtigte Zahlungen nicht zu taetigen.

Westliche Traeger und Laender zeigen haeufig ausgesprochene Ungeschicklichkeit gegenueber asiatischen Laendern und deren Politikern. Es benoetigt mehr als Waffenrasseln des Westens, um sich voellig von China abzuwenden. Mehr Fingerspitzengefuehl macht auch Sinn. So sollte man nicht von Indonesien bis 2030 den vollkommenen Stopp der Abholzung verlangen, aber Australien Kohle bis 2060 abbauen lassen. Speziell Indonesien ist an der Wertschoepfung bei der Nutzung der eigenen Bodenschaetze interessiert. Philippinen und Indonesien haben wohl 45 % der weltweiten Nickelvorkommen. Daran ist Deutschland auch interessiert, aber in Deutschland verarbeitet. Wer hat hier wohl die erste Verarbeitungsanlage errichtet? China. Kupfer aus Papua wird nun bald auf Java verarbeitet werden, eine mittlere Windmuehle soll davon um die 55 kg in sich haben. 

Hier sei auch angemerkt, dass es bei der gegenwaertigen Pandemie eine Ausgrenzung der asiatischen Erfahrungen und Forschungen im Westen gibt, nicht nur der chinesischen sondern auch Laender wie Indien, Singapur, Taiwan und Japan. In dieser Region wird bereits seit 30 Jahren geforscht. Wenn das mit afrikanischen Forschern geschehen waere, hiesse das bei uns Rassismus. Immerhin werden einige der afrikanischen Forscher  ab und an in der Presse genannt, eine Ehre, die Forschern asiatischer Laender nicht zuteil wird. Diese Misachtung hilft nicht, Achtung voreinander aufzubauen.

Man kann nur wuenschen, dass sich die moderateren Kraefte im Westen durchsetzen, damit nicht Graeben entstehen, die nicht mehr ueberbrueckbar sind. Eine Ausgrenzung von China wird den Klimawandel sehr verteuern, denn in vielen technischen Bereichen wie Batterien sind die Chinesen dem Westen meilenweit voraus. Im uebrigen sollte der Rest Asiens nicht nur als Rohstofflieferant angesehen werden.

Die Herrschaft der Sündenböcke?

NATO-Kriegsschiffe im Schwarzen Meer, vor der russischen Küste, NATO-Verbände in Polen und im Baltikum an der russischen Grenze, US-Kriegsschiffe im Südchinesischen Meer, in der Karibik und rund um Südamerika, US-Soldaten auf ca. 200 Stützpunkten auf dem ganzen Globus, immer weit entfernt vom eigenen Hoheitsgebiet – es sind Fakten, die den im Unrat der Propaganda gelandeten Leitmedien keine Zeile wert sind. So sind eben die Gesetze des Imperiums: es handelt sich um die Vorboten der Freiheit, die den Restschurken auf dem Planeten zeigen werden, wer die richtigen Werte hat. Und alle blasen in das Horn, vorneweg die neue Außenministerin, was die Prognose für einen desaströsen Ausgang des Experiments erleichtert.

Aber, russische Truppenbewegungen an der ukrainischen Grenze sind schon Dutzende Schlagzeilen wert. Da wagt es doch der Iwan, auf die Einkreisungsbewegungen auf eigenem Territorium zu reagieren! Die monierten russische Truppenkonzentration findet nämlich auf russischem Hoheitsgebiet statt. Das ist der kleine, aber feine Unterschied, der sowohl die Regierungsdiktion als auch die der Claqueure aus dem Pressemonopol bei ihrer mentalen Mobilmachung gegen einen vermeintlichen Feind nicht groß stört. Dass die große Masse der Menschen auf diesen ideologischen Kriegsbrei zum Teil angewidert reagiert, ist die logische Folge. Doch, das ist eine Lehre zumindest der letzten zwanzig Jahre, dass gesellschaftliche Spaltung und großer Verdruss zurückzuführen ist auf eigenes Handeln, gegen diese Erkenntnisse sind die Akteure weitaus besser als gegen Corona geimpft.

Das vermeintliche Problem in dieser Republik ist ein völlig verblödetes und die Welt nicht mehr erfassendes Volk. Das Entsetzen darüber geht in den zur Zeit herrschenden Kreisen soweit, dass selbst der Terminus ausradiert werden soll. Ein Volk gibt es nicht mehr, dafür aber von der Inquisition kontaminierte Milieus, die sich nun daran machen, der stupiden Masse eine Lehrstunde zu erteilen über die typische Verlaufsform von Inquisitionen. Die geht wie folgt: 

schleichende mentale, dann strukturelle Machtergreifung, Infizierung des Zeitgeistes mit der totalitären Logik, erhalt der formalen Macht, Tyrannisierung der Mehrheit bis zu dem Grad, wo die  Angst vor der Sanktion in Hass umschlägt und die Residenzen der Täter wie der Institutionen, in denen sie ihr Unwesen treiben, in lodernden Flammen aufgehen.

So, wie es scheint, strebt der zunehmend faschistoide Zeitgeist, der seinen Kern immer weniger zu kaschieren sucht, zielstrebig auf die Absolvierung einer solchen Lehrstunde zu, es sei denn, die Kriegsgeplänkel führen noch zu einer zeitlichen Verzögerung und man holt sich in den Fußstapfen Napoleons und Hitlers als Figur der historischen Farce noch einmal ein gewaltiges Fuder Schläge ab, das dazu führen könnte, erneut durch externe Befreier gerettet zu werden. In diesem Fall würde den Unbelehrbaren wieder einmal gezeigt, dass es sich bei den selbstüberhöhten Weltverbesserern schlichtweg um Maulhelden handelt, die besser beraten gewesen wären, in Bescheidenheit und Demut ihren eigenen Weg zu gehen, der als Maß die eigenen Möglichkeiten realistisch beschrieben hätte. 

Aber, davon sind wir weit entfernt. Es herrschen Verzerrung und Lüge, es herrschen Zwietracht und Verleumdung. Was nicht herrscht ist Klarheit über die Ursachen der Verwerfungen wie der Unzulänglichkeiten. Dafür existieren Sündenböcke en masse. Wenigsten da können wir aus dem Vollen schöpfen! Fast könnte man zu der Erkenntnis gelangen, dass die Herrschaft der Sündenböcke ein Segen wäre, verglichen mit dem, was da von Tag zu Tag vor sich geht.