Wer permanent schnell getaktet ist, verliert auf Dauer die Fähigkeit zur Kontemplation. Was damit verloren geht, zeigt sich zunehmend deutlich. Das mangelnde Vermögen, einen Schritt zurückzutreten und den Verlauf einer Geschichte zu betrachten, führt zu einer Verstümmelung des Bewusstseins. Wer nicht gelernt oder verlernt hat, sein eigenes Leben Revue passieren zu lassen, braucht sich über Lernprozesse keine Gedanken mehr zu machen. Alles, was dann noch Relevanz besitzt, ist das Unbewusste. Seine Bedeutung ist auf keinen Fall zu unterschätzen, doch die der Aufklärung zugrunde liegende Rationalität ist davon meilenweit entfernt. Also, seien wir ehrlich, wenn die Ausgangsthese stimmt, haben wir mit der Rasanz unserer Alltags- und Arbeitsroutinen die Aufklärung weit hinter uns gelassen. Ob es ein Schritt nach vorne war, ist zu bezweifeln.
Vieles, was heute als unumstößlich und ohne Alternative gilt, wird gerne in den Duktus von Modernität gesetzt und entpuppt sich, wenn wir es wagen, dann doch einmal die Entwicklung zu reflektieren, als eine alte, revisionistische, ja reaktionäre Position. Denn der Obskurantismus, der Dogmatismus, die brutale Herrschaft und ihre Inquisition waren mit dieser Denkweise gesegnet und sie haben genau die Geister hervorgerufen, die den Widerspruch, den Wettstreit und das freie Wort beflügelten. Der mentale Todesstoß für die oft zitierte Wertegemeinschaft des freien Westens war der Spruch, mit dem die vielfältigen Krisen der letzten beiden Jahrzehnte gemanagt wurden: There is no alternative (TINA). Von Maggie Thatcher bis Angela Merkel hat sich dieser anti-aufklärerische Slogan zur Staatsräson etabliert und die mentale Verfasstheit der damit traktierten Gesellschaften ruiniert.
Die Methode ist bekannt und der Hammer liegt immer bereit: ob bei der Bankenrettung in Folge der Finanzkrise, ob bei der Krise um die Ukraine, in der ein Junktim von EU- und NATO-Mitgliedschaft als in Stein gehauene Maxime galt, ob bei der nochmaligen Bankenrettung in Folge der Griechenland-Krise, ob bei der „Lösung“ der Flüchtlingsfragen nach der Beteiligung an den militärischen Konflikten, die sie auslösten, ob bei den Wahlen zum EU-Parlament und der danach gar nicht daraus resultierenden Besetzung der Ämter, bei der Position zum Afghanistan-Krieg und erst Recht beim Management der Corona-Krise: Es gab immer nur eine Position, die als die richtige galt und alles, was sich wie auch immer dagegen stellte, galt als abstrus, verrückt, terroristisch, idiotisch oder was auch immer. Die Bilanz der Regierungsdoktrin, die keine Alternative kennt, ist der Ruin der Debattenkultur.
Die Darstellung ist eine andere. Hört man sich die Erklärungen vieler Politiker und der Vertreter des medialen Echos an, dann sind es natürlich die anderen, in diesem Fall das Volk gewesen. Neben den sprachlichen Etikettierungen, die mit der TINA-Politik einhergingen, wurden Möglichkeiten, den Teufel beim Namen zu nennen, gleichzeitig ausgeräumt. Frei nach dem Motto: Wem wir die Sprache nehmen, der wird sich nicht mehr artikulieren können. Das Rezept geht zum Teil auf, aber eben nur zum Teil.
Vieles spricht dafür, dass der Rückfall der Gesellschaft in ein vor-aufklärerisches Stadium zu einem relativen Niedergang geführt hat, der in der Öffentlichkeit nicht kommuniziert wird und nicht kommuniziert werden darf, den allerdings die große Mehrheit der Bevölkerung durchaus sieht. Die Dissonanz zwischen Realität und Doktrin wird letztendlich zu Brüchen führen, die einiges auf den Kopf stellen werden. Ein Szenario mit sehr vielen Alternativen.

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Leider wahr.
Nur eins fehlt:
Nach Merkels Putsch gegen Kohls Eisenbeißer (in der Spendenaffäre) war niemand mehr da, der die nötigen Eier gehabt hätte, etwas zu entgegnen.
Warum?
Nach dem Explodieren der Managerbezüge der freien Wirtschaft war Politik ein „abgeräumtes Feld“. Geeignete Kader – Fehlanzeige. Und das war noch Kohls Werk.
– Industrieverlagerung nicht gebremst;
– Preisgrenzen (z.B. Pharma-Industrie) beseitigt;
– für sich verstärkende Zuwanderung kein Konzept entwickelt
All das hält bis heute an und verschärft sich.
Wo maximale Einkommen möglich sind, da geht man hin.
Die Diäten sind zwar hoch (von unten betrachtet), aber von oben betrachtet eher ein Verarmungsrisiko.
Nicht mal Wahlkreise werden zusammengelegt, um das zunehmende Missverhältnis zwischen 1- und 2. Stimmenabgabe (und somit Sitzverteilung) auf natürlichem Wege zu „schmälern“.
So kriegen wir nun immer mehr und immer ungeeignetere Abgeordnete ohne Berufs- und Lebenserfahrung auf den Hals.
Naja und die wollen nu von Deutschland aus die Welt retten.
Weil Bibi Blocksberg nu mal immer gewinnt – und viel mehr intellektueller Input ist da nicht mehr. Hex-hex!
Dass diese Haltung in eklatantem Kontrast steht zu der alten Floskel „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, wird nicht gesehen/begriffen.
„Wir sind die Guten!“ Basta. Das gute steht in den Lehrbüchern und Mainstreammedien. Wer sich anderswo informiert, über den kommt Karl Eduard von Schnitzler mit seinem „Schwarzen Kanal“. Das Gute ist wahr, weil es „wissenschaftlich erwiesen“ ist. Wer gegen das Gute ist, der muss sich fragen lassen, wo sein Klassenstandpunkt abgeblieben ist! Wer sich nicht zusammenreißt, der dient dem Feind.
(Ach, die Ossis immer mit ihrer Zonen-Erfahrung, gäääähn.)
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