Archiv für den Monat Oktober 2021

Stillstand

Objektiv existiert er nicht. Da muss ich immer an den schönen Satz von Friedrich Engels denken: Der Ursprung allen Daseins ist die Bewegung. Recht hat er. Was sich nicht bewegt, existiert nicht. Und genau das ist es, was mir den Stillstand so suspekt macht, der natürlich immer nur gefühlt sein kann, weil er objektiv ja gar nicht existiert. Der Stillstand ist das Ansinnen, die Spielregeln des Lebens nicht einhalten zu wollen. Auch das ist verständlich, weil die absurde Bewegungsrichtung des Lebens letztendlich immer der Tod ist. Insofern scheitern wir alle. Wenn wir das nicht reflektieren, so handelt es sich um ein intendiertes Tabu, um den Spaß an der Sache nicht zu verlieren. Wer hat schon Lust, immer zu wissen, dass man irgendwann sowieso dem Sensenmann in die Arme läuft.

Und diejenigen, die die Vorwärtsbewegung durch den inszenierten Stillstand aufhalten wollen, machen das aus dem Motiv der Todesangst. Sie wollen die eherne Gesetzmäßigkeit des Lebens außer Kraft setzen und nehmen dabei sogar in Kauf, die Zeit, die hier auf diesem Planeten bleibt, nicht etwas besser, schöner, sinnvoller machen zu wollen. Nein, es soll alles so bleiben, wie es ist, und wenn möglich, möglichst lange. Wenn man so will, der Tod im Leben. Die Apologeten des Stillstandes wollen den Tod im Leben, um den Tod am Ende möglichst lange hinauszuschieben. Absurd aber wahr. Deshalb gibt es auch zwanzigjährige Greise und Vierzigjährige, die über Erfahrungen von Achtzigjährigen verfügen.

Neben denen, die den Stillstand favorisieren, existieren nämlich auch noch die, die über eine, um zu zitieren, neurasthenische Angst vor dem Stillstand verfügen. Sie versuchen alles zu gestalten und zu beschleunigen. Ob sie sich, analog zu den Verfechtern des Stillstandes, wirklich immer bewusst machen, was sie treiben, sei dahin gestellt. Sicher ist jedoch, dass sie über die Qualität, die die Beschleunigung des Daseins mit sich bringt, die gefühlte Lebenszeit essenziell bereichern, weil sie sie mit Erfahrung verdichten. Auch sie werden scheitern, das ist die Regel, und wenn schon zu Lebzeiten, dann spätestens an der Erkenntnis, dass die Dauer des Aufenthaltes auf diesem Planeten immer zu kurz ist, um die Komplexität des hiesigen Daseins zu erfassen. Dennoch werden sie weitermachen, denn die Neurasthenie ist nicht zu unterschätzen. 

Über diesen Clash of Civilizations ist in der Moderne noch nicht sonderlich viel nachgedacht worden, sollten wir aber machen. Denn die unterschiedliche Position zum Sinn des Lebens einmal festzumachen an der gewissen Endlichkeit, ist gefährlich. Die Menschen in unaufgeklärten, tief religiösen Epochen waren da cooler. Sie wussten um die Endlichkeit und hatten ein Konzept für das Danach, was ja nicht unangenehm sein musste. Mit der Materialisierung der Betrachtung des Daseins, d.h. Aufklärung, Wissenschaft und Industrialisierung war dieser Spuk vorbei. Aber der große Wurf ist epistemologisch dennoch nicht gelungen. Anstatt einer famosen Begründung für die Liquidierung des Gottes zugunsten einer neuen Dimension, wurde ein recht antiquiertes Tabu errichtet. Wir denken einfach öffentlich nicht mehr über die Endlichkeit nach. 

Unabhängig davon ist der beständige Kampf zwischen Stillstand und Beschleunigung das wohl probateste Stilmittel der menschlichen Existenz. Der Stillstand fordert die Geister der Gestaltung heraus und bietet ihnen die Reibungsfläche. Daraus entsteht oft vieles, das nützlich ist und manchmal sogar etwas Großes. Und das wegen eines Phänomens, das im strengen Sinne gar nicht existieren kann.

Untergrund

Der physische Untergrund interessiert mich weniger, auch wenn ein Erlebnis wie die Moskauer U-Bahn nicht aus dem Gedächtnis geht. Und schon hält es mich doch, bei dem Thema zu bleiben. Das Wesen der Untergrundbahnen sagt vieles aus über die Orte und Gesellschaften, wo sie errichtet wurden. 

In London kann man in den Schächten immer noch den aufkommenden Industrialismus riechen, jene Mischung aus menschlicher Anstrengung und Müll, aus dem flüchtigen Genuss und dem Tempo. Da beeindruckt es sehr, die innere Ruhe der Fahrgäste zu beobachten. Das Englische, diese so befremdliche Mischung aus Arroganz und Selbstdisziplin, ist bis heute in den Schächten der Underground präsent. Und sie berichtet nicht nur aus vergangenen Zeiten, sondern illustriert in quietschenden Tönen die heutige, bunte Mischung eines residualen Imperiums. Die Deszendenten aus den früheren Kolonien schleichen heute als Bürgerinnen und Bürger der einstigen Weltmetropole durch die Schächte und lesen die Namen wie Regieanweisungen aus einem Lästerstück der Weltgeschichte: Charing Cross, Piccadilly Circus, Knights Bridge.

In New York ist die Sub die Metapher für das schnelle Wachstum, das höllische Tempo und den Pragmatismus der Stadt. Und sie gehört zur Poesie des klassischen Jazz. Wer in New York war und nicht den berühmten A Train benutzt hat, diese Pumpe von Manhattan nach Brooklyn und zurück, das Nadelöhr zweier Welten, die voneinander abhängen und sich bedingen, der hat den Atem des Tiegels nicht verspürt. Transferiert die Londoner Underground trotz aller Eile vor allem das Gefühl von Geduld und Maß, so ist die Sub das gefühlte ungeduldige Trommeln mit den Fingern auf dem Tisch. Schräg, ungeduldig, hektisch und keine Zeit für gar nichts, die Überlebenseliten in New York haben einen Konsens, da ist für Romantik keine Zeit. Und dennoch, wer unter den wilden Straßen Harlems herfährt, der schließt Pakte, an die er sein Leben lang denken muss.

Wenn es ein Dokument für planerische Weitsicht gibt, dann ist es die Berliner U-Bahn. Die Zwanziger Jahre des XX. Jahrhunderts zählten Berlin zu den kulturellen Metropolen dieser Welt. Der Konnex zwischen Kultur und Stadtplanung wird hier deutlich. Ein Netz, das alles verbindet, das weit über die heißen Pflaster des Zentrums hinausgeht bis in die Birkenwälder Brandenburgs und die an die Ausläufer der norddeutschen Tiefebene. Da waren Planer eines Utopia am Werk, von dem die Stadt heute, nach ihrer verheerenden, wechselvollen Geschichte profitiert, als sei nichts geschehen. Und trotz der planerischen Weitsicht wirkt eine Fahrt mit dem Vehikel vom technischen Standpunkt aus eher beschaulich, wäre da nicht ab und zu die Angst vor dem Kessel oben, an der Oberfläche, der zu bersten droht und seine aggressiven Ingredenzien in die Schächte hinunterspült.

Doch Londons Underground, New Yorks Sub, Berlins U-Bahn und auch die Metro von Paris sind nichts im Vergleich zu dem, was Moskau sich als Zeichen des Fortschritts im Namen eines Gesellschaftsprojektes mit dem Titel Sozialismus gegönnt hat. Es ist ein Tempel, ein Museum, eine Kathedrale. Geformt aus Marmor, mit Reliefs an den Wänden, blitzblanken Zügen und einer sakralen Gesamterscheinung. Auch die Moskowiter rasen wie die Steppenwölfe durch breit angelegten Schächte und für beschauliche Schwätzchen ist gar keine Zeit. Da ist kein Funken Mitgefühl, sie drängen mit fletschenden Zähnen durch die Schranken, während gusseiserne Dokumente an den Wänden von dem Glanz des Fortschritts kunden und auf Stalins Büro in einem Schacht zur Zeit des Großen Vaterländischen Krieges verweisen, als die deutschen Truppen vor Moskau standen. Insofern ist dieses Monument seiner Heimstatt treu: Moskau kennt keine Tränen!

Proteste in Frankreich, Streiks in den USA, Passivität in der BRD — Neue Debatte

Dass sich die Gewerkschaften im Stadium der umfassenden Globalisierung zu einem isolationistischen und in passiver Träumerei verweilenden Wahlunterstützungsverein gewandelt haben, rächt sich in desaströser Weise. Der Beitrag Proteste in Frankreich, Streiks in den USA, Passivität in der BRD erschien zuerst auf Neue Debatte.

Proteste in Frankreich, Streiks in den USA, Passivität in der BRD — Neue Debatte