Archiv für den Monat September 2021

Der Ball der Macht, die Drogen und das schmutzige Geschäft

Da ist, wegen des ekelhaften chinesischen Virus, jahrelang nichts los. Und dann kommt dieser Tag, an dem doch wieder viele Menschen zu den Urnen gelaufen sind, weil sie in ihrer DNA den Glauben haben, dass Demokratie sich dort entscheidet, wo man ein Kreuzchen macht, und alles gerät in Bewegung. Das Erstaunliche ist die Erkenntnis, dass ganz plötzlich die Stimmen, die da abgegeben wurden, in den Augen derer, die daraus einen Auftrag ableiten, in großem Maß irrelevant sind. Eigentlich wäre gestern Abend der Zeitpunkt gewesen, nicht nur zur Revolution aufzurufen, sondern sie einzuleiten. Ab in die Parteizentralen und Rundfunkanstalten, mit dem Slogan auf den Lippen: Schluss mit dem Quatsch! Jetzt gehts ans Eingemachte! Aber, meine Damen und Herren, wir sind doch in Deutschland. Da darf der Republikanismus nicht weh tun. Wo kämen wir denn da hin?

Stattdessen schmissen sich Bobby H. und der verwegene Christian L. in dessen Porsche und machten eine Spritztour ins Reich der Träume. Im Handschuhfach die kleinen Pillen mit Neoliberalismus und Bio, die sie unvorsichtigerweise im Dutzend einwarfen, bevor sie die Avus erreichten. Wo sie abgeblieben sind, weiß bis heute niemand, aber wenn sie wieder auftauchen, werden sie immer noch stoned sein, soviel ist sicher. Auch der zur schwäbischen Mediokrität gereifte Cem Ö. träumte vom Coup der zwei Kleinen, um auf den Thron zu klettern, wobei Kenner unter Eid versicherten, zu solchen Abschweifungen brauche der gute Mann keine Drogen, da reiche ein tief schwarzer Tee und er sei auf Sondersendung.

Besonders stach da noch ein sich als Atlantiker begreifender Noppi aus dem schwarzen Loch hervor und ließ sich, mit bebendem Kinn, dazu hinreißen, den grünen Scharfschützen zu versichern, wenn es gegen den Russen ginge, dann sei seine Truppe die verlässlichste. Da raunten viele aus dem Hinterland, der habe seinen Verstand auf den Galas der amerikanischen Freunde beim Verzehr allzu vieler Sputniks gelassen und so ginge man doch nicht in Verhandlungen mit solchen Bio-Winzlingen. Die, so ein bajuwarischer Freund, müssten Männchen machen, wenn sie Minister werden wollten. Ob Mann oder Frau, ja mei, da kenne man kein Pardon nicht!

Dem Einzigen, dem man ansah, dass in ihm noch die harte Arbeit der letzten Monate und Jahre in den Knochen steckte, war der Olaf S., bei dem nichts mehr von Teflon zu entdecken war. Er sah den Ernst der Lage und machte hanseatische Miene zu einem ganz und gar unverzeihlichen und bösen Spiel. Und die Linke schwieg im Déjà-vu, tausendmal erlebt und nichts dazu gelernt. Und, das sah man ihren Gesichtern an, der Magic Mushroom namens Spaltung führt zu keinem Rausch, der Freude spendet oder inspiriert.

Der Ball, mit dem das neue Spiel am gestrigen Abend eröffnet wurde, ist noch lange nicht zu Ende. Ganz im Gegenteil, es geht jetzt erst richtig los. Dem wie immer etwas blöde aus dem Fenster starrenden Michel, der auch das Spiel schon x-mal erlebt hat, ist jedesmal von Neuem empört und folgert, dass die Politik ein schmutziges Geschäft sei. Nur, das begreift er anscheinend nie, es liegt an ihm, wie schmutzig es man dort treiben kann. Wach auf, alter Mann, bevor es ein für allemal zu spät ist!   

„Es geht um Raum und Zeit!“

Viel ist davon die Rede, dass es um sehr viel geht. In derartigen Situationen ist es ratsam, sich zu orientieren. Zunächst einmal sollte die Frage im Mittelpunkt stehen, worum es eigentlich geht. Vielen fallen da gleich eine Menge Themen ein, die genannt werden. Wir alle haben es gehört, es geht um soziale Gerechtigkeit, es geht um Infrastruktur, es geht um Klimawandel, es geht um Bildung, es geht um Krieg und Frieden, es geht um Menschenrechte. Das alles wird von der einen oder anderen Partei als Ziel für sich reklamiert und viele Menschen fühlen sich in vielem überfordert: in der Präferierung der Themen, in der Auswahl der Partei und immer mehr auch bei der Überlegung, ob das hiesige politische System eigentlich in der Lage ist, mit all den komplexen Fragestellungen, die durch ein rasantes Entwicklungstempo immer schneller immer neue Fragen aufwerfen, adäquat zu reagieren.

In einem solchen Augenblick ist es ratsam, einen Schritt zurückzutreten. Nicht im räumlichen Sinne, sondern im Hinblick auf die zu betrachtenden Faktoren. Distanz ist, nur soviel am Rande, immer eine gute Ratgeberin. Und manchmal ist es auch hilfreich, das Metier zu wechseln. Raus aus der Politik, und hinein in ein anderes Lebensfeld, das als durchaus komplex zu verstehen ist und sich durch viele Analogien zum gesellschaftliche Gesamtleben auszeichnet.

Ich weiß nicht warum, aber mir fiel in den letzten Tagen bei der Erörterung der Lage immer wieder ein von mir als legendär bezeichnetes Interview ein. Am Vorabend des Finales der Fußball-WM 2014 in Brasilien, bei dem Deutschland auf Argentinien treffen sollte, hatten sich Reporter in einem Café in Buenos Aires mit El Flaco, dem Dünnen, getroffen. Caesar Louis Menotti, der ehemalige Nationaltrainer Argentiniens, der die Mannschaft 1978 zur Weltmeisterschaft geführt hatte, traf sich mit deutschen Reportern in seinem Lieblingscafé und stand zu einem kurzen Interview bereit. Als ihn die Reporter fragten, worauf es denn am folgenden Tag in erster Linie ankomme, hatte er geantwortet, es käme darauf an, worauf es immer ankomme: es ginge um Raum und Zeit.

Nicht umsonst wurde Menotti in seinem Land gerne auch als der Philosoph bezeichnet. Und, angesichts seiner Äußerung gegenüber den deutschen Sportreportern, die allerdings mit der Antwort nich viel anfangen konnten, bestätigte er seinen Ruf. Denn, um zurück zur Ausgangsfrage zurückzukommen, die Frage von Raum und Zeit ist, angesichts der vor uns allen liegenden brennenden Fragestellungen, nicht nur von essenzieller Bedeutung, sondern die Frage überhaupt.

Manche aus dem professionellen politischen Lager spitzen ihre Argumentation denn auch konsequenterweise auf diese Fragestellung zu. Wieviel Zeit bleibt, um bestimmte Probleme zu lösen und wie groß sind die Handlungsspielräume, um in dem verbleibenden Zeitrahmen noch etwas zu bewältigen? Das gilt für das Phänomen des Klimawandels genauso wie für die soziale Frage. Wie lange, so könnte man sich fragen, hält der Rahmen, in dem wir uns mental wie physisch bewegen, bis er bricht? Und was kann in dem Zeitraum, der zur Verfügung steht, bewirkt werden? Und wem traue ich zu, dass er als politischer Faktor sowohl den Raum als auch die Zeit am besten nutzt?

Mir hat Caesar Louis Menotti mit seiner Antwort sehr geholfen. Es geht um Raum und Zeit. Wie immer im Leben. Das ist das ganze Geheimnis.