Archiv für den Monat August 2021

Havarie durch Hasardeure

Kaum sind die Uniformen aus dem einen Desaster aus der Wäscherei zurück, wird mit Schwung am nächsten Rad ins Verhängnis gedreht. Afghanistan, diese von Ranküne nach 9/11 getragene Strafaktion, die ganze zwanzig Jahre gedauert hat, bei der das Grundgesetz mit dem Hinweis, seine Freiheiten würden auch am Hindukusch verteidigt, mit Füßen getreten wurde, hat bei den Verantwortlichen insofern Enttäuschung ausgelöst, weil es von den USA abrupt beendet wurde. Letztere sind dabei nich ganz so pazifistisch, wie sie sich geben. Das Kalkül, das der Erkenntnis folgt, Afghanistan nicht im eigenen Sinne befrieden zu können, ist eine Instrumentalisierung der Taliban als Infiltrationsmasse nach Russland. Erstarkte Taliban könnten ihren Islamismus in die muslimischen russischen Grenzgebiete tragen und dort für Unruhe sorgen. Ob das die Geostrategen Kramp-Karrenbauer und Maas erahnt haben, ist fraglich, denn noch jammern beide wegen des Abzugs aus Afghanistan.

Umso freudiger wurde die Einladung begrüßt, mit dem Schiffchen im Indopazifik der neuen, gelben Gefahr die Stirn bieten zu können. Und wie damals in Afghanistan mit der Freiheit, so tut man es jetzt nicht unter den Werten, für die wir stehen. Dass diese börsennotiert sind, versteht sich. Man habe, so bei kritischen Kommentaren aus dem Regierungslager, in der Corona-Pandemie gesehen, wie wichtig Lieferketten seien und wolle jetzt mit der Fregatte Bayern zeigen, dass man gewillt ist, diese zu sichern. 

Das ist schön gesprochen, verkennt oder verschleiert jedoch die Tatsache, dass die Diversifizierung der Produktion rund um den Globus keine Erfindung der Volksrepublik Chinas ist, sondern dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate folgt und somit der Logik der eigenen Wirtschaft und dem Diktum des freien Marktes entspricht. Wäre man konsequent, man verzeihe die Polemik, schickte man die Fregatte Bayern in die Schaltzentralen der westlichen, multinationalen Konzerne und nicht in den Indopazifik oder gar das Südchinesische Meer. 

Das Gelächter wäre dort so groß wie wahrscheinlich in China selbst, wo man den Einsatz des einstigen Exportweltmeisters mit einer Fregatte und 200 Besatzungsmitgliedern gegen das Reich der Mitte als doch etwas spöttisch gering betrachtet. Aber, auch das sollte nicht aus dem Blick geraten, hinter der Mauer versteht man sich auf Symbole wie sonst nirgendwo auf der Welt. Und vielleicht interpretiert man das deutsche Pazifikschauspiel als bloße Geste gegenüber den USA, was angesichts der eigenen militärischen Schwäche löblich wäre, oder man diagnostiziert es als Symptom einer maßlosen Selbstüberschätzung, was wahrscheinlicher ist und diesseits der Mauer zu tiefer Betrübnis führen sollte.

Obwohl innerhalb der us-amerikanischen Finanz- und Militärelite noch heftig darüber gestritten wird, was der richtige, d.h. für die Interessen der USA stehende Weg ist, nämlich Konfrontation bis zum Krieg oder temporäre Kooperation, scheinen sich die Kreise in der Bundesrepublik, die sich so gerne als Atlantiker bezeichnen, bereits für die Option der Konfrontation entschieden zu haben. Mir leerem Beutel ist gut protzen, möchte man da sagen, aber gegen die gegenwärtige Form der Selbstüberschätzung in den dominierenden Milieus Germanistans scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Dass mit diesem rhetorischen Gefuchtelt die Kriegsgefahr steigt, ist nicht unbedingt zu erwarten. Dass allerdings bei einer Havarie eines deutschen Kriegsschiffes 14 Tausend Kilometer entfernt vom Heimatland etwas konstruiert werden kann, das dazu führt, ist nicht auszuschließen. Das wäre dann eine Havarie, verursacht durch Hasardeure. 

Morbus Wokeness: “… nur ein totes Stück Fleisch.” — Neue Debatte

Das vielfach herrschende Weltbild ist so klar wie desaströs. Um es kurz zu machen: Der Glaube an die Zukunft, getragen von einem Gefühl der Zuversicht, ist dem Wettbewerb der Dystopien erlegen. Der Beitrag Morbus Wokeness: “… nur ein totes Stück Fleisch.” erschien zuerst auf Neue Debatte.

Morbus Wokeness: “… nur ein totes Stück Fleisch.” — Neue Debatte

Wokeness: „Doch nur ein totes Stück Fleisch!“

Auf viele Faktoren wird verwiesen, wenn die verschiedenen Mächte dieser Welt miteinander verglichen werden. Vor allem im Westen sucht man nach Erklärungen für den allmählichen, nicht mehr zu leugnenden Niedergang von der einstigen unangefochtenen Vormachtstellung auf dem Globus. Da wird viel aufgeboten, um das zu entschlüsseln. Was auffällt, ist eine Kritik an den sich neu etablierenden Mächten. Da sind Autokraten am Werk, da wird die Demokratie mit Füßen getreten, da wird mit Hackerangriffen der Westen destabilisiert, da wird Werkspionage betrieben, da wird staatlich subventioniert, was der freie Markt so nicht kompensieren kann etc. etc.. Einmal abgesehen von vielem, was dort moniert wird, das durchaus auch im Westen betrieben wird, fällt auf, dass der Blick ausschließlich nach außen gerichtet ist. Und darin liegt das Problem.

Einmal abgesehen von der immer ausgeklammerten Frage, ob das Wirtschaftssystem, dem der Westen vital verbunden ist, nicht radikal seine Grenzen in der sozialen wie ökologischen Dimension mit jeder Krise neu dokumentiert, wäre es auch einmal an der Zeit, die sozio-kulturelle Befindlichkeit der einzelnen Blöcke näher unter die Lupe zu nehmen. Die in diesem Kontext wohl exquisitesten Faktoren sind die Einstellung zur Zukunft, die Definition von Gemeinschaft und der damit verbundenen Anforderungen an das Individuum und Einstellung zu Krieg und Frieden. 

Die Antwort auf diese Fragen im Westen wäre ein Ansatzpunkt, um mit vielem, was sich dort abspielt, ins Gericht zu gehen, ohne gleich auf äußere Feinde zu zeigen, die für alles verantwortlich gemacht werden sollen, was im Argen liegt. Um es kurz zu machen: Der Glaube an die Zukunft, getragen von einem Gefühl der Zuversicht, ist dem Wettbewerb der Dystopien erlegen. Die Einstellung des Individuums in Bezug auf die Gemeinschaft ist die eines Forderungskatalogs in Richtung Gemeinwesen ohne definierte Gegenleistung des Individuums. Und die Einstellung zum Krieg ist latent positiv, weil alle anderen Akteure, die sich auf der Welt bewegen und die nicht dem eigenen Muster folgen, als Feinde ausgemacht sind. Das Weltbild ist so klar wie desaströs. Vergleiche mit anderen Ländern, die sich auf den Weg gemacht haben, eine größere Rolle zu spielen, zeigt, mit welchen mentalen Malaisen der Westen sich herumschlägt.

Vor allem der Aspekt, der sich mit dem Konnex von Individuum und Gemeinschaft befasst, dokumentiert das ganze Desaster. Die einstmals in jeder Pore präsente protestantische Leistungsethik ist einer Überrepräsentation des Befindlichen gewichen und manifestiert das Ende des Leistungsgedankens. Das, was sich in der Vorstellung des Individuums über seine Rolle gegenüber dem Gemeinwesen niederschlägt, findet unter der Überschrift von Anti-Diskriminierung seinen vorläufigen Höhepunkt. 

Die Existenz des Menschen ist eine soziale. Soziale Existenz bedeutet Arbeit in Bezug auf die Gemeinschaft, in der er lebt. Dieses Prinzip ist, zumindest ideologisch umgekehrt in der formulierten Forderung an die Gesellschaft, dem Individuum gegenüber wertschätzend zu handeln, unabhängig von der Leistung des Individuums gegenüber der Gesellschaft. Das ist der Morbus Wokeness, der die westlichen Gesellschaften zunehmend befällt und gegen den sie nicht immun sind.

Oder, wie es die Metzgersfrau im Laden an der Ecke so treffend auf den Punkt brachte: „Wenn du nichts machst, dich nirgendwo engagierst, sondern nur forderst, dann bist du doch nur ein totes Stück Fleisch. So kommen mir die Leute vor, die immer nur auf ihre Herkunft verweisen. Die hängen, übertragen gesprochen, am Haken. Vom Veterinär geprüft und gestempelt. Mehr ist das nicht!“