Archiv für den Monat Juli 2021

Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn

Jede öffentliche Diskussion ist auch ein Symptom. Sie zeigt, womit sich eine Gesellschaft beschäftigt, was sie umtreibt und welche Befindlichkeiten dominieren. Blickt man auf die Themen, die momentan im viel zitierten Sommerloch stattfinden, dann könnte der Eindruck entstehen, dass das, was durch die Gazetten zieht, ein Ausdruck von Langeweile ist, der mangels tatsächlich gesellschaftlich relevanter Themen entstanden ist. Nur, und da sollte man sich vor Illusionen hüten, brisante politische Themen gibt es genug, zumal die Republik in gut zehn Wochen vor einer Bundestagswahl steht.

Das Portfolio der angesagten Themen dieser Tage dreht sich um Covid-19, wie sollte es auch anders sein, um die Korrektur von Sprachgewohnheiten im Deutschen, um Studienabschlüsse, Stipendien, Steuermeldungen und Publikationen einer Kandidatin für das Kanzleramt, um das Klima, eine Fußballeuropameisterschaft und anstehende Olympische Spiele. Abgesehen von dem Erstaunen über das Ausbleiben von essenziellen Diskussionen, die für dieses Land vital sind, wie der Zustand und die Verfasstheit des Rechts, die Organisation des Staates und seiner Bürokratie, die klaffende Wunde sozialer Ungleichheit oder die Sicherheit in der Welt, die von vielen schmerzlich vermisst werden, fällt auf, dass die gewählten Themen alle mit einem Phänomen behaftet sind, das unter dem Titel Doppelte Standards gut beschrieben ist.

Da werden gesunde Bürgerinnen und Bürger, die sich umsichtig und vernünftig verhalten,  zunehmend diskriminiert, da beginnen die pawlow´schen Hunde einer sinnfreien Bürokratie damit, Begriffe aus dem Sprachgebrauch zu streichen, die nicht im entferntesten mit Diskriminierung und Rassismus zu erklären sind, da werden Täuschungsmanöver und bewusste Falschinformationen einer Kandidatin bagatellisiert, da wird hart an der Illusion gearbeitet, durch ein politisches Zurückbomben der Produktivkräfte in ein vor-industrielles Zeitalter bewahre man die Menschheit vor einem Klimawandel, da werden rund um Sportereignisse Ressentiments geschürt und bestätigt, die Ausdruck einer Verrohung sind, die die große Geldmaschine und ihre Propagandaorgane bewirkt haben. Passierte das alles in anderen Gefilden, dann wäre die Empörung groß und man zögerte keine Minute, um sich in den vielen Foren zu entladen. Selbstverständlich ohne eigene Konsequenz.

Dass diese Mechanismen, die von außen betrachtet dazu führen, am Zustand dieses Landes zu zweifeln, fällt niemandem so recht auf, oder zumindest will es niemand wissen. Der Geist, der vorherrscht, ist der einer systematischen Selbsttäuschung, die eine Art Wohlgefühl herbeiführt, das nicht untypisch ist bei Krankheitsverläufen als Vorbote einer dramatischen Verschlechterung. 

Die Symptome sind eindeutig. Die Diagnose ebenso. Mangels eines Eintrages einer derartigen Krankheit in medizinischen Standardwerken muss die Beschreibung helfen. Es handelt sich um Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn und dem jedem Größenwahn innewohnenden Zweifel an der eigenen Unzulänglichkeit. Denn irgendwo im Innern, das spüren alle, die dieses Wälzen auf dem psychologisch-politischen Krankenbett verfolgen, da nagt die Angst an der eigenen Unzulänglichkeit und beflügelt die destruktivsten Kräfte, die vorstellbar sind. Hinter all dem Getöse lauert die Angst, es doch nicht mehr hinzubekommen, mit sich selbst und der Gesellschaft. Das Prädikat der deutschen Zustände kann insofern nicht mehr anders lauten als prekär. 

Es ist zu empfehlen, alles, was im Vorfeld der anstehenden Wahlen in den gewohnten Kanälen des politischen Diskurses thematisiert und behandelt wird, von außen zu betrachten und mit der Diagnose dessen zu beginnen, was als die prekären deutschen Zustände beschrieben werden muss. Treten Sie zurück, nehmen Sie Abstand und betrachten das Ganze kalten Auges! Und legen Sie sich nicht in das zerwühlte, infektiöse Bett!

Dum Tacet Clamat: Wer schweigt, spricht! — Neue Debatte

Ist das Schweigen der Mehrheit Ablehnung? Ist es Zustimmung? Ist es Desinteresse? Versteht sie die Redenden nicht mehr? Oder nimmt sie Letztere gar nicht mehr ernst? Jede Antwort ist für das Fortbestehen des politischen Systems essenziell und bis auf den Fall der Zustimmung als Resultat eine Katastrophe. Der Beitrag Dum Tacet Clamat: Wer schweigt, spricht!…

Dum Tacet Clamat: Wer schweigt, spricht! — Neue Debatte

Dum Tacet Clamat: Wer schweigt, spricht!

Mit der Interpretation menschlicher Verhaltensweisen ist das so eine Sache. Zu oft zieht man zu schnell Schlüsse, die sich als falsch herausstellen, weil doch mehr zum Entschlüsseln gehört als ein einziger Blick, ein Gestus oder ein traditionell eingespieltes Verständnis. Gut zu erschließen ist die These bei einem Beispiel, das sich täglich wiederholt und sich ebenso oft als falsch interpretiert herausstellt. Da erzählt ein Mensch einer Gruppe, vor der er steht, etwas, und die Gruppe schweigt. Was bedeutet das? Viele würden gleich sagen, dass das Ablehnung bedeutet, weil wir hier, in unserem Kulturkreis, auch noch so eine Formulierung wie „eisiges Schweigen“ haben. In vielen Ländern des Ostens aber, da wäre Schweigen eine wohlwollende Zustimmung. Manchmal, bleiben wir wieder hier, kann das Schweigen aber auch bedeuten, dass das Gehörte kaum verstanden wurde, man sich aber nicht traut, dieses anzusprechen, und es kann auch erklären, dass die Gruppe den Menschen, der zu ihr redet, gar nicht mehr ernst nimmt.

Allein an diesem Beispiel wird deutlich, wie kompliziert es doch ist. Um menschliches Verhalten richtig lesen zu können, dazu bedarf es nicht nur eines wachen Auges, sondern auch eines Wissens um die Umstände, die Gepflogenheiten und um die Atmosphäre, in der es stattfindet. Und, weil das gewählte Beispiel so bekannt ist und wir alle wissen, worum es geht, wenden wir es einmal auf die Lage an, in der wir uns alle befinden, nämlich die politische. Denn politische Wesen sind wir alle, ob wir es wollen, oder nicht. Denn wir leben in einer Gemeinschaft, auch wenn dieses der eine oder die andere bereits vergessen hat. Und jegliche Kommunikation über den Zustand und das Vorgehen der Gemeinschaft ist Politik.

Nun fragen sich viele Menschen, wenn sie die Angelegenheit der Gemeinschaft, oder um in der richtigen Terminologie der Staatskunde zu bleiben, wenn sie res publica, die Sache der Öffentlichkeit betrachten, warum so viele Menschen sich nicht mehr zu Wort melden, während andere, wenige, sich im Dauerschreizustand befinden und den Eindruck erwecken, es ginge heiß her im politischen Diskurs. Getragen von der Aufmerksamkeit, die die öffentlichen Medien und die digitalen Netzwerke genießen, könnte man tatsächlich zu dem Schluss kommen, wir lebten in wilden Zeiten der politischen Debatte.

Rein quantitativ stimmt das jedoch nicht. Die große Mehrheit hat sich aus dieser Art der politischen Interaktion längst verabschiedet, ohne dass sie es aufgegeben hätte, sich einen eigenen Standpunkt zu entwickeln. Nur, und das ist das, was viele noch besorgen, ja überraschen wird, sie schweigen. Sie schweigen quasi ohrenbetäubend. Denn, wenn das, was wir tatsächlich vernehmen an politischer Diskussion Krach ist, dann wird das, was sich momentan durch das Schweigen einer Mehrheit nicht artikuliert, ein tatsächliches Donnerwetter werden.

Die eingangs gestellte Frage stellt sich in diesem, gesellschaftlich hoch brisanten Fall von neuem: Ist das Schweigen der Mehrheit Ablehnung? Ist es doch Zustimmung? Ist es Desinteresse? Versteht sie die Redenden nicht mehr? Oder nimmt sie letztere gar nicht mehr ernst? Egal, zu welchem Schluss man kommt, keiner kann befriedigen und keiner kann dazu führen, dass man zurück zur Tagesordnung geht. Denn jede Antwort ist für das Fortbestehen des politischen Systems essenziell. Und bis auf den Fall der Zustimmung als Resultat eine Katastrophe.