Archiv für den Monat Juni 2021

Der investigative Journalismus kennt keine rosigen Zeiten

In die Kritik am gegenwärtigen Journalismus schleicht sich zuweilen die verzerrte Wahrnehmung ein, dass es einmal so etwas wie die goldenen Zeiten dieser Profession gegeben habe. Dass dem nicht so war, kann man ausgerechnet in der Biographie einer Ikone des investigativen, unabhängigen Journalismus nachlesen. Seymour M. Hersh, der die amerikanische Nation wie kaum ein anderer durch seine exzellent recherchierten und immer den Finger auf die Wunde legenden Artikel aufgemischt hat wie kaum ein anderer, dokumentiert, wie schwierig es auch in der Vergangenheit war, sich gegen die offiziellen Lesarten der Politik seitens der Regierenden zu stellen. Immer wieder musste er kämpfen, die Presseorgane wechseln und sich dem aussetzen, was heute so gern mit dem euphemistischen Begriff eines Shitstorms bezeichnet wird. Er machte es dennoch. In seiner Autobiographie „Reporter. Der Aufdecker der amerikanischen Nation“ legt er Zeugnis ab über seine spannende, explosiv geladene journalistische Vita.

Seymour Hersh, seinerseits als mittelloser Jude in Chicagos berüchtigter Southside aufgewachsen, kam mehr aus Zufall an das Pressewesen und begann als kleiner Lokalreporter. Seine Herangehensweise wurde gespeist durch seine eigene Sozialisation und führte zu dem Motto, dem er sein Leben lang treu bleib: Sieh genau hin, bevor du etwas schreibst, entferne den Schein, um auf das Sein vorzudringen, mach keine Kompromisse und gebe die eigene Unabhängigkeit nie auf.

Die Bilanz ist atemberaubend. Er war es, der die amerikanische Nation in Atem hielt. Seine großen Enthüllungen begannen mit Enthüllungen über den Einsatz biologischer und chemischer Waffen im Vietnamkrieg, er enthüllte das Massaker von My Lai, er schrieb unangenehme Wahrheiten über die Kennedys, die unter anderem Mordversuche am kubanischen Präsidenten Fidel Castro autorisiert hatten, er dechiffrierte die Rolle der CIA als eine Institution, die sich zum Staat im Staate entwickelt hatte, der demontierte so manches Lügengebäude Henry Kissingers, er deckte die amerikanische Beteiligung am Mord von Salvador Allende beim Putsch in Chile auf, er beschrieb die fatalen, von Falschaussagen gespickten Begründungen für den durch George W. Bush unternommenen Krieg gegen den Irak, er beschrieb die Abwendung seines Landes vom syrischen Präsidenten Assad, der seinerseits alles tat, um mit den USA zu kooperieren, er lieferte ein Bild über die Foltermethoden im berüchtigten Abu Ghraib und er warf ein kompromittierendes Licht auf die Umstände der Liquidierung Osama Bin Ladens. 

Ohne Übertreibung kann gesagt werden, dass die Geschichte der USA in manchen Punkten anders verlaufen wäre, hätte Seymour Hersh sich auf lockende Angebote eingelassen, wenn er sich den von der politischen Administration in den Welt gesetzten Mainstream-Narrativen angeschlossen hätte. Das Buch bietet einen aufschlussreichen Einblick auf seine Arbeitsmethoden, seine Recherchen und seinen Umgang mit Informanten, die jeweils alles riskierten, um zu helfen, dass das aufgedeckt wurde, was der amerikanischen Bevölkerung vorenthalten werden sollte. Es zeigt den Niedergang der demokratischen Werte und Institutionen und die allmähliche wie stetige Verpflichtung der so genannten freien Presse gegenüber der politischen Macht.

Es wundert, dass Seymour Hersh, seinerseits Jahrgang 1937, immer noch lebt und sich bester Gesundheit erfreut. Es lässt den Schluss zu, dass das Vorgehen bei seiner Arbeit und die daraus entstandene Qualität Fakten geschaffen haben, die einfach nicht mehr aus der Welt zu räumen waren. Das Buch ist ein Dokument von Mut, Haltung, Disziplin, handwerklicher Akkuratesse und der Verpflichtung zu nicht durch die eigene Meinung kontaminierte Information. Unbedingt lesenswert.   

  • Herausgeber  :  Ecowin; 3. Edition (22. März 2019)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Gebundene Ausgabe  :  432 Seiten
  • ISBN-10  :  3711002374
  • ISBN-13  :  978-3711002372
  • Originaltitel  :  Reporter: A Memoir
  • Abmessungen  :  15.4 x 3.8 x 21.6 cm

Grüne Schattenspiele

Allein das Räsonnement ist heikel. Aber fangen wir mit einem Bericht an, den kürzlich ein Vertreter eines modernen, international operierenden IT-Unternehmens erstattete. Er selbst ist ein international sozialisierter, moderner Mensch, dem man nicht nachsagen kann, er stünde für antiquierte Lebenskonzepte oder ein traditionelles, eingestaubtes Rollenverständnis. Er erzählte, dass es in seinem Konzern, dort vor allem in Skandinavien, mittlerweile Usus sei, gemäß einer selbst gewählten Quote Frauen auf Vorstandsposten zu setzen. Manchmal sei das richtig und erfolgreich, manchmal aber auch ein Dilemma, weil es zuungunsten von Männern ginge, die sich für diese spezielle Funktion als geeigneter erwiesen. Konsequenz des Unternehmens sei es, den weniger qualifizierten Frauen Männer zuzuordnen, die quasi im Verborgenen und mit reichlicher finanzieller Kompensation die weniger qualifizierten weiblichen Vorstände unterstützen. Sein Kritikpunkt bezog sich vor allem darauf, dass das Vorgehen des Konzerns der eigenen Belegschaft bekannt sei und zum Ergebnis habe, dass großes Unbehagen gegenüber der Förderung leistungsfähiger Frauen insgesamt herrsche.  

Die Geschichte kam mir wieder in den Sinn, als ich die Reportagen über den gegenwärtigen Parteitag der Grünen verfolgte. Mit der Entscheidung, an der jetzigen Kandidatin für das Kanzleramt festzuhalten, und der Art und Weise, wie der Parteitag inszeniert wurde, fiel dann doch eine Analogie zu dem auf, was aus dem IT-Konzern berichtet wurde. Wenn richtig mitgezählt, mussten bereits sieben Korrekturen in der veröffentlichten Vita der Kandidatin vorgenommen werden und zudem wurde eine nicht vorgenommene Deklarierung von Einnahmen gegenüber dem Bundestagspräsidium bekannt. Das sind, gelinde gesagt, Vorfälle, die in dem beschriebenen Unternehmen bereits zu einem Aus geführt hätten. Schummeln bei den formalen Voraussetzungen führen in den Personalbüros privater wie öffentlicher Unternehmen in der Regel dazu, dass eine Zulassung zum weiteren Auswahlverfahren ausgeschlossen wird. 

Besonders auffällig bei besagtem Parteitag war allerdings, dass ausgerechnet der intern unterlegne Kandidat in die Bresche sprang und eine flammende Verteidigungsrede hielt, die an das beschriebene Prozedere erinnerte, einen Mann an die Seite schwächelnder Frauen zu stellen, um es zu richten. Da ist es kein böswilliger Schluss, sondern folgerichtig, das Vorgehen als einen Schlag gegen die Förderung leistungsfähiger Frauen insgesamt zu entlarven. 

Denn es ist, unabhängig vom Geschlecht, ein altes, ja ein sehr altes Spiel, das dokumentiert, wie Dominanz unabhängig von Kompetenz organisiert werden kann. Übrigens ein Spiel, dass auch in vielen autokratischen Staaten immer gerne gespielt wird. Man setzt Symbolfiguren in die Funktionen, die eine bestimmte Botschaft vermitteln sollen und lässt andere, weniger populäre, aber intern mächtige Gestalten das Spiel der Macht inszenieren.

Es soll nicht darüber spekuliert werden, wer sich hinter der Kulisse positioniert hat, obwohl bestimmte Politiker, die längst jenseits der grünen Gründungsprogrammatik ihr Unwesen treiben, sich eine Figur ausgesucht haben, die optisch vieles mitbringt, was der Common Sense akzeptiert, allerdings schwach genug ist, um sie mit ritterlichem Gestus so steuern zu können, dass die eigene Agenda keinen Schaden nimmt. 

Vieles spricht dafür, dass ein solches Szenario gerade im Gange ist. Und vieles spricht dafür, dass die wahren Hardliner, und seien Sie sicher, es sind keine Frauen, im Hintergrund Regie führen. Dass dabei die Restposten eines einstigen grünen Aufbruchs verramscht werden, ist egal. Schließlich geht es ums Ganze. Das grüne Schattenspiel hat begonnen.