Archiv für den Monat Mai 2021

„Wir müssen hier raus!“

Man kann es sich auch einfach machen. Die eigene Existenz, so wichtig sie auch sein mag, ist nichts, solange sie nur für sich steht. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Dass dem so ist, sehen momentan viele, die seit Monaten durch die pandemisch begründete Isolation auf sich gestellt sind. Da tauchen Phänomene auf, die bis dato für viele Menschen unbekannt waren und als eine neue Entdeckung bestürzt zur Kenntnis genommen werden. Da macht sich bemerkbar, wie wichtig der soziale Austausch ist. 

Oft beginnt es mir einem zunehmenden Kraftaufwand, um die Tagesroutinen zu erledigen. Die Monotonie übermannt viele, sie werden lethargisch, die anfänglich gefeierten Videokonferenzen werden immer weniger, weil selbst die nicht das ersetzen, was als die eigentliche Normalität gilt. Sollte virtuelle Kommunikation zustande kommen, stellt man fest, dass der Gesprächsstoff ausgeht. Irgendwie fehlen die Worte, um noch etwas zu sagen, und immer mehr fehlt auch das Motiv, sich mitzuteilen. Die Erkenntnis, die sich aufdrängt, ist die, dass zum Menschsein mehr gehört als die Versorgung mit Lebensgütern und die technische Möglichkeit der Kommunikation. „Wir müssen hier raus!“ hieß ein Politsong längst vergangener Zeiten, der sich dennoch sehr gut eignen würde, um das gegenwärtige Lebensgefühl treffend zu beschreiben.

Normalerweise ist das, was die einzelne Existenz beschreibt, auch immer zutreffend für das gesellschaftliche Dasein. Nur, und das ist eine weitere Erkenntnis, ist die Weise in der gegenwärtigen Zeit alles andere als normal. Denn schaut man auf das, wie momentan das Dasein reflektiert wird, kommt man zu dem Schluss, dass der Isolationismus regelrecht zelebriert wird. Dass der Fokus auf den Zuständen im eigenen Land liegt, ist zunächst naheliegend. Denn wer wollte nicht wissen, ob und/oder wie lange die zunehmend depressive Atmosphäre noch vorherrscht? Sich darauf jedoch zu beschränken und die Zeit regelrecht zu nutzen, um das Bild zu vermitteln, wir markierten hier, irgendwo im Zentrum Europas, gleichzeitig den Mittelpunkt der Welt, ist eine verhängnisvolle Sichtweise.

Zwar werden täglich Ereignisse aus allen Teilen der Welt gemeldet, jedoch stets mit einer eindeutigen Einschätzung, die sich nicht auf den Versuch stützen, zunächst einmal ein genaues Bild von dem zu bekommen, was sich dort eigentlich ereignet, sondern immer mit Appellen oder Ratschlägen verbunden, die den eigenen Maßstäben entsprechen. Das führt zu einer Art Hype, der die Illusion nährt, man habe alles im Griff und müsse sich nicht mehr die Arbeit machen, das Wesen dessen, um was es geht, erst einmal zu erfassen. Und, um diagnostisch zu werden, dieses Verhalten entspricht einer Behäbigkeit, die der Lethargie entspringt und suggeriert, man sei Herr der Lage. Tatsächlich aber handelt es sich um eine gefährliche Art der Selbstüberschätzung, die einer Illusion entspringt, die mit den tatsächlichen Verhältnissen kaum noch etwas zu tun hat.

Der Gestus, in der Lage zu sein, die Welt retten zu können, mag die einzelne Akteure in gewisser Weise beruhigen. Diesen Gestus als politisch richtungsweisend und als klug zu betrachten, ist ein Spiel mit dem Feuer. Weise wäre es, der existenziellen Erfahrung zu folgen, dass nur die direkte Interaktion mit dem Rest der Welt dazu führen kann, ein realistisches Bild von den Zuständen zu erhalten. Und dann wird die Erkenntnis am Horizont auftauchen, dass die Welt nicht darauf wartet, von uns beglückt zu werden. In günstigem Fall wird sie uns anbieten, einen Teil dazu beitragen zu können, vieles zum Besseren zu wenden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.   

Lob der Routine

Mason Currey. Daily Rituals

Man muss es ja nicht gleich so treiben wie der britische Lyriker W.H. Auden, der den Tag mit Amphetaminen begann und ihn mit Sedativa beendete. Sein berühmter Funeral Blues dokumentiert die ungeheure Kreativität des Menschen, der in der Lage ist, alle Grenzen zu sprengen und dem Gefühl eine Expressivität zu verleihen, die bei der bloßen Lektüre schon beschleunigt wie eine Droge. Aber sich einmal genau anzuschauen, wie die Künstlerinnen und Künstler mit der Diskrepanz eines profanen, irdischen Daseins und der explosiven Kreativität umgingen, bringt nützliche Erkenntnisse. Mason Currey hat sich in seinem Buch „Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get to Work“ hat er die täglichen Routinen bekannter, kreativer Menschen näher betrachtet. Die Lektüre ist nicht nur unterhaltsam, sie bringt auch Erkenntnisse.

Was sich in dem einen oder anderen Fall schrill anhört, hat dennoch System. Benjamin Franklin begann den Tag nackt mit einem Luftbad, Toulouse-Lautrec malte in Freudenhäusern, Edith Sitwell arbeitete ausschließlich im Bett, George Gershwin komponierte grundsätzlich nur am Klavier im Pyjama, Freud tat es nicht unter einem Arbeitspensum von 16 Stunden am Tag, Gertrude Stein hingegen beschränkte sich auf 30 Minuten täglich, und F. Scott Fitzgerald schrieb nur nach ausreichendem Gin-Konsum. Diese Angaben entsprechen dem Bild, das viele Menschen von den Exoten haben, die auf dem Feld der Kreativität tätig sind. Und, um des Verkaufs Willen, sind es auch diese Beispiele, die den Klappentext schmücken.

Aber, hinter der genial-exotischen Attitüde verbirgt sich zumeist auch harte Arbeit und eine klare Struktur. Bei der Lektüre wird deutlich, wie viele der Aufgeführten einem sehr detailliert konzipierten Tagesablauf folgten. Aufstehen, wach werden, sich präparieren die Gedanken kreisen lassen, aber pünktlich am Ort der Arbeit präsent sein, in einem bestimmten Kontingent an Stunden konzentriert zu Werke gehen, Mittagspause, Spaziergang, Korrespondenz, Lektüre, Sozialkontakte beim Abendessen und dann nochmal für einige Stunden ins Studio, um wieder zu arbeiten. Meistens sind es Arbeitstage, die 16 und mehr Stunden umfassen und die alles andere sind als das eruptive Absondern irgendwelcher genialer Ideen. Ein Großteil ist Handwerk, das bis ins Detail beherrscht wird, es ist Disziplin, die sonst nur im Militär denkbar ist und es ist Konsequenz bis zur Selbstaufgabe. 

Insofern ist Mason Curreys Buch ein wichtiger Beitrag, um auch denen, die nicht in dem Metier des künstlerischen Schaffens leben, einen Eindruck davon zu vermitteln, was es heißt, wenn Künstlerinnen und Künstler von harter Arbeit sprechen. Kolportiert werden in der Regel die schillernden Figuren, die allzu oft existenziell in jungen Jahren scheitern. Die harte Arbeit, die die künstlerische Produktion bedeutet, findet im Verborgenen, jenseits der Öffentlichkeit statt. Aber dort wird sie unerbittlich absolviert.

Und, um die Lektüre nicht nur auf diese Erkenntnis zu beschränken, gibt es den einen oder anderen Hinweis, wie man sich selbst eine Struktur geben kann, wenn man auf sich allein gestellt ist und nicht den Takt durch eine Organisation vorgegeben bekommt. In den Zeiten der Individualisierung, in der wir leben, ein aufschlussreicher Aspekt.

Das Einzige, was auch bei den härtesten Arbeitern, von denen in dem Buch die Rede ist, nie zu dem Sortiment der Askese gehört und dem nahezu alle frönten, sind Unmengen Kaffee. Das stößt auf großes Verständnis, oder?

Wirtschaftsliberalismus: Die im Dunkeln sieht man nicht? — Neue Debatte

Es wird Zeit, dass Menschen aus dem Handwerk, der Industrie, kleine Unternehmer und eben auch die Underdogs, die als die tatsächlichen Verlierer der Globalisierung zu sehen sind, in die Parlamente kommen. Der Beitrag Wirtschaftsliberalismus: Die im Dunkeln sieht man nicht? erschien zuerst auf Neue Debatte.

Wirtschaftsliberalismus: Die im Dunkeln sieht man nicht? — Neue Debatte