Archiv für den Monat Mai 2021

Van Morrison: Stop Bitching, Do Something! — Neue Debatte

Van Morrisons Studioalbum „Latest Record Project. Volume 1“ ist eine voluminöse Sammlung von Gedanken über die Eiszeit des kulturellen Lebens in Zeiten des Lockdowns. Der Vorwurf, er sei ein Verschwörungstheoretiker, ließ nicht lange auf sich warten. Der Beitrag Van Morrison: Stop Bitching, Do Something! erschien zuerst auf Neue Debatte.

Van Morrison: Stop Bitching, Do Something! — Neue Debatte

Anklage wegen Doppelmoral mit Todesfolge

Wie aufregend es auch sein mag: es ist immer sinnvoll, zu versuchen, eine Situation zunächst zu beschreiben, bevor sie bewertet oder beurteilt wird. Das fällt besonders schwer, wenn es um das Handeln von Akteuren geht, die alles, was sie tun, nahezu exklusiv mit ihren Werten begründen. Sie sind, bliebe man bei ihren selbst gewählten Worten und Begründungen, quasi der Prototyp derer, die Max Weber einmal die Wertrationalen genannt hat. Nur, bei genauem Hinsehen, fällt das selbst gewählte Kartenhaus sehr schnell zusammen. 

Es ist nicht lange her, da echauffierten sie sich, von einzelnen Vertretern der Bundesregierung, über die propagierte Meinung der Pressemonopole bis hin zur schmückenden Krone der EU-Funktionäre besonders deutscher Provenienz, über das Schicksal des russischen populistischen Politikers Nawalny. Und natürlich waren da die Werte wieder einmal die Folie. Nicht, dass es nichts an den russischen Verhältnissen zu kritisieren gäbe. Aber, wenn jeder, der irgendwie gegen den russischen Staat und seine Organe arbeitet, schon die Qualität mitbringt, um die uneingeschränkte Solidarität der „Wertegemeinschaft“ zu erfahren, auch wenn es sich um jemanden handelt, der aufgrund seiner politischen Aktivitäten hierzulande längst vom Verfassungsschutz beobachtet würde, sind Fragen angebracht.

Analog sind die tragischen Geschehnisse in Bezug auf den Konflikt zwischen dem israelischen Staat und der Hamas zu erleben. Da geht es wieder um Bekenntnisse, die nichts mit tatsächlichen Werten zu tun haben. Anstatt die Lage zu analysieren, um herauszufinden, was dort seit einiger Zeit stattfindet, werden Bekenntnisse verlangt und abgegeben. Dass dort Schwarz-Weiß zu gar nichts führt, wissen sowohl die meisten Israelis als auch die meisten Palästinenser. Es gibt massive Kritik an dem Handeln der Regierung Netanyahu mitten aus der israelischen Gesellschaft, und es existiert eine ernst zu nehmende Opposition gegen das System Hamas im Gaza-Streifen. In einer solchen Situation mit dem Begriff des Antisemitismus permanent um sich herumzuwerfen, disqualifiziert wieder einmal diejenigen, die immer mit ihrer vermeintlichen Bekenntnispolitik im Höllentempo vor die nächste Kamera springen, ohne dass sie irgend etwas zu der Lösung des Konflikts beitragen könnten. Sie spalten und vergiften das ohnehin schon ramponierte Klima.

Und jetzt ist es der belorussische Blogger, Roman Protasewitsch, der, werden die Umstände tatsächlich verifiziert, aus einem Flugzeug, das zur Landung gezwungen wurde, von den Schergen Lukaschenkos aus der Maschine gezerrt und festgesetzt. Wenn es so ist, dann ist es ein Skandal.  Und prompt kommt die Meldung, sind sie wieder alle da und machen das, was ihre Werte ihnen vorschreiben. Sie protestieren, die EU erwägt Sanktionen gegen den gesamten Staat, die Geschütze sind schwer, die da aufgefahren werden. Von stiller Diplomatie ist nichts mehr zu hören, sie ist seit langem erstorben im Sturm der Twitter-Könige, denen die eigene Profilierung wichtiger ist als das Amt, das ihnen auf Zeit von Menschen übertragen wurde, die diesen Zirkus zunehmend nicht mehr ernst nehmen können und sich enttäuscht, verbittert und zunehmend zornig abwenden.

Warum? Weil sich zu den dargebotenen Schauspielen, die sich ins Beliebige ausweiten ließen, noch etwas kommt, das Stück für Stück zerstört wurde und nichts übrig lässt als blankes Entsetzen: Das Vertrauen ist dahin. Während ein Julian Assange, dessen Vergehen es war, als Journalist amerikanische Kriegsverbrechen zu enthüllen, in einem britischen Hochsicherheitsgefängnis dem Tod ins Auge sieht und dessen Schicksal alle russischen, belorussischen, chinesischen und sonstige Räuberpistolen übertrifft, aufgeführt im Zentrum der reklamierten „Wertegemeinschaft“, im freien und demokratischen Westen, schweigt sich das Konsortium der lauten Empörung aus. Kein Bundesaußenminister, der hektisch twittert, keine EU-Kommission berät über Sanktionen, kein Leitartikel aus den Monopolorganen beklagt den Zustand und keine Fernsehtalkshow widmet sich dem Thema. Grabesstille. 

Das Schicksal von Julian Assange ist die Anlageschrift in einem Prozess, der noch zu führen sein wird. Anklage wegen Doppelmoral! Mit Todesfolge, versteht sich. 

Stop Bitching, Do Something!

Van Morrison. Latest Record Project. Volume 1

Schnell kann es gehen, in diesen Zeiten. Da nutzt ein renommierter Musiker die Zeit der Lockdowns und der damit einhergehenden Eiszeit für das soziale und kulturelle Leben und versucht das, was er da erlebt, musikalisch zu verarbeiten. Herausgekommen ist eine voluminöse Sammlung von Gedanken, die sich ihm aufgedrängt haben. Das Ergebnis ist etwas, das der nordirische Musiker Van Morrison „Latest Record Project. Volume 1“ genannt hat. Und kaum ist es veröffentlicht, hagelt es massive Kritik. Die geht, wie sollte es anders sein, vom Vorwurf, er sei ein Verschwörungstheoretiker geworden bis hin zu dem, dass seine Stücke musikalisch in gewohnter Weise gut, lyrisch jedoch eine Katastrophe seien. Irgendwie kommt einem das alles bekannt vor. Mit Van Morrisons Qualität hat das nichts zu tun. Mit dem mentalen Kollaps einer Gesellschaft jedoch sehr viel.

Einmal abgesehen von dem ersten Stück auf der ersten von zwei CDs, mit dem Titel „Latest Record Project“, das nichtssagenden ist, wartet Van Morrison jedoch mit Fragen und Statements auf, die noch vor der massiven Hysterie die durch die Pandemie ausgelöst wurde, als völlig normal betrachtet worden wären. „Where Have All The Rebels Gone“, wo beschrieben wird, dass die potenziellen Rebellen sich hinter ihren Displays versteckt haben, bildet den Auftakt für eine Reihe von Beobachtungen und Fragestellungen, die eigentlich auf der berühmten Straße liegen. Da geht es um das Recht, Fragen zu stellen, da geht es um die Relativität von Wahrheit, da geht es um die Massenhysterie, da geht es um den massiven Druck, der erzeugt wird, um öffentliche Narrative durchzusetzen, da geht es um die doppelte Standards, um die klassische Doppelbotschaften, da geht es um irrtümliche Identitäten, ja, da geht es auch um die Medienkonzentration und um die fatalen Wirkungsweisen der Social Media. Fragen wie Botschaften finden sich in den Titeln wieder und sind in der von dem Musiker in gewohnter, guter, bluesiger, souliger und jazziger Weise inszeniert und über Kritik an der Qualität erhaben. 

Bei der Betrachtung der einzelnen Themen fällt im Detail wie in der Summe auf, dass es genau diese sind, um die sich kritische Kunst und Kultur in Zeiten derartiger Geschehnisse auseinandersetzen muss. Es handelt sich um kein Kann eines Künstlers, sondern um ein Muss aller, die sich diesem Genre verschrieben haben. Da stellt sich eher die Frage, warum so viele schweigen und sich, wie Van Morrison beklagt, hinter ihren Bildschirmen verstecken und ein Dasein in Ratlosigkeit und Depression vorziehen. Um dieses Schweigen zu erklären, hilft vielleicht der Hinweis, dass die wenigen, die es bisher wagten, sich zu Wort zu melden, Opfer vom Shitstorm bis zur Morddrohung wurden.

Insofern ist „Latest Record Project“ nicht nur gegen die absurde Kritik lausiger Journalistenchargen zu verteidigen ist, die nichts mehr von dem Handwerk beherrschen, was den ehrwürdigen Beruf eigentlich ausmacht, sondern ausdrücklich positiv bewertet werden muss. Da macht sich ein Vertreter rebellischer Musik auf den Weg, um seiner Identität Geltung zu verschaffen. Wer ihm das abspricht, reiht sich ein in die Zirkustruppe von Sektierern mit einer totalitären Logik. Da ist es wohltuend, Appelative von Van Morrison selbst zu hören: Stop Bitching, Do Something! Wohl gesprochen!