Archiv für den Monat April 2021

Wenn das Mittel zum Zweck wird

Mit welchem Motiv gehen Menschen durch die Welt, wenn es ihnen vergönnt ist, über Macht zu verfügen? Was treibt sie an, das zu tun, was sie tun? Die Antworten auf diese Fragen sind vielfältig. Da gibt es, um mit einer positiven Konnotationen zu beginnen, diejenigen, die eine Vision haben und dieser folgen. Sie wollen die Verhältnisse, in denen sie leben, verändern hin zu einer von ihnen vermuteten besseren Welt. Sie nutzen die Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen, um positiv auf die Lebensumstände, die Arbeitsbedingungen, die sozialen Beziehungen einzuwirken. Dabei haben sie darauf zu achten, dass die Mittel, die sie dabei anwenden, mit den Zielen korrespondieren. Denn die Zeiten, in denen der Zweck die Mittel heiligt, liegen hinter den meisten Zivilisationen. Wer vorgibt, etwas Gutes erreichen zu wollen, darf sich nicht der Illusion hingeben, dass brachiale Gewalt, die uneingeschränkte Ausübung von Macht, vom betroffenen Publikum mehrheitlich toleriert wird. Vielleicht ist es ein letztes Residuum der europäischen Aufklärung, dass die Glaubwürdigkeit derer, die diesen Umstand ignorieren, passé ist. Auch wenn, auch das gehört zur Wahrheit, von interessierter Seite kräftig an der Demontage dieses Zusammenhangs gearbeitet wird.

Das Gift, das dazu aus dem Schrank geholt wird, trägt die Aufschrift „moralische Legitimation“. Was sich zunächst ganz und gar nicht danach anhört, trägt dazu bei, den Grundsatz von einer Entsprechung von Zweck und Mittel zu pervertieren. Es wird der Schein erzeugt, dass ein guter Zweck gar nicht anders erreicht werden kann, als zu Mitteln zu greifen, die weit außerhalb des Tolerablen liegen und die alle anderen Möglichkeiten eines anderen Handelns ausblenden. Der Slogan, unter dem das stattfindet, lässt sich unter dem Motto „There is no alternative“ am besten zusammenfassen. Mit dieser Maxime werden drastische Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung wie Kriege legitimiert. 

Ideen, die andere Möglichkeiten auftäten, werden durch Kampagnen diskreditiert. Wir leben in einem Zeitalter, in der eine ganze Industrie von Meinungsschmieden existieren, die nicht anderes machen, als die Optionen eines moralisch, ethisch oder auch politisch anderen Szenarios als abseitige Anwandlungen Irregeleiteter darzustellen. Sie arbeiten im Auftrag von Interessengruppen, ob aus Wirtschaft oder Politik und erzeugen eine Atmosphäre, die den Gesellschaftsvertrag, so wie er in den Sternstunden der bürgerlichen Demokratie formuliert wurde, zerstören. 

Die Erkenntnis, die sich aufdrängt und durch keine auch noch so wohlwollende Form der Toleranz mehr akzeptiert werden kann, ist, dass das Abdriften in die martialische Konfrontation ein Faktum geschaffen hat, das den gesellschaftlichen Konsens ausschließt. Dogmatismus, ideologisches Gebell, Angst, Zorn und Hass sind die Folgen. Die Zustände, die in den Gesellschaften der bürgerlichen Demokratien momentan zu beobachten sind, sprechen diese Sprache. Die Vision ist verloren, der Konsens dahin, ein Diskurs über die Zukunft wird nicht mehr geführt. Denn, und da sollten keine Illusionen entstehen, mit einem „Weiter so!“ ist nichts mehr zu gewinnen.

Die bestehenden Strukturen, die Institutionen und die Bürokratien sind sich selbst genug und folgen ihrer eigenen Rationalität. Sie sind nicht mehr Mittel, um politisch zu gestalten, sondern sie sind Zweck geworden. Das merken weder die Handelnden noch ihr ideologisierter Echoraum. Und darin liegt ihr Dilemma. Die unmittelbare gesellschaftliche Erfahrung aller, die nicht dieser Nomenklatura angehören, und der Begriff ist bewusst gewählt, sieht anders aus. Für sie existieren Alternativen, eine einfache Erkenntnis, auch wenn das eine ungewohnte Formulierung ist.  

Blickwinkel: Der Dunkelheit folgt das Licht — Neue Debatte

Die Demokratie ist auf dem Vormarsch! Im Licht der Morgensonne sieht die Lage glänzend und vielversprechend aus. Und irgendwie kann der Eindruck entstehen, als hätten die Anderen, die auch daherkommen, gleiche Gedanken. Der Beitrag Blickwinkel: Der Dunkelheit folgt das Licht erschien zuerst auf Neue Debatte.

Blickwinkel: Der Dunkelheit folgt das Licht — Neue Debatte

Der Dunkelheit folgt das Licht

Wer früh aufsteht, so besagt ein jüdisches Sprichwort, dem gehört die Welt. Für einen Augenblick jedenfalls kann man den Eindruck gewinnen. Heute morgen, als die Sonne aufging, war so ein Moment. Goldenes Licht, transportiert von einem eisigen, aus Osten kommenden Wind. Alles leuchtete, der Fluß lag blau und stählern im satten Grün der Wiesen und die wenigen Menschen, die zu sehen waren, schienen das alles gleichermaßen zu genießen. Alles wirkte, als lebten wir in einer unbeschwerten Zeit, in der das pure, schlichte und bescheidene Dasein kein Accessoire  mehr brauchte, um glücklich zu machen. Das, was in diesen Zeilen zum Ausdruck kommt, ist das Abfallen einer ungeheuren Last, die das menschliche Empfinden immer mehr auf den Boden drückt. In diesen Sekunden, an einem Tag, wo alles still steht und die digitale Maschinerie noch nicht das Individuum erreicht hat, weil es sich ihr entzog und raus ging, in die urbane Natur, um die Entstehung des Tages zu beobachten und zu sehen, wie ihr, vereinzelt, andere Individuen beiwohnten. Man nickte sich zu, gut gelaunt, glücklich ob der Stille und ging, räsonierend, seiner Wege.

Der gestrige Abend, der, vor den Tagen, an denen wieder einmal davor gewarnt wurde, sich mit anderen gemein zu machen, an denen Stille, Besinnlichkeit, oder auch ein kulturelles Erlebnis angebracht gewesen wäre, schlugen sie wieder zu, die medialen Bomben, die das alte Lied von Corona hier und Corona da wieder sangen, ohne den pädagogischen Auftrag zu vergessen. Gegen diese Art von Pädagogik, die eher den Namen der Infiltration verdient, hatten bereits Generationen erfolgreich protestiert, ehe Teile von ihnen selbst ans Ruder kamen, um den gleichen Fehler zu machen und es zuweilen noch schlimmer zu treiben. 

Es ist nicht nur der Wille und die Fähigkeit zum Recherchieren, zum Schreiben, zum Analysieren, was dem Kommunikationopol abhanden gekommen ist, sondern auch das Wissen um Aufmerksamkeitskurven. Wer immer das Gleiche zu verschiedenen Anlässen von sich gibt, langweilt das Publikum sehr schnell. Zudem spricht aus dem Versuch, immer wieder den Menschen zu erklären, wie sie sich zu verhalten haben, die Unterschätzung der noch vorhandenen Potenziale der Selbstreflexion und des eigenen Urteils. Gespeist wird diese Fehleinschätzung von einem auf ungefähr acht Prozent der Bevölkerung geschätzte Schicht, die in finanziell gesicherten Verhältnissen lebt, über eine gewisse institutionelle Bildung verfügt und den Katalog für das allseits verlangte korrekte menschliche Verhalten geschrieben hat. 

Diese Schicht, die sich selbst als geistige Elite wähnt, im Dogmatismus gestählt ist und in puncto Intoleranz ein neues Kapitel der Geschichte schreibt, wähnt sich kurz vor der Machtergreifung, durch ganz legale Wahlen, versteht sich. Wer den Weisungen dieses Milieus folgt, wähnt sich auf der guten Seite und sieht wohl auch eine glänzende Zukunft vor sich. Das Problem ist nur, dass die Entwicklung auf dem Globus in eine völlig andere Richtung deutet und das Denken und Fühlen in der eigenen Bevölkerung sich verwandelt hat von rudimentärer Sympathie zu Zorn. Die Demokratie ist auf dem Vormarsch. Das merken Sektierer, denn um die handelt es sich bei den selbst erkorenen Auserwählten, selber nicht und ihre Gefolgsleute zumeist erst, wenn es zu spät ist.

Im Licht der Morgensonne sieht die Lage glänzend und vielversprechend aus. Und irgendwie kann der Eindruck entstehen, als hätten die Anderen, die auch daherkommen, gleiche Gedanken. Denn es war ja immer so: der Dunkelheit folgt das Licht.