Archiv für den Monat März 2021

USA: Katerstimmung

Einmischung, Sanktion, Aufrüstung, militärische Drohung. Die Welt ist konfrontiert mit einem bunten Strauß us-amerikanischer Instrumente, der zwar welk ist, aber bei der neuen Biden-Administration hoch im Kurs steht. Wer auch immer die tatsächliche Handlungsmacht im Weißen Haus besitzt, ob es Joe Biden, oder, wie spekuliert, die im Westen als Freiheitsikone entdeckte Kamala Harris ist, neu ist das alles nicht. Aber ist es auch zeitgemäß? Ist der alte Kurs der Konfrontation, der angesichts der verheerenden Bilanz der letzten Jahrzehnte, ob es die Unterstützung von Terrorismus in Afghanistan, die Finanzierung des IS in Syrien, das Bombardements auf Libyen, die Stärkung der Militärs in mehreren Fällen die arabischen Frühlings, die Entdeckung eines rechten Populisten wie im Falle Nawalnys, die Unterstützung faschistischer Freischärler in der Ukraine, die Sympathie mit der Re-Kolonialisierungsbewegung in Hongkong, die Favorisierung von Putschisten in Venezuela oder Bolivien etc. etc. gezeigt haben, in welchem Desaster das alles endet, ist dieser Kurs das, was dazu beiträgt, die tatsächlichen, globalen Probleme zu lösen?

Die große Tragödie des Westens, die sich momentan abzeichnet, ist in diesem Kurs zu finden. Warum? Weil er zeigt, dass sowohl die USA als auch ihre Verbündeten nicht mehr über den Realismus wie die Phantasie verfügen, die Tatsache einer real existierenden Machtverschiebung auf dem Globus zu akzeptieren und an Vorschlägen zu arbeiten, die in der Lage wären, Formen der Kooperation attraktiv und Zustände der Menschenrechtsverletzungen und die Missachtung von Freiheitsprinzipien kostspielig zu machen. Das hört sich schwer an, ist es aber nicht, wenn man damit begänne, ein Portfolio gemeinsamer Probleme zu benennen, die es zu lösen gilt. Armutsbekämpfung, Klimaschäden und die Beendigung von Kriegen könnten dazu ein wunderbares Entree bilden, wenn der Wille da wäre. 

Die mentale Wunde, die eine solche Denkweise undenkbar macht, und hüten wir uns davor, in Illusionen zu verfallen, ist in dem allseits beliebten Spiel mit den doppelten Standards zu suchen. Das ist kein Phänomen des Westens, aber der Westen ist darin genauso gefangen wie der gefühlte Osten. Doppelte Standards zerfressen die Moral, egal wo. Allerdings sollte es erstaunlich sein, dass man im Osten dadurch, dass die Existenz der erwähnten Probleme gar nicht mehr geleugnet werden, dieses als Offerte begreifen, sich ihnen in konstruktiver Weise zu widmen.

Stattdessen wird das alte bellizistische Lied gesungen und eine weitere Chance vertan, das eigene Hemd noch zu retten. Armut, Klima und Krieg sind im Herzen des Westens längst angekommen und die Zustände in den USA sind weit schlimmer als in Europa. Das große Versprechen, sich diesen Themen in konstruktiver Weise zu verpflichten, hat die Biden-Administration bereits vor dem Verstreichen der Frist der ersten hundert Tage vom Tisch gewischt wie den Unrat eines wüsten Festes. Inwieweit sich diese wenig sympathische Konsequenz auf die brisante Stimmungslage im eigenen Land auswirken wird, ist keine Frage misanthropischer Spekulation. Denn alle, die sich haben gegen Trump mobilisieren lassen, werden sehr schnell feststellen, dass sie einem Schwindel mit personalen Identitäten auf den Leim gegangen sind und sich das System nicht geändert hat und nicht ändern wird. 

Während sich in den USA bereits eine profunde Katerstimmung breitmacht, singen die mit transatlantischen Budgets gestopften hiesigen Barden aus Politik und Journalismus immer noch das hohe Lied eines Neuanfangs. Dem Publikum sei geraten, genau hinzusehen. Die Realität sieht anders aus. Und die alten Instrumente der Konfrontation werden auch hier, im alten Europa, begierig zur Hand genommen, um von einem Debakel zum nächsten zu hasten.

Onkel Joe und der Communication Breakdown

Es gehört nahezu zu den Routinen innerhalb und zwischen Organisationen, dass ein Status erreicht wird, der als verfahren erlebt wird. Da sprechen Menschen oder Organisationen, die von sich, ihren Interessen und ihrem Vorgehen überzeugt sind, nicht mehr miteinander oder nur schlecht übereinander. Ist ein solcher Zustand erreicht, ist guter Rat teuer. Dennoch kommen immer wieder Akteure, die neu in diesen Kontext eintreten, auf die Idee, dieses Desaster auflösen zu wollen. Nicht selten kaufen sie sich dann sogar den besagten Rat von außen ein. Sie holen Spezialisten aus dem Metier der Kommunikation und bitten sie, einen Klärungsprozess zu inszenieren und zu moderieren.

Werden derartige Berater geholt, und nicht alle sind so schlecht wie der Ruf der Beraterszene oft vermuten lässt, dann legen sie, wenn sie etwas von ihrem Metier verstehen, großen Wert darauf, zunächst mit den einzelnen Akteuren bzw. Kontrahenten zu sprechen, um ihre Motivlage kennenzulernen und sie signalisieren ihnen, dass sie die einzelnen Standpunkte nicht bewerten wollen, sondern sie begreifen möchten. Dann organisieren sie eine Zusammenkunft aller Beteiligten und schlagen Regeln vor, die dazu dienen, einen solchen Prozess überhaupt zustande kommen zu lassen. Dazu gehört die Voraussetzung, dass die einzelnen Standpunkte zunächst einmal beschrieben werden, dass man sie dokumentiert und dann nach Möglichkeiten sucht, trotz interessenbedingter Divergenzen im Gespräch zu bleiben.

Es kommt vor, dass derartige Prozesse zu Ergebnissen führen, von denen die Beteiligten in der Regel in der Alltagsroutine nicht einmal zu träumen gewagt haben. Voraussetzung ist natürlich das, was in der Kommunnikationswissenschaft als eine gemeinsame Intentionalität bezeichnet wird. Damit ist gemeint, dass alle Beteiligten tatsächlich den Wunsch haben, aus der kommunikativen Sackgasse herauszukommen. Ist das nicht der Fall, dann kann man sich den Aufwand sparen.

Joe Biden, der neue amerikanische Präsident, wurde in den hiesigen Medien als ein solcher Innovator bereits gewürdigt. Man ging davon aus, dass er es wagen würde, die komplexe, komplizierte und fragile Lage im globalen Machtgeflecht mit frischen Ideen würde in ein Fahrwasser bringen können, das den Communication Breakdown, der in den letzten Jahren die Lage hat immer prekärer werden lassen, würde beenden können. Nun hat er Äußerungen von sich gegeben, die mit einem Schlag diese Hoffnungen zunichte gemacht haben. Einen Kontrahenten mit einem „Guten Morgen, Du Mörder“ zu begrüßen, ist genau das, was dazu führen würde, dass die Beteiligten eines Settings zur Wiederaufnahme einer verständnisorientierten Kommunikation vor Entsetzen würde aufschreien lassen. Um im Fachjargon zu bleiben, hat er sich eingeführt mit dem Slogan „Ich bin ok., Du bist ein Arschloch!“

Moralische Entrüstung ist in solchen Situationen eine schlechte Ratgeberin. Das Verharren in Illusionen ist allerdings nicht besser. Was der neue amerikanische Präsident mit dieser Einlassung in den internationalen Interessenkonflikt offenbart hat, ist seine Fixierung auf die alte Welt, deren Ordnung bereits hinter uns liegt. Die alte Ordnung mit der uneingeschränkten amerikanischen Hegemonie ist längst passé und der Versuch, sie quasi als Status quo ante wieder herzustellen, ist nicht ohne aggressive, kriegerische Politik denkbar. Und dafür scheint der oft als liebevoll dargestellte Onkel Joe zu stehen. Gemäß dem aus den Würgereien der Pandemie entstandenen Begriff des „Build Back Better“ wird eine Blockade internationaler Kooperation und Neuordnung angestrebt und werden die alten Schlachtrösser aus dem Stall geholt.

Leistung und Verantwortung, Identität und Loyalität — Neue Debatte

Eine kleine Gruppe von Meinungsbildnern ist dabei, das Narrativ der ehemaligen Realität von Leistung endgültig zu liquidieren und durch das Dekadenz-Siegel von Identität und Loyalität zu ersetzen. Der Beitrag Leistung und Verantwortung, Identität und Loyalität erschien zuerst auf Neue Debatte.

Leistung und Verantwortung, Identität und Loyalität — Neue Debatte