Archiv für den Monat Februar 2021

Globalisierung und Diversität?

Kaum ein Begriff sorgt für soviel Erregung wie der der Diversität. Zumeist wird er benutzt, um die Unterschiedlichkeit menschlicher Herkunft und Sozialisation zu markieren. Und tatsächlich handelt es sich dabei um ein ernstzunehmendes Thema. In vielen Gesellschaften spielen Herkunft und Sozialisation, vor allem aufgrund unterschiedlicher sozialer Zugänge, eine Rolle. Was bei dem normativen Herangehen, das gekennzeichnet ist durch die Herstellung formaler Gleichheit mit dem Hinweis auf zu erzielende Gerechtigkeit, zumeist in Vergessenheit gerät, ist die notwendige Veränderung der Existenzbedingungen. Gesetzliche und sprachliche Gleichstellung allein führen nicht zu dem beabsichtigen Zustand, wenn die sozialen Verhältnisse ausgeblendet werden. Solange die Bemühungen auf sprachliche und formal-rechtliche reduziert sind, wird sich nichts ändern. Mehr noch, in Zeiten, wenn es schlimm kommt, und in solchen Zeiten leben wir, erscheinen die Anstrengungen in einem zynischen Licht. Die Diskriminierung bleibt bestehen, aber die Wort gaukeln etwas anderes vor.

Eine andere Diversität, nämlich die der real existierenden Lebensbedingungen in den unterschiedlichen Kulturen und Regionen dieser Welt, die auf folkloristischen Veranstaltungen ebenso gepriesen werden wie die der einzelnen Individuen, ist eine Zustandsbeschreibung, die in den letzten Dekaden schwer gelitten hat. Mit dem Siegeszug der allseits bekannten Produktionsverhältnisse hat eine Lebensform die Hegemonie übernommen, die dazu geeignet ist, jede Form von Diversität zu töten. Warenproduktion, Standardisierung, globale, jederzeitige Verfügbarkeit in einem weltumspannenden Netz, haben dazu geführt, dass sich das Antlitz der jeweiligen lokalen Lebensbedingungen angeglichen hat.

Diejenigen, die das Privileg besessen haben, unterschiedliche Regionen dieser Welt kennenzulernen, haben das, was im letzten Jahrhundert noch möglich war, zunehmend vermisst. Die lokale Besonderheit ist dahin, das eigene, kulturelle Profil ist dahin. Stattdessen existiert überall das Gleiche: Eine Welt, die einem Supermarkt gleicht, in der Dasselbe zu ähnlichen Preisen für diejenigen, die es sich leisten können, verfügbar ist und Dasselbe für diejenigen, die ums nackte Überleben kämpfen müssen. Diversität, in jeder Hinsicht, Fehlanzeige.

Wir leben in Zeiten, in denen sowohl die Vielfalt der Produktion von Gütern, ihrer Form der Verteilung als auch bei den Stätten des Konsums ausgestorben ist als auch die Formen der sozialen Existenz sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Nun kann argumentiert werden, dass das alles ganz wunderbar ist, weil es dem Menschen als kollektivem Begriff ermöglicht, überall auf dem Globus zu existieren, solange er der privilegierten Gruppe der Liquiden angehört, aber, und das ist die berechtigte Frage, ist dann das Gewese um die Diversität nicht eine Stück vor leeren Rängen, ohne irgendeine gesellschaftliche wie politische Relevanz? Ginge es so weiter, wie bisher, dann wäre der Spuk von der Diversität in absehbarer Zeit sowieso vorüber. Dann existierten nur noch die Privilegierten und die Ausgegrenzten. Ansonsten wäre überall alles gleich. Die gleiche Waren, die gleichen Lebensbedingungen, alles standardisiert.

In New York wie in Moskau, in Shanghai wie in Buenos Aires, in Jakarta wie in Hongkong, in München wie in Madrid, überall das Gleiche. Die Suggestion, dass es sich dabei um etwas Schönes, Bereicherndes handelt, ist eine abgründige Illusion. Was im glamourösen Glanze einer globalisierten Welt erscheint, ist die weltumspannende Provinzialisierung des Supermarktes. Schein und Oberfläche haben die Hegemonie erreicht. Vom Standpunkt einer Diversität, die den Namen verdient, muss eine Regionalisierung einsetzen, die politisch fundiert ist. Mit den Filialleitern des globalen Supermarktes ist das allerdings nicht zu machen. Und, ich höre schon die Stimmen, seit wann ist der Gewinn an Qualität etwas Rückständiges? Allenfalls in der Welt der politischen Discounter.  

Strategie ist kein Zurück!

Was derweilen beim Monieren über eine fehlende Strategie in der Pandemie-Bekämpfung tatsächlich in Vergessenheit gerät, ist die Strategie. Was sich paradox anhört, ist gar nicht so abwegig. Denn das, was als Strategie gefordert wird, ist ein Plan, wie das Land zu der gekannten Normalität zurückfindet. Das ist eine Illusion, denn ein Zurück wird es nicht geben. Eine Strategie, die den Namen verdiente, müsste anders aussehen.

Holen wir aus: Befragte man Menschen in anderen Winkeln der Welt, was sie als die Assets  bezeichnen würden, die dieses Land auszeichnen, kämen sehr schnell die Industrie, die Wissenschaft und die Kultur zur Sprache, vielleicht auch noch der Sport, in gewissen Segmenten. Beim Management der gegenwärtigen Pandemie, von der auszugehen ist, dass sie uns noch lange begleiten wird, muss festgestellt werden, dass selbst diese gesellschaftlichen Ressorts gelitten haben. Die Schlüsselindustrien haben zum Teil den Anschluss an die technologische Entwicklung verloren, die Wissenschaften leiden unter Investitionsmangel und die Kultur wurde im aktuellen Krisenmanagement für tot erklärt. Der Umgang mit diesen Stärken wirkt, bei Tage betrachtet, als nahezu suizidal.

Potenziale, die schlummern, jedoch nicht in dem Maße genutzt werden, wie das möglich wäre, sind die Bereiche Gesundheit, Bildung und Energie. Das Gesundheitswesen wurde durch die Regieübernahme durch exklusives betriebswirtschaftliches Denken so ramponiert, dass die Schäden der Krise irreparabel wirken, im Bereich der vor allem schulischen Bildung tritt man seit Jahren auf der Stelle und ein Konzept zu einer anderen Energiepolitik ist stecken geblieben. Auch dort, im Bereich der vorhandenen Potenziale, sind erhebliche Investitionen erforderlich

Stattdessen wurde das, was in der plakativen Sprache der Portfolio-Analyse als sterbende Hunde bezeichnet wird, mit erheblichen Summen subventioniert. Ob die Investitionen in Unternehmen wie TUI, ein Markenname für Massentourismus oder die Lufthansa, die von der Vielfliegerei lebte – das sind staatliche Gelder, die sowohl bei der Auffrischung der tatsächlichen Assets fehlen als auch bei den ungehobenen Potenzialen.

Investitionen in eine neue Zukunft müssen sich auf neue Formen der Ökonomie im Bereich der Schlüsselindustrien genauso beziehen wie auf die Vitalisierung der Wissenschaften und neue Formen der kulturellen Interaktion. Es hieße, innovativen Industrieinitiativen das erforderliche Kapital zu beschaffen, die Finanzierung der Hochschulen auf neue Beine zu stellen und sie nicht als Auftragsinstitute der Privatwirtschaft verkommen zu lassen sowie unter den gegebenen Bedingungen Museen, Theater und Konzerte über neue Vermittlungsformen wieder der Gesellschaft zugänglich machen zu können und damit den gesellschaftlichen Diskurs zu befruchten.

Bei der Forderung nach Strategie kann man sich nicht darauf beschränken, Pläne dafür zu erarbeiten, dass alles sukzessive wieder so wird, wie es einmal war, sondern sich darüber Gedanken zu machen, wie sich das entwickeln muss, was ein Land ausmacht und wo tatsächlich auch Potenziale vorhanden sind. 

Dieser Horizont ist in der Konfrontation mit der gegenwärtigen Krise ausgeblendet. Allerdings bietet er die einzige Chance, eine Perspektive zu entwickeln, die den Begriff Zukunft auch verdient. Die Slogans, die gegenwärtig an der medialen Börse gehandelt werden, wie „The Great Reset“ oder „Built Back Better“ sind Gepäckstücke, die trotz aller Politur den ganzen alten Plunder beinhalten, den niemand mehr braucht, wenn es um die Gestaltung eines neuen gesellschaftlichen Lebens geht. Das beinhaltet zudem, wenn die Ziele formuliert sind, auch noch eine kritische Revision der bestehenden Strukturen, vom Kampf zwischen Zentralismus und Föderation bis hin zu einer Bürokratie, die bereits im Jetzt als großes Hemmnis entlarvt ist. 

Wenn von Strategie gesprochen wird, kann das Klein-Klein der täglichen Routine nicht gemeint sein. Auch wenn das einige so tun.