Archiv für den Monat Januar 2021

Alles knorke?

Bei denen, die sich im Metier der Arbeit auskennen, gilt ein geflügeltes Wort: „Wer arbeitet, macht Fehler. Wer viel arbeitet, macht öfters Fehler. Und wer keine Fehler macht, ist ein fauler Sack.“ Es handelt sich um eine einfache Wahrheit, die vielen, die sich lediglich mit der Frage beschäftigen, dass sie selbst keine Fehler begehen, sich in ihrem Sinn nicht erschließt. Wer unter Arbeit versteht, keine Fehler machen zu wollen oder Fehler zu vermeiden sucht, hat den Stoffwechsel der Gestaltung nicht begriffen. Leider hat man den Eindruck, dass sich genau diese Version einer Vorstellung von Arbeit flächendeckend breit gemacht hat.

Ursprung für diesen Fehlschluss ist die schon mehrfach angesprochene Schimäre von der eigenen Unfehlbarkeit und dem Wonnebad in der eigenen Überlegenheit. Wer sich ständig in der Vorstellung badet, das Beste zu sein, was unter der Sonne existiert, darf sich nicht wundern, wenn einiges schief läuft. Denn es ist existenziell unmöglich, keine Fehler zu machen. Wer das kognitiv ausschließt, kann es sich und den anderen, die das eigene Treiben beobachten, nicht zugestehen, dass einem doch Fehler unterlaufen.

Die logische Konsequenz ist die verzweifelte Suche nach Erklärungen, wenn das reklamierte erstklassige Handeln sich als gar nicht so exzellent erweist. Dann, soviel ist sicher, müssen es immer andere gewesen sein, die dafür verantwortlich zeichnen. Wenn noch hinzu kommt, dass die Stimmen, die normalerweise dazu da sind, das Handeln kritisch zu beäugen, nicht mehr da sind, wird es heikel. In den politischen Systemen der westlichen Demokratien kommt diese Aufgabe der Opposition zu. Große Koalitionen, die gedacht sind als eine Notlösung im Regierungsalltag, bergen diese Tendenzen in sich. So ist es kein Wunder, dass ein Land, in dem diese Sonderform der Regierungsbildung zum Standard geworden ist, genau in diese Falle läuft. Große Koalitionen minimieren die kritische Masse der regulierenden Opposition und führen zu einem Erlahmen des politischen Diskurses. 

Dass sich in einer solchen Situation Stimmen erheben, die außerhalb des parlamentarischen Gefüges entstehen und auch noch Attraktivität gewinnen, weil keine nennenswerte politische Opposition vorhanden ist, liegt auf der Hand. Und wenn dann die Großkoalitionäre die Strategie entwickeln, jede Form der Opposition auszugrenzen und zu diskreditieren, ist die Folge eine vehemente Abwendung einer sich stetig vergrößernden Masse von den normativ und selbst gefühlt alternativlos Regierenden, ist es eine logische Konsequenz. 

Sieht man sich die Berichterstattung von auch als kritischem Faktor gedachten, aber zu Hofberichterstattern degenerierten Organen an, so ist das Debakel perfekt. Denn während der Dekaden dauernden Großen Koalitionen wurden natürlich Fehler gemacht, die aus der Eigenwahrnehmung gar keine sein konnten, und sie stießen und stoßen auf. Da ist es nicht damit getan, die Wenigen, denen das auffällt und die tatsächlich Viele sind, als Ursache für die Malaise darzustellen. Schön gedacht, aber so funktioniert es nicht.

Bei jeder Panne, bei jeder Fehlkalkulation, bei jeder Entgleisung werden nur noch Sündenböcke, Irregleitete, Missverstehende oder Scharlatane gesucht, denen man das eigene Versagen anlasten kann. Das sind dann, bleiben wir nüchtern bei der Betrachtung des Metiers der Arbeit, die Zeiten, in denen man sich in einer Organisation Gedanken darüber machen muss, ob es nicht besser ist, sich von den tatsächlich Verblendeten zu trennen. Denn wer Fehler macht, und dieses leugnet, indem er mit dem Finger auf andere zeigt, der ist schlecht für das Klima. In jeder, auch in komplexer Hinsicht.

Abgrund und Ermächtigung

Aus den unergründlichen Tiefen der menschlichen Psyche dringen nun, in einer Zeit, in der bereits vieles anders ist, als es jemals war, jene Kräfte an die Oberfläche, die Friedrich Nietzsche einmal als den Abgrund bezeichnet hat. Das wäre nicht sonderlich originell gewesen, hätte er nicht davon gesprochen, dass der Mensch nicht nur in den Abgrund blicke, sondern der Abgrund auch in ihn. Der Abgrund schaut auch in dich, so kommt es mir vor, wenn ich das Agieren mancher Menschen sehe, wie sie umgehen mit dem, was die Krise aus ihnen macht.

Deutlich wird schon jetzt, nach nicht einmal einem Jahr der temporären Einschränkungen sozialer Interaktion, dass in der Überhitzung einer auf permanentem Wachstum und Maximierung fußenden Gesellschaft eines nicht mehr zur Geltung kam, nämlich die Ruhe. Im Prozess der Erkenntnis jedoch ist Ruhe, Muße, Zeit zur Reflexion existenziell. Da man sie jedoch nicht als Massenware auf dem Markt veräußern kann, wurde sie gebannt aus der Lebenswelt der meisten Menschen. Und so stehen sie nun da und erleben den erzwungenen Stillstand als etwas Verstörendes, ihnen den Sinn Raubendes. Die große Chance, die die Stagnation im Moment mit sich bringt, ist genau das Gegenteil. Nämlich die Rückeroberung eines nicht observierbaren  Raumes, das individuelle Räsonnement über das Dasein. Es wirkt, aus der inneren Logik der Verwertung, als subversiv. Also, unterstütze alles, was verhindert, dass es zurück kommt, und sei es auf Kosten anarchischer Destruktion.

Die Gefahr der Subversion ist nur eine Schattierung des Blickes in den und aus dem Abgrund. Eine andere Variante wird momentan zur Realität und die sollte tatsächlich besorgen. Sie ist das tödliche Gen, das in einer jeden Gesellschaft wirkt. Es ist die Identifikation mit der staatlichen Macht und, je umfänglicher sie wird, die Gier, sich an ihr zu laben und der Welt zu zeigen, dass man sie hat und mit ihr machen kann, was man will. 

Es ist Zeit für Beobachtungen. Jede Ermächtigung, und sei es eine, wie die jetzige, birgt das immense Risiko in sich, dass die Träger öffentlicher Funktionen im Rausch der Grenzenlosigkeit den Verstand verlieren und plötzlich meinen, sie könnten ohne Konsequenzen machen,  was sie wollen. Und es gehört zu dem Trügerischen im Verhältnis zum Abgrund, dass dieser Rausch des Machtbesitzes nicht nur die Protagonisten aus der ersten Reihe ergreift, sondern immer wieder auch die kleinen Rädchen, die irgendwo nur funktionieren sollen, die im Moment abgrundtiefer Logik begreifen, dass sie, mit ihrem kleinen Stempel oder in der mausgrauen Uniform die Allmacht des Staates verkörpern und im Triumphwagen durch den Alltag der Routine rollen können. 

Und so nimmt die Unverhältnismäßigkeit ihren Lauf in Zeiten der Ermächtigung, einem Begriff, der historisch direkt aus dem Abgrund kommt und den heute viele in den Mund nehmen, als sei er ein Grundnahrungsmittel. Wer jemandem die Macht leiht, um etwas in seinem Sinne zu tun, der kann diese Legitimation auch wieder entziehen. Diejenigen, die jetzt im Rausch der alleinigen Autorisierung zu allem unterwegs sind, haben das nicht mehr im Sinn. Dennoch wird es irgendwann politisch zur Wirkung kommen. Und da wird das Debakel dann offensichtlich. Nicht jeder, der eine politische Wirkung erzeugt, ist sich dessen bewusst. Wieder so eine Finte des Abgrunds, der allgegenwärtig ist.