Archiv für den Monat Januar 2021

Auf der Empore der Selbstgefälligkeit

Nichts ist wichtiger als eine mit dem sozialen Umfeld korrespondierende Selbstwahrnehmung. Wer sich abkoppelt von dem Gedanken, dass das eigne Wirken etwas mit der Außenwelt zu tun hat, befindet sich bereits in einem introspektiven Labyrinth. Das mag für eine bestimmte Periode interessant sein, in Bezug auf die Existenz als soziales Wesen ist es auf Dauer fatal. Was auffällt, ist dass das Phänomen einer nicht mit den Erfahrungen der Außenwelt in Einklang stehende Selbstwahrnehmung zu einer Massenerscheinung mutiert ist. Immer öfter, überall und in jeder Ritze des gesellschaftlichen Daseins drängt sich eine Art isolationistische Wahrnehmung der eignen Person, der eigenen sozialen Gruppe und selbst des eignen Landes in den Vordergrund. Innerhalb der Gesellschaft wird das in Bezug auf das Individualverhalten verstärkt bemerkt und beklagt, international sind identische Rückmeldungen nicht mehr zu überhören. Die Deutschen, so heißt es aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen, haben zunehmend ein Problem mit der real existierenden Welt.

Allein die Sprache in Politik und Medien sollte stutzig machen. Da ist immer die Rede davon, dass wir hier in Deutschland alles besser machen. Wir managen die Pandemie besser, wie sind ökologischer, wir sind demokratischer und wir sind, der Begriff ist zentral wie häufig, weltmeisterlich oder zumindest Weltkasse. Entsprechend ist das Auftreten. Belehrend, mit erhobenem Zeigefinger, immer die eigne Vorbildfunktion im Kopf, wird der Welt erklärt, wie es zu funktionieren hat und, in gleichem Atemzug, werden die fatalen Fehler aller anderen bemerkt. Die einen sind generell rückständig, sie haben schlecht gewirtschaftet, sie sind nicht demokratisch und sie haben die Bedeutung der Freiheit nicht begriffen. Letztere war, das haben viele vergessen, das Geschenk derer, die sie mitgebracht haben, aber das nur am Rande.

Da bleibt nur die Probe aufs Exempel. Die Bilanz der seit der Jahrtausendwende reklamierten weltmeisterlichen Vorbildfunktion hält sich in Grenzen. Sozial ist die eigene Gesellschaft auseinandergedriftet wie nie zuvor, technologisch haben alle Schlüsselindustrien international das Rücklicht übernommen, die Infrastruktur ist veraltet und marode, die digitale Transformation wird analog gemanagt, weil die Strukturen nicht angetastet werden sollen, Menschenrechte werden nur dort reklamiert, wo es in den Kram passt und selbst die Toleranz und das Vokabular der politischen Korrektheit beschränkt sich nur auf bestimmte Kohorten, die en vogue sind. Der Begriff der „sozial Schwachen“, eine Diskriminierung und Verfälschung par excellence, kursiert fröhlich in allen Metiers, ohne dass sich irgend jemand darüber echauffierte. Aber, es bleibt dabei, wir sind die Guten.

Die gegenwärtige Krise zeigt, wie weltmeisterlich agiert wurde und wird. Erst taugten Masken nichts, weil man keine hatte, dann waren sie lebenswichtig, dann verschlief man den Sommer und drückte in den Tarifverhandlungen die Gehälter der Pflegekräfte um bei Wintereinbruch zu bemerken, dass sie der neuralgische Punkt sind. In Kultusministerien ging man frohen Gemüts in die Sommerferien um danach feststellen, dass die Anschaffung von IT-Equipment allein noch keinen guten Online-Unterricht ausmacht. Gleichzeitig versprach man der Bevölkerung, alles werde besser, wenn es erst einen Impfstoff gebe, um dann dabei ertappt zu werden, zu spät und zu wenig davon geordert zu werden. 

Die Liste lässt sich fortsetzen. Sie belegt, was eine kritische, intelligente und alles andere als zu unterschätzende junge polnische Journalistin wie folgt in Worte fasste. „Niemand weiß, was mit den Deutschen los ist, immer und überall wollen sie die Welt retten und sie sind trotzdem ausschließlich mit sich selbst beschäftigt.“ 

Wer von der eigenen Bedeutung derartig besoffen ist, darf sich nicht wundern, wenn das Stück irgendwann zu Ende gespielt ist. Die Welt ist zwar ein Theater, um einer Selbstüberschätzung der Gattung Mensch vorzubeugen, aber ein Kasperltheater ist sie dennoch nicht. Mehr Realismus, mehr Selbstkritik und die Fähigkeit, das zu identifizieren, was tatsächlich auf der Agenda steht, das wäre ein erforderlicher Schritt. Von denen, die auf der Empore der Selbstgefälligkeit sitzen, ist dieses nicht zu erwarten.  

Jobcenter: Das Anforderungsprofil für das Kanzleramt — Neue Debatte

2021 ist das Jahr der Bundestagswahl. Eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob es notwendig ist, an der klassischen Laufbahn von Berufspolitikern etwas zu verändern, um unerwünschte Entwicklungen zu verhindern und tatsächliche Qualifikationen zu fördern.

Jobcenter: Das Anforderungsprofil für das Kanzleramt — Neue Debatte

Das Anforderungsprofil für das Kanzleramt

Bei der Betrachtung von Anforderungsprofilen verschiedener Berufsgruppen fällt auf, dass die normative Kraft der Vorstellung überwältigend ist. Nicht, dass es nicht erforderlich wäre, bei der Formulierung von Ansprüchen nicht ehrgeizig zu sein, doch liest man viele Ausschreibungen von Stellen, dann drängt sich doch immer wieder das Gefühl in den Vordergrund, etwas vor sich zu haben, dass der Realität entbehrt. Da werden möglichst junge Menschen gesucht, die über große Erfahrungen verfügen, die viele verschiedene praktische Herausforderungen bereits gemeistert haben, die, wenn es geht, schon im Ausland gearbeitet haben, die Bestnoten bei ihren formalen Voraussetzungen nachweisen können und die, nicht zu vergessen, gleichzeitig teamfähig sind und über große Durchsetzungskraft verfügen. Oft, zumindest mir geht es so, kommt einem der Rat in den Sinn, dass es hilfreicher wäre, zu appellieren, einfach einmal auf dem Boden zu bleiben.

Der Beruf des Politikers, und darum handelt es sich de facto, auch wenn er immer wieder an ein Mandat geknüpft ist, entgeht in der Regel diesem Anspruch, zumindest in der öffentlichen Diskussion. Nehmen wir das Amt der Bundeskanzlerin respektive des Bundeskanzlers. Das Beispiel ist deshalb aktuell, weil es in diesem Jahr neu besetzt werden soll. In einem Seminar habe ich die Frage an die Studierenden gestellt, wie sie das Anforderungsprofil formulieren würden. Das haben sie sehr gekonnt gemacht. Was dabei herauskam, war jedoch genau das, was bereits angesprochen wurde: eine dezidierte Aufführung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die wohl niemand unter dem Himmel würde erfüllen können. 

Auf die Frage hin, was denn die wesentlichen Anforderungen seien, wurde die Sache schon interessanter. Da kamen dann Dinge zum Vorschein, die jenseits der akribischen Aufführung verschiedener technischer, methodischer und sozialer Kompetenzen lagen, sondern das ausmachen, worüber im politischen Leben tatsächlich verhandelt werden sollte. Interessant war, dass bei den drei angesprochenen Hauptmerkmalen relativ schnell Konsens herrschte.

Es ging darum, dass die Person, die sich für dieses Amt bewirbt, über Erfahrung im Management komplexer politischer Strukturen verfügt, dass sie in der Lage ist, Perspektiven zu entwickeln und zu kommunizieren, dass sie aufgrund ihrer Vorgehensweise Vertrauen herstellen kann und die unbedingte Loyalität zum Mandat. Das ist ein Pfund, aber vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen, vor denen dieses Land steht, kann ebenso formuliert werden, dass das nicht zu viel verlangt ist.

Das schöne an solchen Anforderungsprofilen, die auf das Wesentliche eingedampft sind, ist die Möglichkeit, anhand der bereits existierenden wie noch hinzukommenden Kandidatinnen und Kandidaten überprüft werden kann, ob sie diese Essentials tatsächlich erfüllen. Das wäre die Aufgabe an die Leserinnen und Leser. Wer von denen, die momentan bereits ihren Hut in den Ring geworfen haben, über die notwendige Erfahrung im Management komplexer politischer Zusammenhänge verfügt, wer von denen in der Lage ist, Perspektiven zu entwickeln und diese zu kommunizieren und wer von denen Vertrauen vermittelt? Und ist von diesen Kandidatinnen und Kandidaten zu erwarten, dass sie loyal zu ihrem Mandat bleiben? Machen Sie sich ans Werk! Es ist spannend wie aufschlussreich.

Die drei in dem Seminar herausdestillierten Anforderungen stehen selbstverständlich zur Disposition. Es können auch andere Bedingungen sein, wichtig ist, dass die wesentlichen Eigenschaften als Anforderungsprofil überzeugen müssen. 

Eine Folge dieser Übung, sollte sich herausstellen, dass die Bewerberlage nicht so ist, wie gewünscht, wäre es, sich darüber Gedanken zu machen, wie die Ausbildung und Sozialisation von Berufspolitikerinnen und -Politikern in den letzten Jahrzehnten vonstatten ging und ob es notwendig wäre, an der klassischen Laufbahn etwas zu verändern, um eventuelle unerwünschte Entwicklungen zu verhindern und tatsächliche Qualifikationen zu fördern. Das wäre der nächste Schritt.