Archiv für den Monat November 2020

USA – Blaupause für die Zukunft?

Dem Drang, sich mitzuteilen, sich selbst eine größtmögliche Öffentlichkeit herzustellen, können die meisten nicht mehr widerstehen. Da kommt es millionenmal minütlich vor, dass Tweeds abgesetzt, Bilder veröffentlicht, oder Blogs geladen werden, in denen nicht unbedingt Substanz zu finden ist. Nein, es ist keine Klage über die vielfältigen, wunderbaren Möglichkeiten, die sich bieten, um zu produzieren, zu kommunizieren und gezielt zu konsumieren. Die Feststellung, dass der Drang den Inhalt überwältigt, ist eine Begleiterscheinung, mit der wir wohl alle lernen müssen, zu leben.

Dennoch: der Anspruch an Menschen, die eine besondere Rolle spielen, ist nicht mit dem Privatier zu vergleichen, der die Medien nutzt, um Nosense in die virtuelle Welt zu setzen. Denn auch das ist bekannt, die Summe virtuellen Irrsinns wird irgendwann zur materiellen Gewalt. Und dann handelt es sich um handfeste Probleme. Denjenigen, die Verantwortung tragen, ob durch Besitz oder Mandat, haben unter diesem Aspekt eine besondere Stellung. Sie sollten sich bewusst sein über die Wirkung ihres Verhaltens.

Wie war das noch? Als Donald Trump das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten erlangte und bei seinen Twitter-Gewohnheiten blieb? Können Sie sich noch erinnern? Ja, die Empörung war groß, es wurde darüber gelacht und eines derartigen Amtsträgers nicht als würdig erachtet. Das Verblüffende allerdings war, dass Trump über Twitter seine Wählerinnen erreichte, diese sich direkt von ihm angesprochen fühlten und sich mobilisieren ließen. Es führte dazu, dass heute auch hierzulande jeder Amtsträger genau so agiert, wie der längst verpönte frühere amerikanische Präsident. So ganz nebenbei, auch hier hat sich gezeigt, America first, Germany second, zumindest was das Entwicklungstempo systemischer Phänomene anbetrifft. Alles, was in den USA durchlebt wird, kommt auch zeitverzögert hier an. Insofern ist es ratsam, alles, was dort geschieht, auch unter diesem Aspekt zu betrachten. 

Der Vorteil, der sich daraus ableiten lässt, ist nicht gering zu schätzen. Wären wir klug, würden wir die USA als ein Versuchslabor ansehen, um Schlüsse aus bestimmten Entwicklungen ziehen zu können. Leider, und das ist nur zum Teil erklärlich, sehen wir uns zumeist die neuen Phänomene jenseits des Atlantiks an, nicht selten arrogant und mit gerümpfter Nase, um dann irgendwann von dem gleichen Phänomen völlig überrascht zu werden, so, als höre man zum ersten Mal davon. Es scheint, als hätte das berühmte Fahren auf Sicht das notwendige Maß an strategischer Weitsicht komplett ersetzt.

Die tiefe Spaltung der Gesellschaft, zum Beispiel, von der treffender Weise bei den Berichten aus den USA die Rede ist, ist in ihren Grundzügen hier bereits ebenso angelegt. Anstatt sich anzusehen, dass die Chancen des Populismus mit einer Vergrößerung der sozialen Kluft steigen, anstatt zu registrieren, dass die unüberbrückbaren gesellschaftlichen Verwerfungen zunehmen, wenn die Ausgegrenzten keine politische Stimme mehr haben, sitzen die hiesigen Beobachter wie jedesmal auf dem hohen Ross und mokieren sich über die Dummheit der Amerikaner. Es stellt sich die Frage, wieviele Wellen dieser Art des America First es noch geben muss, bis die hiesige Intelligentsia begreift, dass es sich, zumindest seit dem II. Weltkrieg, nachdem zuerst der Westen, und dann nach 1990 auch der Osten Deutschlands die systemische DNA der USA erhalten hat,  bei den dortigen Entwicklungen um Blaupausen auf die eigene Zukunft handelt?     

Deplorables und Parvenüs

Der Cicero-Kolumnist Frank A. Meyer hat sich in einem bemerkenswerten Beitrag (https://www.cicero.de/aussenpolitik/meyers-blick-donald-trump-usa-joe-biden) mit der Fragestellung befasst, was nach dem ehemaligen Präsidenten der USA, Donald Trump, bleiben wird. Seine kurze wie nachvollziehbare Antwort: seine Wähler. Damit hat er zweifelsohne Recht. Und er widmet sich denjenigen, die Hillary Clinton bereits im Wahlkampf 2016, nicht ohne wohlmeinendes Mitgefühl, als the Deplorables, die Bedauernswerten, bezeichnet hatte. Gemeint ist damit die Gruppe, die in unseren Breitengraden unter dem Attribut Präkariat geführt werden. Es sind diejenigen, die das Tempo der Veränderung aus der Bahn wirft, die ihre Jobs verlieren und die seit langer Zeit keine Stimme mehr finden, die sich ihrer annimmt. 

Das Problem, vor der die amerikanische Gesellschaft genauso steht wie die unsere, ist der Verlust dieser Stimme im politischen Sinne. Weder die Demokraten in den USA noch die Sozialdemokratie oder die wie immer auch geartete Linke hierzulande ist aufgrund ihrer eigenen Ausrichtung dazu in der Lage, diese soziale Klasse, deren Anzahl beträchtlich ist, zu erreichen. Sie wird und sie sieht sich entmündigt. Niemand spricht für sie als tatsächlich existiierendes soziales Subjekt. Mit etwas Glück werden sie in der einen oder anderen Frage kuratiert, ernst genommen werden sie jedenfalls nicht.

Frank A. Meyer kommt in seiner Betrachtung auf Kamala Harris zu sprechen und erwähnt, dass sie zeitgleich mit der Wahl auf der Titelseite des Nobelmagazins Vanity Fair erschien, strahlend, in teurem Outfit, designiert als die neue Hoffnung der Entmündigten. Dass es genau das ist, was diese Menschen jetzt nicht brauchen, ist seine Schlussfolgerung.

Bei der ganzen Euphorie, die im Hinblick auf das zu erwartende Endergebnis der US-Wahlen medial die Runde macht, wird diese Frage nicht erörtert. Es scheint so, als ob ein Lernprozess aus dem, was in den letzten Jahren nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien und in Frankreich, in Spanien, in Italien und in Griechenland geschehen ist, keiner kritischen Bewertung unterzogen wird. Die Abwendung der Deplorables, ihrerseits die Nachkommen der Miserables des 19. und 20. Jahrhunderts, von den existierenden politischen Ordnungen dessen, was sich als liberale Demokratie bezeichnet, wird keiner kritischen Analyse unterzogen.

Selbstverständlich werden Erklärungen geliefert, die arroganter nicht sein könnten. Da wird mitleidig von jenen gesprochen, die die Komplexität einer modernen, vernetzten und globalisierten Welt nicht verstehen, die nicht ihre Vorteile sehen und dem allem nicht mehr intellektuell folgen könnten. Gerade diese Stimmen kommen zumeist aus dem Lager derer, die in früheren Zeiten die Stimme der Unterprivilegierten darstellten. Dort allerdings hat sich ein Personalwechsel vollzogen. Da sprechen erfolgreiche Karrieristen, die Hochschulen absolviert und die Kaderschmieden von Unternehmensberatungen durchlaufen haben. Da sitzt, wie die Deplorables es ausdrücken würden, das Hemd näher als der Rock. Gesellschaftliche Verantwortung sieht anders aus.

Wenn die Lernfähigkeit des politischen Systems, das immer so klug ist, wie ihre Akteure, einen dermaßen desolates Zeugnis ablegt, dann ist die Prognose auf die Zukunft anders, als es die gegenwärtige Euphorie vermuten lässt. Da wird weiterhin die Stunde schlagen für Demagogen á la Donald Trump, die daherkommen als unkonventionelle Kämpfer für die Restauration von Verhältnissen, die historisch längst passé sind. Parvenüs, auf der anderen Seite, werden diese Tendenz nicht verhindern können. Der Jahrmarkt der Eitelkeiten ist nicht die Arena, in der die Geschicke über die Zukunft verhandelt werden.