Archiv für den Monat September 2020

Klatschen ist zu billig!

So schnell kann es kommen im Sturm der Meinungsmache. Gestern noch waren sie die Helden des Landes, denen abends von Fenstern und Balkons aus heftig Beifall gespendet wurde, und heute sind ausgerechnet sie es, die der Nation mit ihren Forderungen in den Rücken fallen. Das Pflegepersonal in Krankenhäusern und Heimen, die Feuerwehrleute, die Polizisten, die Gesundheitsämter, die Anlauf- und Beratungsstellen, die geschaffenen Informationszentren, die Sozialarbeiter, die Stadtentwässerung und die Müllabfuhr. Und genau die Berufsgruppen, die dafür gesorgt haben, dass die Krise gemanagt wurde und der Lockdown nicht zum Chaos führte, diejenigen, die trotz ihrer Leistung und im internationalen Vergleich schlecht verdienen, bekommen jetzt die Spaltungskeule entgegen geschleudert. Plötzlich sind sie diejenigen, die pomadig mit ihrer Arbeitsplatzsicherheit im Rücken zu einer Belastung des Gemeinwesens geworden sind. Bravo! So geht Unverfrorenheit.

Die von der Bundesregierung beschlossenen Unterstützungspakete, die auf die Wirtschaft zielen, haben vor allem dazu verholfen, in einigen Branchen den Strukturwandel mit anzuschieben, der seinerseits Arbeitsplätze vernichtet und so manches, durch eigene Innovationsmüdigkeit verursachte in Nöte geratenes Unternehmen am Leben hält. Wie war das noch? Das Motto der Wachstumsapologeten und Wirtschaftsliberalen? Der Markt regelt alles? 

Und wenn das nicht so ist, wird das Gemeinwesen zur Kasse gebeten, d.h. diejenigen, die ihrerseits nicht auf Rosen gebettet sind, die redlichen Steuerzahler, und sie sollen die Subventionen bezahlen. Davon war, zumindest in den privat konzentrierten Medien, nie die Rede. Da war nicht von Schmarotzertum und Verschlafenheit gesprochen und geschrieben worden. Wenn das öffentliche Geld dorthin geht, wo das Management versagt hat, dann ist dass völlig in Ordnung. Soll aber ein kleiner, ja ein in keiner Proportion zu den Subventionen stehender Teil an diejenigen gehen, die den öffentlichen Dienst am Leben halten, dann ist die Empörung groß. Es ist ein Debakel. Aber es ist auch gut, dass die Maske so schnell fällt. Und das in Zeiten der Maskenpflicht. Besser kann die Absurdität nicht illustriert werden.

Wenn das, was da während des Lockdowns in huldvollen Worten so schwülstig proklamiert wurde, das Gerede von den wahren Helden, einen Funken Wahrheit enthält, dann ist es jetzt deren Pflicht, sich nicht mit dem Dekor abspeisen zu lassen, sondern auf handfeste Zusagen zu pochen. Gerade die Menschen in den Pflegeberufen sind es gewesen, die sich immer wieder haben erpressen lassen mit der Solidarität zu ihrem Klientel. Das Ergebnis sind Gehälter, die jeder Würdigung des Geleisteten spotten. 

Und die Kommunen, die ihrerseits auch immer wieder die Lasten tragen und deren Spielräume aufgrund dessen immer begrenzter werden, sind  nicht gut beraten, wenn sie nun meinen, ohne Angebot in eine Tarifverhandlung zu gehen. Wer so die eigenen Stützen malträtiert, hat die strategische Sicht verloren. Es wäre klug, sich mit ihren Belegschaften zu solidarisieren und sich schleunigst auf den Weg machen, sich für mehr Autonomie und Selbständigkeit zu rüsten. Große Reformprozesse sind vonnöten, wie auch in der Privaten Wirtschaft, aber, auch das wissen die Kommunen am besten, ohne finanzielle Mittel wird das nicht gehen. Und auf Kosten der eigenen Belegschaften, die der Motor solcher Prozesse sein werden müssen, schon gar nicht.

Klatschen ist nicht nur billiger als leistungsgerechte Tarife, nein, Klatschen ist einfach zu billig, wenn es dabei bleibt. Die Gesellschaft sollte sich nicht abermals spalten lassen, denn wer das Gemeinwesen immer wieder ins Visier nimmt, in Notzeiten davon profitiert und sich danach an nicht mehr erinnert, dem muss deutlich Widerstand entgegengesetzt werden!

Die Zerstörung eines Feindbildes

Alexander Kluge. Russland Kontainer

Wie kann auf das fatale, desaströse Bild antworten, das gegenwärtig über Russland geboten wird, adäquat geantwortet werden? Sicherlich nicht, in dem auf die gegenwärtig erzeugten, von einem monokausalen Feindbild bestimmten Vorstellungen eingegangen wird. Alexander Kluge, Jurist, Literat, Regisseur, Filmtheoretiker und Philosoph, hat eine Antwort gegeben, die es in sich hat. In seinem Buch „Russland Kontainer“ hat er genau das gemacht, was klug und vernünftig ist. Wie der Begriff Kontainer bereits vermuten lässt, hat er vieles in den ihm zur Verfügung stehenden Raum gepackt, was die Komplexität und Weite Russlands dokumentiert. Und, das Wichtigste, die Dokumente, die er zur Verfügung stellt, sind aus sich selbst erklärend. Er lässt Russland sprechen. Mit dem „Russland Kontainer“ vermittelt Kluge eine Ansicht, bei der sich viele, die das Land nur aus der medial und politisch motivierten Reduktion kennen, die Augen reiben werden.

In den fünf Magazinen, die der Kontainer beinhaltet, sind zentrale Begriffe enthalten, die dabei behilflich sind, Russland jenseits der Propagandamaschine zu begreifen. Dabei handelt es sich zunächst um die russische Seele, ein Terminus, der vielen vielleicht noch geläufig ist, der seinerseits jedoch zumeist auf einen melancholisch-schwermütigen Zustand reduziert wird. In zahlreiche Dokumenten wird diese Vereinfachung aufgesprengt und mit Themen wie Treue, Liebe und Loyalität erweitert. 

In der zweiten Sequenz, dem „Vaterland der Besonderheiten“ wird deutlich, wie avantgardistisch das frühe Stadium der Sowjetunion geprägt war. Von den technischen Extravaganzen, den Überlegungen der geographischen Umgestaltung bis hin zu den Phantasien zu der Version eines modernen Einwanderungslandes. Was folgte, war die Liquidierung der Ideenträger wie der Ideen selbst, obwohl sie, trotz allem, alles andere als verloren gegangen sind.

Und nicht fehlen dürfen die geographischen Besonderheiten. Sie, sie dem Betrachter aus dem europäischen Zentralland nur abstrakt bekannt sind, ergeben eine Vorstellung davon, was Weite, Unbewohnbarkeit und gleichzeitig Reichtum bedeuten. Die Landkarte entpuppt sich als ein Schlüssel, der die Tür von der naiven Vorstellung einer leicht zu handhabenden Erschließung zuschließt. Dass dabei die imperialen Vorstellungen der Heartland-Theorie von dem Briten Mackinder bis zum polnisch-amerikanischen Brzezínski nicht fehlen, zeigt die Zangen, die den Handlungsspielraum Russlands immer einrahmten. Und es werden die Versuche von Napoleon und Hitler noch einmal aus russischer Sicht beschrieben – das Überleben als Nation trotz ungeheurer Verluste.

Ein weiteres Kapitel setzt sich mit den Chancen und der Zerstörung auseinander, die durch die Perestroika ausgelöst wurden und mit dem Zustand der Anarchie, der folgte und den Raubzug auf das gesellschaftliche Eigentum auslöste. Auch das ein Feldzug, aus dem Innern, der analog zu denen von außen ungeheure Verwüstungen hinterließ. 

Der Kontainer schließt mit den Fragmenten, die aus den produktiven, avantgardistischen wie den zeitgenössischen Vorstellungen weiter existieren, und die in die Zukunft weisen können, wenn nicht der Zangengriff von außen weiter anhielte, der das bewirkt, was letztendlich auch zum Zusammenbruch des großen Experiments geführt hat: der Mobilisierung aller Kräfte für die Verteidigung, die alle anderen gesellschaftlichen Aktivitäten paralysiert.

Kluges „Russland Kontainer“ erweitert das Wissen über das Phänomen Russland, er besticht durch die dokumentarische Aussagekraft und er zerstört das existierende, banale und dämonische Feindbild in Gänze, ohne das Hilfsmittel einer politischen Apologie zu benötigen. Die Lektüre ist keine leichte Kost, aber mit leichter Kost ist die Welt auch nicht zu erklären. Wer das Buch liest, wird reichlich belohnt. Es zerstört das bornierte Feindbild bis auf die Grundmauern. 

  • Gebundene Ausgabe : 444 Seiten
  • ISBN-10 : 3518428926
  • ISBN-13 : 978-3518428924
  • Größe und/oder Gewicht : 15.4 x 3 x 23.4 cm
  • Herausgeber : Suhrkamp Verlag; 2. Auflage (18. Mai 2020)
  • Sprache: : Deutsch