Archiv für den Monat September 2020

Digitalisierung: Vergesellschaftet und doch privat?

Ivan Illich hieß er, und er formulierte einen für seine Zeit wie für heute provokativen Ansatz. Illich, seinerseits oft als Austroamerikaner bezeichnet und nicht zufällig dort auf die Idee gekommen, von wo aus eine Generation später die digitale Revolution ins Rollen brachten. Sein „Plädoyer für die Abschaffung der Schule“ brachte die ganze Vermittlerkaste in Schnappatmung. Er hielt die Institutionalisierung von Wissensvermittlung und Erziehung für das Konzept von Repression schlechthin. Laut Illich war die Gesellschaft sehr wohl in der Lage, ohne Institutionen der Jugend die Bildung zu vermitteln, derer es bedarf, um ein erfolgreiches Leben zu führen. Heute liegt sein Approach, wie man in seinem Kulturkreis sagt, in den Hippie-Annalen, obwohl der Mann ein engagierter Theologe war und vielen anderen Beiträgen das technokratische Zeitalter mit Präzision an seinen kritischen Punkten erwischt hatte. Praktische Relevanz hatte die Schul-These, bis auf einzelne experimentelle Inseln, nicht. Und politische Konsequenzen schon gar nicht.

Die „Kinder“ Illichs, jene Zuckermans und wie sie alle heißen, haben in einer nicht von Illich beabsichtigten Form seine These von der Abschaffung der Schule de facto realisiert. Indem sie einerseits das gesamte Weltwissen privatisierten, es aber trotzdem Jeder und Jedem von jedem Ort der Welt aus zugänglich machten, hatten sie die Gebäude, in denen klassischer Weise gelernt und Wissen vermittelt wird, in ihrer überragenden Bedeutung abgefackelt. Und das ganze Heer der Pädagogen, Psychologen und Philologen scheinen, die Auffassung ist aktuell und weit verbreitet, Modelle aus einer längst verblichenen Zeit zu sein. Das institutionelle Lernen weicht mehr und mehr Angeboten, die meistens sogar aus nicht kommerziellen Quellen gespeist werden. Erst, wenn sie genügend Interessenten finden, kommt die Geschäftsidee. Doch, der Ursprung von in der digitalen Welt erstellten Lern- und Bildungsangeboten kommt tatsächlich aus der Gesellschaft. Abgeschafft ist die Schule längst nicht, aber ihre faktische Relevanz sinkt, zumindest in den Augen derer, um die es geht.

Die Welt in ihrem Digitalisierungsstatus scheint vieles zum Einstürzen zu bringen, was als fester Bestandteil mehr oder weniger menschheitsgeschichtlicher Gewissheiten gegolten hat. Dazu gehört die Schule, und dazu ist das geistige Eigentum zu zählen. Beides wird de facto negiert. Und beides wird nicht thematisiert. Es scheint, als sei die Menschheit in einem Schockzustand und alles liefe um sie weiter, ohne dass sie in der Lage wäre, bei vollem Bewusstsein in das Geschehen einzugreifen. Und viele Menschen denken, oder hoffen, dass, wenn sie sich erst einmal geschüttelt haben und wieder handlungsfähig sind, dann würde einiges korrigiert werden können. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Aber historische Reversibilität hat es noch nie gegeben. 

Die Zerstörung alter Ordnung beinhaltet nicht unbedingt die Zerstörung aller Gewissheiten. So, wie die rasante Auslöschung von allem, was vermittelt, wie Lehrer, Händler und Politiker, vonstatten geht, so sehr werden auch Erkenntnisse unterstrichen, die nur noch als antike Reminiszenz galten. Alles fließt, wer würde das heute nicht als eine relevante Alltagsfloskel betrachten? Und dazu gehört auch das Alles kommt zurück!

Was die dramatische Zerstörung gesellschaftlich relevanter Institutionen versucht zu legitimieren, ist das ständig wiederholte Momentum der allzeitigen und allseitigen Verfügbarkeit alles dessen, was die Menschheit begehrt. Das ist ein schönes spirituelles Angebot, aber es entspricht nicht den realen Verhältnissen. De facto haben wenige Individuen, übrigens weltweit, auch die Zuckermans haben Pendants in China, das historische Eigentum der Menschheit für ihre Zwecke privatisiert. Und sie haben gleichzeitig die Institutionen gemeuchelt, die einem Monopol im Wege standen. Da ist nichts zu beschönigen. Ja, alles ist vergesellschaftet. Und es immer noch in privaten Händen? 

USA/BRD: Totem und Tabu

Jetzt stehen sie plötzlich wieder im Rampenlicht, die Strategen der zweiten Reihe. Der versuchte Mord an dem russischen Oppositionellen Nawalny wird zum Anlass genommen, um eine schnelle Umsetzung des us-amerikanischen Ansatzes in Sachen Russland zu popularisieren. Nicht, dass es sich um eine Kleinigkeit handelte. Auch wenn nicht geklärt ist, wer da den Mann vernichten wollte, vieles deutet auf Russland hin. Dennoch, man sollte alles, was derzeit diskutiert wird, immer unter dem Aspekt betrachten, dass es sich um eine Hypothese handelt. Bei allem, was folgt, von Röttgen bis Baerbock, die Frage sei auch erlaubt: Qui bono? Wem nützt es, wenn Nawalny als Opfer des russischen Geheimdienstes erscheint und sich daraus Sanktionen wie zum Beispiel der Stop von North Stream II ableiten und dazu führen, dass amerikanisches Flüssiggas stattdessen gekauft werden muss? Russland oder den USA? 

Zum anderen, es ist immer gut, wenn die Geister in Krisen aufsteigen und sichtbar werden. Der Moralchor, der bei Nawalny zu hören ist, übt sich in Schweigen, wenn es sich um die unzähligen, von deutschem Boden gesteuerten Drohnen-Morde im Nahen Osten handelt. Das Konsortium der Doppelmoral, das von zunehmend weniger Menschen ertragen wird, lässt sich dennoch in derartig heißen Situationen gut zuordnen. Jetzt kommen die Atlantiker wieder zum Vorschein. Das sind die, die präpariert wurden, um mit Moralrhetorik den geostrategischen Kurs der USA offensiv zu verfechten. Danke an Frau Göring-Eckhard! Man möge nachdenken, wann die Menschenrechtsverletzungen, angefangen bei den Drohnen-Morden, fortgesetzt in Guantanamo und nicht endend bei Julian Assange, von diesen radikalen Menschenrechtlern angeprangert worden wären?

So dreht sich die Scheibe, als läge sie schon immer auf dem Teller. Ausgewuchtet und ohne Überraschungen. Die Politik der moralischen Begründung von geostrategischen Machtinteressen ist seit langem durchschaut und wird nur noch von wenigen geglaubt. Dass es Machtfragen und geostrategische Überlegungen gibt und geben muss, steht außer Zweifel. Wer daran rüttelt, erweist sich schnell als Illusionist. Wer jedoch anfängt, knallharte Fragen mit Kerzenduft beantworten zu wollen, beginnt mit einem Gut zu spielen, das, wenn es erst einmal verloren ist, zu keinem guten Ende führen kann. Gemeint ist das Vertrauen in diejenigen, die da handeln. Und, das sei allen genannt, die davon träumen, dass der Vertrauensverlust und Unmut unweigerlich in eine demokratische Neuordnung mündete: Sehen Sie sich an, wohin diejenigen laufen, die das Vertrauen verloren haben, egal, in welchem Land der westlichen Welt, die erste Reaktion trägt sie nach Rechts. 

Umso schwerer wiegt das doppelmoralische Spiel. Diejenigen, die es betreiben, sind sich dessen nicht bewusst. Sie wirken wie imprägniert gegen die Erkenntnis, dass ihre Manöver enttarnt werden und die Reaktion auch noch die ist, die sie gar nicht mögen. Die inneren Motive für dieses Handeln sind, neben den kollektiven Verblendungsmechanismen, auch in einer gehörigen Portion Angst begründet. Denn, einmal Hand aufs Herz: Wer traute sich denn wirklich zu, den USA in strategischen Fragen die Stirn zu zeigen? Darüber zu sprechen, ist natürlich nicht erlaubt. Fast könnte einem, wenn es nicht so ernst wäre, die Spielerei in den Kopf kommen, die Konstellation mit einem kleinen Werk Sigmund Freuds zu deuten: Das Machtverhältnis zwischen USA und der Bundesrepublik unterliegt dem Tabu. Und die Moral, mit der man schreiend durch die Welt schreitet, ist das kompensatorische Totem.