Archiv für den Monat September 2020

Political Science Fiction

Egon W. Kreutzer, Andere Abhilfe. Literarische Vision zur Gestaltung einer vom Grundgesetz eröffneten Option

Da traut sich mal einer was! Inmitten einer medial-ideologischen Überhitzung und dem bedauernswerten Zustand einer nicht mehr greifenden Diskussionskultur setzt sich ein sonst als Sachbuchautor wirkender Zeitgenosse an die Tastatur und haut einen Roman raus, der es in sich hat. Dieses mindestens aus zweierlei Gründen: Erstens schert er sich dabei nicht darum, wer in den elenden Diskursen, die unser Dasein vergiften, bereits verbrannt ist und wer nicht. Und zweitens macht er das, was die meisten in Zeiten der Utopielosigkeit gar nicht mehr können: er blickt in seinem Roman auf die nahe vor uns liegenden Jahre 2022/23 bereits zurück. Und vieles, was Egon W. Kreutzer in seinem Roman „Andere Abhilfe“ geschehen lässt, gälte, befragte man den Mainstream, so er als fiktive Person bestünde, als absurd und abwegig. Aber ist es das?

Der Artikel 20, Absatz 4 des Grundgesetzes, den Kreutzer der Geschichte voranstellt, gibt es jedenfalls. Dort heißt es: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ In einem Szenario, das geprägt ist von wilden Entwicklungen, die durchaus sein könnten, wenn bestehende Tendenzen ernst genommen werden, schält sich im Laufe der Erzählung eine Konstellation heraus, die alles andere als realitätsfremd bezeichnet werden kann. Da sind die bekannten politischen Parteien, die sich trotz dramatischer gesellschaftlicher Veränderungen in ihrem Verhalten kaum verändert haben. Da sind außerparlamentarische Gruppierungen, die allzu gerne als Zivilgesellschaft bezeichnet werden, diese aber nicht repräsentieren. Da sind internationale Akteure, die kaum sichtbar, aber umso mächtiger sind und die als Finanzkapital zu identifizieren sind. Zusammengefasst stehen die politischen Akteure auf einer Bühne und führen ihr Stück auf, während sich die Regie ganz woanders trifft und die Geschicke lenkt.

Sprengstoff kommt mit dem in Deutschland wirtschaftlich und technisch potenten unternehmerischen Mittelstand und einer Gruppe von Militärs ins Spiel. Sie sind es, die beginnen, den Kampf gegen Verhältnisse aufzunehmen, die sie als existenzielle Gefahr für das Land, seine staatlichen Institutionen, die als mehr oder weniger aufgelöst bereits beschrieben werden und letztendlich sich selbst. Sie finden heraus, woran es liegt, dass die Öffentlichkeit so gelähmt ist, woher die politische Lethargie stammt, die keinen Widerstand gegen ein allgemeines Staatsversagen mehr zustandekommen lässt und in wessen Interesse das ist. Die Frage nach dem Cui bono, die neuerdings sogar als verpönt gilt, bekommt in diesem Licht einen explosiven Stellenwert.

Es handelt sich um reinen reißenden Thriller, in dem die Motive der Akteure politisch sind und es um nichts weniger geht, als um die Rettung eines Staatsgebildes und einer Nation. Bereits das sind Reizwörter, die manche Diskussionen nicht mehr stattfinden lassen und insofern ist noch eine Prise Pfeffer mehr in dem Roman. Es fällt schwer, die Handlung nicht zu präzisieren, aber Sinn der Rezension ist es, dazu anzuregen, das Buch selbst in die Hand zu nehmen. 

Lebten wir in anderen Zeiten, dann wäre „Andere Abhilfe“ ein wunderbarer Anlass, um die Diskussion über die vor uns liegenden Notwendigkeiten von Veränderungen zu führen. Zu befürchten ist, dass zumindest diejenigen, die von ihren allzu schweren ideologischen Bleiwesten heruntergedrückt werden, aufschreien und mit ihren abgegriffenen Klischees diese Diskussion zu verhindern suchen. 

Noch einmal der Hinweis, dass es sich um einen Roman handelt. Zur Freiheit der Kunst steht auch etwas im Grundgesetz. Allein die Notwendigkeit, dieses erwähnen zu müssen, deutet darauf hin, dass die Frage nach der „Anderen Abhilfe“ so aus der Luft gegriffen nicht sein kann. Lesen Sie das Buch und vergegenwärtigen sich, was alles möglich sein könnte. Im Negativen wie im Positiven!

Paperback

324 Seiten

ISBN-13: 9783751913935

Verlag: Books on Demand

Erscheinungsdatum: 31.07.2020

Geben wir der Zukunft neue Perspektiven!

In seinem Buch Russland-Kontainer stellt Alexander Kluge, angesichts der Fülle von Zukunftsprojekten, neuen Perspektiven, Utopie-Laboren etc. in Russland im Jahr 1917 die berechtigte Frage: „Gibt es in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts einen Utopie-Horizont?“ Es handelt sich um eine Punktlandung, denn besser kann der Mangel an Strategie, Zukunftsbildern und einer Vorstellung, wohin die Reise gehen wird, nicht hinterfragt werden. Zu betonen ist, dass die weiteren Betrachtungen sich auf Deutschland beziehen, denn, das ist gesetzt, auch wenn es viele nicht begreifen wollen, jedes Land hat seine eigene Betrachtung der Welt und ihrer Erscheinung. Der inquisitorische Imperialismus wird die Welt nicht verändern, sondern sie weiter zerstören.

Um den gegenwärtigen Zustand prägnant beschreiben zu wollen, kann festgestellt werden, dass wir es mit einer Hochkonjunktur von Dystopien zu tun haben. Impulsquelle dessen ist die Angst. Die alte, bekannte Weltordnung, befindet sich in Auflösung und eine neue zeigt ihr Gesicht noch nicht. Das verunsichert, hilft aber nicht weiter. Großer Konsens hingegen besteht darüber, was nicht passieren darf. Dazu gehören Verheerungen durch den Klimawandel und sozialer Abstieg. Kriegsgefahr, Krieg und die Auflösung der eigenen gesellschaftlichen Ordnung sind nicht im Fokus, obwohl diese Bedrohungen bei der gegenwärtigen Politik schneller real werden können, als viele sich unbewusst wünschen.

Aber Utopie? Eine gesellschaftlich verhandelbare Vorstellung davon, was anstelle dessen, was sich in Auflösung befindet? Bis dato Fehlanzeige. Das kann man beklagen, aber auch das führt bekanntlich nicht weiter. Die hier bereits vorgestellte Initiative von Futur II ist ein kleiner, bescheidener Schritt, um aus der strategischen Starre herauszukommen (http://futur-2.info/).

Bei den Diskussionen, die wir in diesem Projekt geführt haben, fanden wir uns allzuoft an einem Punkt wieder, den viele kennen werden: Wir wollten über die Zukunft sprechen und waren blitzschnell bei der Kritik der gegenwärtigen Zustände. Doch die wollten wir gerade durch eine Formulierung des Besseren aufheben. Bei den ersten Versuchen, etwas aufs metaphorische Papier zu bringen, waren wir unsicher, versicherten uns zurück und taten uns schwer. Und, das ist die Erkenntnis nach den ersten Gehversuchen, das wird noch eine zeitlang so bleiben. Da hilft nur eines: Üben! 

Um zu erklären, warum der Entwurf von Utopien, die eine Chance auf Realisierung haben, so schwer fällt, müssten wir wiederum in eine Kritik der gegenwärtigen Verhältnisse verfallen. Wir wären schnell bei einer auf Sicht fahrenden Politik, wir werden schnell bei dem affirmativen Charakter der Medien und wir wären schnell bei den Besitzverhältnissen, die vieles erklären. Das alles ist notwendig zu wissen, denn ohne Kritik kein neues Modell. Aber das Modellieren selbst, das müssen wir schleunigst wieder lernen, auch wenn wir bei den ersten Versuchen feststellen, dass das nicht mehr in unserem kulturellen Gen geprägt ist. Wir müssen den Nebel der kreativen Lethargie durchbrechen!

In dem Versuch, das negativ beschriebene Blatt zu wenden und einen positiven Entwurf der Zukunft zu schaffen, rufen wir alle, die des ewigen Klagens müde sind, dazu auf, sich mit eigenen Vorstellungen einzubringen. Und lassen Sie sich nicht von Bedenken und innerer Zensur davon abhalten! Auch das haben wir bereits am eigenen Leib verspürt. Die innere Zensur ist da, und sie zeigt, wie derb die kollektive Inquisition unsere Zukunftsfähigkeit bereits beschädigt hat. 

Wir selbst werden an weiteren Vorschlägen arbeiten, aber wir sind auf die vielen klugen Köpfe angewiesen, die bis heute geschwiegen haben. bringen Sie sich ein, wir werden Ihre Beiträge veröffentlichen (http://futur-2.info/). Mit einer Ausnahme: Beiträge, die faschistische Vorstellungen enthalten, werten wir als Dystopie und werden sie folglich nicht berücksichtigen. Insofern ist unser Motto folgerichtig:

Geben wir der Dystopie keine Chance, geben wir der Zukunft neue Perspektiven!