Archiv für den Monat August 2020

Belarus, die Neue Seidenstraße und der FC Bayern

Belarus ist zu einem wichtigen Baustein der von China initiierten und betriebenen neuen Seidenstraße geworden. Direkt vor der Haustür von Minsk befindet sich ein Gewerbegebiet, Industriepark und Umschlagplatz, das unter dem Namen Great Stone figuriert. Finanziert worden sind die Facilities zumeist von chinesischen Banken. Die Schienenanbindung wurde von dem deutschen Unternehmen Duisport projektiert. Die Investitionen, die durch die chinesische Seite in Belarus getätigt wurden, liegen immer noch unter denen Russlands, doch die Relationen beginnen sich zu verschieben. Der geostrategische Stellenwert von Belarus hat sich durch das Projekt der Neuen Seidenstraße dramatisch zugunsten des Landes erhöht. Der Kampf um Dominanz und Weltherrschaft, der dahinter steckt, hat jedoch auch die politische Stabilität in Frage gestellt. Es empfiehlt sich, die momentanen Auseinandersetzungen unter dem Aspekt der Interessen zu betrachten. Da das Gelingen der Neuen Seidenstraße ebenso eine Rolle spielt wie der geplante NATO-Militärgürtel gegen Russland von Litauen bis zum Schwarzen Meer, wird deutlich, welche Brisanz dort entstanden ist. 

Der Köder, der bei solchen Gelegenheiten immer auf dem Tisch liegt, heißt Freiheit. Was die Menschen, die in den Betrieben und auf den Straßen von Minsk fordern, sind gesicherte Rechtszustände, demokratische Freiheiten und Gewaltenteilung. Damit nicht korrelieren die Ziele, die sich hinter der medial aufgepumpten neuen Freiheitsikone Tiychonowskaja verbergen. Sie steht für die radikale Auflösung des Staates und seinen Verkauf an Oligarchen. Was das bedeutet, ist an der Ukraine gut abzulesen. Verloren hat der Großteil der Bevölkerung und die Freiheit. 

Im Sommertheater lässt sich gut inszenieren. Der russische Regimekritiker Nawalny wurde, laut Aussagen aus seinem Umfeld, vergiftet. Da diese Interpretation sehr gut in die weltpolitische Lage derer passt, die einen Zugriff auf die Neue Seidenstraße in Belarus haben wollen, wird diese Version flächendeckend kommuniziert, bevor sie als gesichert gelten kann. Der Transport Nawalnys wurde finanziert durch eine Organisation namens Cinema For Peace. Sie wiederum wird unter anderem von dem in Russland verurteilten und in der Schweiz lebenden Oligarchen Chodorkowski finanziert. Zudem taucht dort auch immer wieder der Name des US-Lobbyisten Joscha Fischer auf. Wer denkt, dass irgend jemand auf die Idee käme, auf diesem Feld zu recherchieren, sollte das als Illusion aus seinem gutgläubigen Kopf verbannen.

Dass Freiheit und Menschenrechte zu den zentralen Begriffen des in allen Belangen überlegenen deutschen Systems zählen, wird an dem Spektakel deutlich, mit dem sich die Öffentlichkeit am heutigen Sonntag beschäftigt. Da kommt nämlich abends das dreckigste Champions-League-Finale der Geschichte in die Wohnzimmer. Das ohne Zuschauer in Lissabon ausgetragene Turnier, von dem Karl-Heinz Rummenigge sagte, eine solch tolle Atmosphäre habe er noch nie erlebt, spielt sich tatsächlich vor einer kuriosen Kulisse ab. Da stehen sich Paris Saint Germain, seinerseits im direkten Besitz der Menschenrechtsoase Katar und der immer wieder gerne dorthin reisende FC Bayern gegenüber. Dass in Katar eine Sklavenhaltergesellschaft residiert, konnte schon Franz Beckenbauer im Edelhotel nicht feststellen und dass jenes Paris Saint Germain es war, das die Schallmauer durchbrach und einen Spieler für das Geldäquivalent eines Airbusses auf die Seine holte, sollte nicht vergessen werden. Der FC Bayern, der in der Diktion der deutschen Kriegssportberichterstatter noch gegen den CF Barcelona diesem seine Macht demonstriert und ihn gedemütigt hatte, soll nun dem anderen deutschen Trainer zeigen, wo der Hammer hängt.

Gestern tickerte durch die Nachrichtenagenturen, dass Bundespräsident Steinmeier in Bezug auf die Umstände der dramatischen Verschlechterung des Gesundheitszustandes von Herrn Nawalny eine genaue Untersuchung der Umstände fordere. Die Forderung ist gut. Sie sollte sich vor allem mit der Tatsache beschäftigen, warum diese unsere Bundesregierung emotional immer kollabiert, wenn es um Geschehnisse in Russland und China geht, und warum sie mit Gleichmut über die Ruinierung menschlicher Existenzen hinwegschwebt, wenn es in Ländern der NATO geschieht oder dort, wo Rohstoffe liegen, die als strategisch gelten.   

Chiffrierte Realität

Manfred Zach. MONREPOS oder Die Kälte der Macht.

Macht es Sinn, einen Roman zu lesen, der gar keiner ist? Ein Buch, das vor einem Vierteljahrhundert erschien und sich mit tagespolitischen Ereignissen beschäftigt, die längst etwas für die Geschichtsbücher sind? Einen Autor, der sich aus der Welt, die er geschildert hat, konsequent verabschiedet hat? Die Antwortet lautet: Ja! 

Manfred Zach war nicht irgendwer, sondern Pressesprecher des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Späth. Also einem Politiker, der wie kein anderer den Übergang vom Honoratiorenpolitiker zum Manager versinnbildlichte, mit sehr viel Licht, und mit ebenso viel Schatten. Zach kam als junger Jurist und Beamter des Höheren Dienst auf eigenen Wunsch in den Verwaltungsapparat des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger, bei dem er schon bald reüssierte. Nach dessen Sturz über seine Vergangenheit als Marinestabsrichter arbeitete er unter seinem Nachfolger, Lothar Späth, als Pressesprecher, Redenschreiber und Buchautor. Zwölf Jahre später, als Späth nach dem missglückten Putsch gegen den damaligen Kanzler und Bundesvorsitzenden der CDU, Helmut Kohl, nach Parteispenden und zahlreichen von Industriellen gesponserten Reisen und Flugdiensten strauchelte, quittierte Zach seinen Dienst und verschwand. Wenige Jahre später erschien sein Buch „MONREPOS oder Die Kälte der Macht“.

Das als Roman klassifizierte Buch stellt sich bereits nach wenigen Seiten der Lektüre als etwas anderes heraus. Es handelt sich um einen Bericht chiffrierter Realität. Nichts, was auf den 495 Seiten berichtet wird, ist von der von Zach erlebten Realität in der präsidialen Schaltzentrale der Macht zu trennen. Alles lässt sich belegen, nur die Personen werden nicht bei ihrem eigenen Namen genannt, sondern laufen unter Chiffren. Da heißt der Ministerpräsident Filbinger dann Breisinger, aus Lothar Späth wird ein Oskar Specht und aus dem schillernden Minister für Kultus- und Sport, Mayer-Vorfelder, wird ein Herr Müller-Prellwitz. Zach hat sie alle erlebt und er war mittendrin. 

Was das Buch, das am besten als Erzählung, basierend auf einem chiffrierten Bericht klassifiziert werden kann, auszeichnet, sind gleich mehrere Qualitäten. Sprachlich auf hohem Niveau, vereint es Faktisches mit gelungenen Metaphern, gelingt es, komplizierte politische Zusammenhänge in ihrer Verwobenheit mit den Persönlichkeiten der handelnden Personen zu schildern und trotz der eigenen, persönlich durchaus intensiven Erfahrung des Autors, vermag er es, die notwendige Distanz des Erzählers zu wahren, was verhindert, dass das Buch den bitteren Beigeschmack einer  Abrechnung bekäme.

Exzellent sind die Typologien derer beschrieben, die das Tagesgeschäft ministerialer Arbeit ausmachen. Da sind die Beamten, deren Horizont sich auf rechtliche Absicherung und Zuständigkeitsabgrenzung erstreckt. Da sind die Taktierer, die ausschließlich mit der Macht gehen. Da sind die Ehrgeizigen, deren Fokus auf tatsächliche politische Wirkung gerichtet ist. Da sind die vielen Fleißigen, die niemand sieht und von denen keiner spricht. Und da sind die Karrierebürokraten, die ihrerseits von allem etwas mitbringen, sich tatsächlich aufreiben, aber den politischen Auftrag mit dem Tag ihrer Ernennung nicht mehr so richtig auf dem Schirm haben. Und im Zentrum eben jener Oskar Specht, der als der Prototyp des Wandels hin zu den Politikern, die heute die Mehrheit ausmachen, bezeichnet werden kann. Ein rhetorisch begabter Kommunikator, ein Entfacher neuer Programme, ein ständiger Unruheherd in den gesetzten Strukturen, dem es letztendlich um die Selbstinszenierung geht und der außer zu sich selbst niemandem gegenüber loyal ist.

Mir ging es bei der Lektüre so, dass ich zunächst versuchte, mich an die beschriebene Vergangenheit zu erinnern, dann aber mich immer öfter dabei ertappte, das so vorzüglich Geschilderte mit den Akteuren und der Politik von heute zu synchronisieren. Da kam keine Langeweile auf. Glauben Sie mir!