Archiv für den Monat August 2020
Schreiben und Schweben
Jeder, der sich mit dem Verfassen von Texten beschäftigt, kennt das Phänomen. Es existiert eine Idee oder auch keine, aber irgend etwas hat dich dazu getrieben, dich an dein Schreibgerät zu setzen. Das ist, je nach Alter, Sozialisation oder Kultur, ganz unterschiedlich. Entweder es ist noch eine Schreibmaschine, am besten eine alte Triumph. Oder es ist ein Blatt Papier und ein Bleistift. Oder ein tablet, vielleicht mit einer externen Tastatur. Aber egal, was es ist, du sitzt dort alleine und hast ein Vorhaben. Das des Schreibens. Und los geht´s? Mitnichten.
Walter Benjamin hat es, ich glaube in seinem Buch Die Einbahnstraße, einmal so beschrieben, dass ich es nie vergessen habe. Wenn du am Schreibtisch sitzt, dann schreibe, auch wenn dir nichts einfällt. Das war klug, das war richtig klug. Denn natürlich wusste Benjamin, dass da etwas in unserer Unterstruktur ist, das arbeitet, auch wenn wir denken, der Kopf sei leer. Das mache ich auch gerade. Jetzt. Ich folge Benjamin und schreibe, ohne dass mir was einfiele. Es wird etwas werden, da bin ich mir sicher.
Andere kluge Köpfe machten es sich schwerer, sie sprachen vom Geheimnis des künstlerischen Schaffens. Aber keinem gelang der große Coup. Nur Walter Benjamin, der sich an den Pyrenäenausläufern, in Port Bou, ins Mittelmeer stürzte, weil er die Verfolgung durch die Gestapo nicht mehr aushielt, dieser großartige Intellektuelle, der Schöpfer der Figur des Flaneurs, des großen Assoziators in der Moderne, der durch die Pariser Passagen streunt und das Weltgeschehen anhand der vorgefundenen Versatzstücke neu komponiert, hat es erfasst. Und zwar mit der Klarheit und Unverfrorenheit einer Berliner Schnauze. Schreib einfach weiter, auch wenn dir nichts einfällt. Da staunste, wa? Auch die Schlauen saugen an einer Mutterbrust. Benjamins Sensorik stammte aus Berlin, dem jüdisch-bürgerlichen, dem unverwechselbaren, das es nicht mehr gibt.
Und dann bist du drin. Das Probieren ist der Beweis. Wenn die Sätze laufen, wunderst du dich, wie das geht. Ein perpetuum mobile der menschlichen Ideengebung. Bis der Sensenmann kommt und den Schalter umlegt. Doch das muss noch warten. Mach ihm einfach nicht auf. Du bist jetzt am Schreiben. Und wie. Schnell, immer schneller. Bis ein Schwebezustand erreicht ist, der alles mitbringt, was einen richtigen Rausch ausmacht. Die Schwebezustände des Schreibens sind unbändig. Sie vermitteln ein Gefühl, natürlich das des Schwebens, das alles beinhaltet, was das Außerkraftsetzen der Gravitation beinhaltet. Leichtigkeit, Grenzenlosigkeit, Sphäre. Tempo nicht unbedingt. Das ist eine Verwechslung. Wer meint, Tempo sei es, um das es ginge, der kann gleich Kokain nehmen. Das führt zur Beschleunigung, erzeugt aber nie das Erhabene des Schwebens. Und damit wäre auch schon die Lehre gezogen: Wer bereit ist, Risiken einzugehen, und das ist der Fall, wenn man einfach anfängt zu schreiben, der erreicht irgendwann einen Schwebezustand. Und der versetzt den Mutigen in den Zustand temporärer Erhabenheit. Die Rauschzustände, die das Schweben zuweilen mitbringt, entstammen der körpereigenen Chemie. Genial. Unbedingt versuchen. Wer die Angst überwunden hat, der muss sich nicht mehr fürchten!
Dirty Boulevard
Während in Minsk und anderen belorussischen Städten hunderttausende auf die Straße gehen und für Veränderungen demonstrieren und die Bundesregierung, von der Kanzlerin über den Außenminister bis zum Regierungssprecher, die Bewegung über alle Maßen loben, ruft die französische Volksbewegung, die ähnliche Ziele verfolgt, nach einem Jahr im kommenden September zu Großdemonstrationen auf. Das Lob, das von offizieller Seite an die Bevölkerung in Belarus geht, hat eine Entsprechung im Falle Frankreichs: Eisiges Schweigen.
Nun kann man sicherlich sagen, dass Frankreich sowohl eine andere Verfassung als auch eine andere Tradition als Belarus hat. Vergleicht man jedoch die Methoden, mit denen in Frankreich einer Bewegung entgegengetreten wurde, die sich gegen die drastischen sozialen Auswirkungen einer wirtschaftsliberalen Politik wenden, dann sind Vergleiche angebracht. Die vielen Verhafteten, die ohne Prozess seit Monaten in Gefängnissen sitzen, die von Geschossen Verstümmelten und die Toten sind drastischer als das, was aus Belarus berichtet wird. Und, um einer immer wieder anzutreffenden Verwahrlosung von Geist und Haltung gleich zu begegnen: Nein, weil in Frankreich Menschenrechte und Demokratie mit Füßen getreten werden, rechtfertigt das Ähnliches weder in Minsk noch in Hongkong. Aber es muss darüber geredet werden.
Was in diesem Land nicht verstanden wird, ist die verheerende Wirkung der nahezu zur Alltagspraxis gewordene Anwendung doppelter Standards. Dieselben Leute, die bei Aktionen, die für den offiziellen Regierungskurs werben, gerne einmal die Teilnehmerzahlen nach oben schummeln, geraten außer sich, wenn das bei Gegnern der offiziellen Politik geschieht. Die selben Leute, die Krokodilstränen weinen, wenn Randalierer in Hongkong festgenommen werden, sprechen von terrorähnlichen Zuständen, wenn angetrunkene Jugendliche nach monatelangem Lockdown über die Stränge schlagen und dieselben Leute stellen Kerzen für russische Oppositionelle auf und scheren sich einen Dreck darum, wenn ein Julian Assange gegen Recht und Sitte in einem Hochsicherheitsknast dahinmodert.
Was, und das ist die Frage, auf die es ankommt, macht das mit den Menschen, die in der Lage sind, diese Vergleiche zu sehen und entsprechende Schlüsse ziehen. Sie dann auch noch zu verunglimpfen und entweder als Kollaborateure mit dem Feind zu titulieren oder als verwirrte Opfer von Verschwörungstheorien darzustellen, produziert einen Konflikt, der noch gewaltige Ausmaße annehmen wird. Und Nein! Das wird keine politische Auseinandersetzung im klassischen Sinne, sondern da werden sich die Zorndepots entladen, wie es lange nicht mehr geschehen ist.
Wer nicht in der Lage ist, diesen Mechanismus zu identifizieren, weist gravierende Defizite im politischen Verständnis auf. Da zahlt sich aus, dass Technokraten, die keine Bindung zu den Lebensbedingungen der schwachen Gesellschaftsglieder haben, das Ruder in der Hand halten. Bis auf wenige Stimmen ist allerdings nichts zu hören. Stattdessen übt man sich in moralischer Entrüstung und spricht von Radikalisierung derer, die der doppelten Standards überdrüssig sind. So kann man es auch sehen, nur lösen wird es nichts.
Das Reklamieren der Werte im demokratischen Westen ist ein Verweis auf das Gedankengut der Aufklärung. Letztere bereitete die bürgerliche Gesellschaft vor, und sie bildete das Interieur der modernen Staaten. Global gesehen war das eine geographisch wie zeitlich sehr begrenzte Episode. Wer daraus einen globalen, universalen Anspruch ableitet, hat Geschichte nie verstanden. Wer dies tut, und sich dabei selbst nicht einmal an das von ihm Reklamierte hält, mag bei denen, die sich das unwürdige Schauspiel mit ansehen müssen, Zorn erregen. In historischem Maßstab ist es eine Posse. Die Wahrheit ist unteilbar. Doppelte Standards sind ein schlechter Witz.

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