Archiv für den Monat Juli 2020

Stuttgart und die Lufthoheit

In politischen Kreisen kursierte für eine gewisse Zeit die Metapher, man müsse bei bestimmten Themen die Lufthoheit erobern, um mit den eigenen Vorstellungen dominieren zu können. Das Bild stammt aus dem Luftkrieg und beschreibt die Denkweise, die vorherrschte und in gewissen Kreisen noch herrscht. Grundsätzlich ist die Betrachtung aufschlussreich. Wer von den politischen Akteuren ist in der Lage, ein Thema so zu besetzen, dass die Interpretation eines Phänomens und die angebotenen Lösungsansätze eine Chance haben, eine politische Strategie vor der Bevölkerung zu legitimieren? Ein Beispiel aus dem realen Leben, das die Gemüter erhitzt und das noch einige Zeit eine Rolle spielen wird, sind die Ereignisse in Stuttgart.

Es ist wichtig, nicht gleich zu Beginn in der Wahl der Begriffe dem Fehler zu verfallen, sich dessen zu bedienen, um was bereits am Sprachhimmel gekämpft wird. Da sind bereits einige gefährliche Jäger zu identifizieren, ihre Namen reichen von Krawallnacht bis zu Stammbaumforschung. Beides sind Geschosse aus einem Propagandakrieg, die zwar die Lufthoheit herzustellen vermögen, aber nicht in der Lage sind, irgend ein Problem zu lösen. Übrigens ein Standardergebnis bei den vielen Kämpfen um die Lufthoheit. Zumeist setzen sich Vorgehensweisen durch, die ihrerseits viel Krawall auf der Erscheinungsebene machen, zum Kern, zum Wesen eines Problems jedoch nicht vordringen. Und wer das Problem nicht erfasst, der kommt auch zu keiner Lösung. Aber die formale Logik spielt in diesem Krieg um Worte keine Rolle.

Stuttgart also. Dort hat es an besagtem Wochenende gerauscht. Die Befragung der beteiligten Parteien, nennen wir sie Polizeikräfte und Jugendliche, schildern das Geschehen anders. Die einen sagen, sie hätten nach Routinen gehandelt, die anderen, sie seien provoziert worden und dann sei die Sache eskaliert. Es wäre ratsam, genau an dieser Stelle auf detaillierteren Schilderungen zu beharren. Die exakte Beschreibung ist die beste Versicherung gegen vorschnelles Urteil. Vielleicht nur ein Einwurf: Wenn das Vorgehen nach einer Routine, über deren Charakter hier gar gestritten werden soll, auch wenn es möglich wäre, wie kann es kommen, dass das Gewohnte plötzlich provoziert? Kann es sein, dass junge Menschen, zu deren Wesen es gehört, mit sehr viel Energie geladen durch die Welt schreiten, nach einem monatelangen Lockdown über einen Ladezustand verfügen, der nahezu ein Feld der Enthemmung herbeiruft? Und wäre es nicht sinnvoll, sich zu überlegen, wie diesem Zustand Abhilfe geschaffen werden kann? Wäre es nicht eine Frage der Solidarität mit den Jugendlichen, ihnen zu signalisieren, dass das alles nicht so einfach ist und man sich darüber austauschen müsse, wie damit umzugehen sei?

Der Kampf um die Lufthoheit hat, betrachtet man alleine dieses Beispiel, wieder einmal zu keinen guten Ergebnissen geführt. Die mit dem Begriff der Krawallnacht ins Rennen gingen, sind für ein Konzept, mit doppelter oder dreifacher Polizeipräsenz zu antworten. Und sie decken ein Vorgehen, dass in eine Richtung führt, die nahezu schauerlich wirkt: sie lassen überprüfen, ob man das Problem nicht mehrheitlich Immigranten anhängen kann. Die Konterattacke folgte prompt mit dem Begriff der Stammbaumforschung. Und sie saß, trägt aber nicht zur Lösung des Problems bei. 

Beide Positionen haben eine desaströs Richtung. Die eine führt in den Ausbau eines zunehmend im Ansehen gefährdeten Polizeiapparates, der, sollte er nicht imprägniert werden gegen den Rechtsextremismus, dabei ist, die gesellschaftliche Akzeptanz zu verlieren. Die andere in eine kollektive Denunzierung exekutiven Handelns als Nazihandwerk. Erstere wiederum diskreditiert die Befindlichkeit von Jugendlichen, die in irgendwelchen Arbeiterwohnregalen monatelang eingesperrt waren. Sie als kriminelle Zeitbombe zu betrachten, wird sie nicht zurückholen in einen erforderlichen Prozess der zivilen Auseinandersetzung. 

Eines ist sicher: Bleibt es bei der bellizistischen Vorstellung, man müsse mit scharfen Kampfbegriffen die Lufthoheit erobern, werden die Probleme weder richtig beschrieben, noch werden sie gelöst. Und es werden viele Stuttgarts folgen. Die Qualität der gegenwärtigen Diskussion deutet auf eine Spirale hin.

Ein Gruß nach Frankreich!

Bei guten Nachbarn ist es Brauch, sich bei freudigen Ereignissen jenseits der eigenen Schwelle mit Glückwünschen zu erkennen zu geben. Heute, am 14. Juli, da habt Ihr Euren Tag. Den Tag, an dem ein Knast namens Bastille gestürmt wurde. Der war halb leer und die Ausbeute war karg. Das  schien Eurem letzten König so trivial, dass er es in seinem Tagebuch keiner Erwähnung wert fand. Dass er auf der Jagd war, schien ihm wichtiger. Am Abend des 14. Juli 1789 schrieb er den Eintrag: drei Hasen, ein Fasan. Ihr dagegen hattet das Symbol der Unterdrückung geschleift. Das hatte der Mann nicht begriffen. Sein Kopf, so wissen wir, lag dann irgendwann im Weidenkorb. 

Ihr könnt, das wissen wir östlich des Rheins allzu gut, Ihr könnt verzeihen und Gnade walten lassen. Bei uns war ein Napoleon, den viele hier begrüßten und feierten, bei Euch war Hitler, der Euer Herz, Paris, noch zerstören wollte, als alles entschieden war. Wir wissen, dass Ihr verzeihen könnt. Nur, wenn die Dummheit und die Dreistigkeit Überhand nehmen, dann werdet Ihr radikal. Und dann haut Ihr nicht nur auf den Tisch. Dann fließt das Blut in Strömen, wie Euer Kampfslogan, die direkt ins Blut gehende Marseillaise, es beschreibt. Dann gibt es kein Halten mehr. Den kulturlosen Dreisthahn, der in den Suppentopf der Gemeinschaft rotzt, dem zeigt Ihr, wie die Tischsitten sind.

Wenn Ihr heute den 14. Juli feiert, dann habt Ihr andere Sorgen, als Euch an den Taten zu laben, die vor 231 Jahren der gesamten westlichen Zivilisation einen neuen Weg wiesen. Zu viel habt Ihr in den letzten Jahren erlebt, als dass Ihr das beiseite legen könntet. Ihr habt gesehen, wie die von der Revolution geschaffenen Parteien und Institutionen erschöpft und müde wirkten, wie sich Bestechlichkeit und Dekadenz eingeschlichen hatten. Und tief in Eurem Innern, da habt Ihr einen Instinkt, angelegt an jenem Tag an der Bastille, und dieser Instinkt, der treibt Euch umgehend in den Aufstand. Mit dem derzeitigen Präsidenten quittiertet Ihr dem gesamten System Euer Misstrauen und Eueren Überdruss.

Doch was dann kam, Ihr lieben Nachbarn, das kennen wir hier, östlich des Rheins, zur Genüge. Ihr  beauftragtet einen Heilsbringer. Das kennen wir, und wir wissen, das geht nie gut aus. Nun, Ihr habt es selber ausprobiert. Euer Instinkt hat sich früh gemeldet, und bis heute musstet Ihr teuer bezahlen. Aber, dass wisst Ihr, dessen Zeit ist abgelaufen und dann geht Ihr wieder an die Arbeit und baut etwas Neues. Wenn Ihr in Rage seid, und das ist etwas sehr Kostbares, dann seid Ihr nicht nur zerstörerisch, nein, dann werdet Ihr auch immer schöpferisch und schafft etwas, das die Herzen springen lässt. Das, so der Wunsch aus der Nachbarschaft, wird wieder so kommen. Wo die Revolution zu Hause ist, da ist sie nicht zu vertreiben.

Was wir, als Nachbarn, bis jetzt geleistet haben, um Euch, die Ihr den ganzen Kontinent befreit habt, jetzt, in der Stunde der Not, um zu helfen, ist leider furchtbar wenig, wenn nicht gar nichts. Was uns, einmal wieder, die Herzen bricht. Wir wissen das, wir schämen uns dafür. Aber das kennt Ihr von uns. Wir sind Experten in der großen Theorie, wenn es aber ums praktische Leben geht, dann sind wir immer etwas begriffsstutzig. Wir arbeiten daran. Aber habt die Gewissheit, dass wir bei Euch sind. Ihr steht wieder einmal in der ersten Reihe! Und Euer Instinkt, den wir nicht haben, wir Euch vor weiterem Unheil bewahren.

Vive la France! Vive la Révolution!