Archiv für den Monat Juli 2020

Faktizität statt Suggestion und Imperativ

Egon W. Kreutzer. Wo bleibt die Revolution. Die Sollbruchstelle der Macht

Große Verzweiflung macht sich allenthalben breit. Der Zustand speist sich aus der Tatsache, dass altbekannte Ordnungen zerfallen und die vertrauten Erklärungsmuster nicht mehr greifen. Ideologisch genährte Wunschvorstellungen helfen da genauso wenig weiter wie die Verbreitung von Dystopien. Egon W. Kreutzer hat bereits 2014 ein Buch verfasst, das er nun aktualisiert und spezifiziert hat. Unter dem Titel „Wo bleibt die Revolution. Die Sollbruchstelle der Macht“ hat er die aktuellen Phänomene untersucht und dabei einen Ansatz gewählt, der klug und überzeugend einen Ansatz verfolgt, der in Bezug auf die notwendigen Erkenntnisse Erfolg verspricht.

Ausgehend von den Notwendigkeiten einer funktionierenden Volkswirtschaft, die sui generis das Ziel verfolgen muss, durch das wirtschaftliche Agieren allen gesellschaftlichen Kräften die vitalen Funktionen zu sichern und den allgemeinen Wohlstand zu heben, inspiziert er die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die geprägt waren von zunehmendem Einfluss globalisierter Konzerne wie des Finanzsektors innerhalb der EU und im Geflecht einer weltweit vernetzten Ökonomie. Das Fazit ist belegt und eindeutig. Die für eine Volkswirtschaft entscheidenden Faktoren von politischem System, Bevölkerung und Wirtschaft haben sich zuungunsten des politischen Systems wie der Bevölkerung dramatisch verschoben. Das unter dem Aspekt der sozialen Konvergenz verstandene Gemeinwesen unterliegt einem Erosionsprozess, die staatliche Einflussnahme ist strukturell immer weiter eingeschränkt und die soziale Divergenz innerhalb der Bevölkerung ist gestiegen. 

Anhand zahlreicher Beispiele schildert Kreutzer diese Entwicklung und sagt ihr eine Bewegungsrichtung voraus, die unterschiedliche Szenarien zulässt. Die Verarmung großer Teile der Bevölkerung bei mangelnder politisch akzeptierter Programmatik erhöht die Wahrscheinlichkeit anarchischer Eruption, die Demontage des politischen Systems ermöglicht die Privatisierung immer vitalerer staatlicher Funktionen und fortschreitende Zerstörung staatlicher Funktionen könnte vor allem in Europa zum Spielball Dritter werden. 

Es ist die Zeit, sich diesen Tendenzen zu stellen und die Faktoren Staat, Wirtschaft und Bevölkerung im Auge zu behalten. Wer die Marktregulative als natürliche Mächte begreift, die das alles regeln würden, wird den Zerfall nicht verhindern können. Ein weiteres Motiv, das der Erkenntnis im Wege stehen könnte, ist die Grundüberzeugung, aus dem marginalen europäischen Blickwinkel zu glauben, die Rezeptur für eine globale Lösung vor sich hertragen zu können. 

Kreutzers Ausführungen zufolge wäre es klug, sich die als Faktizität präsentierenden Erscheinungen der fundamentalen Krise genau vor Augen zu führen und daraus die richtigen politischen Schlüsse zu ziehen. Die zunehmende exorbitante Staatsverschuldung entzieht der Volkswirtschaft existenzielle Mittel, die systematische, fortgesetzte Senkung des Lohnniveaus gefährdet nicht nur die soziale Kohärenz, sondern sie geht zu Lasten des Binnenmarktes und die ideologisch motivierte Dekonstruktion von Schlüsselindustrien zugunsten von brüchigen Alternativen bewirkt eine weitere Beschädigung der Volkswirtschaft.

Die von Kreutzer dargestellte Entwicklung ist teilweise von den Akteuren des politischen Systems identifiziert worden. Ob diese Erkenntnis aufgrund der konkreten Machtverhältnisse zu praktischem Handeln führen wird, unterliegt aus heutiger Sicht der Spekulation. Aus dem Geschilderten ist die Dramatik nicht von der Hand zu weisen. Dass der Autor bei seinem Titel weder ein Frage- noch ein Ausrufezeichen verwendet, spricht für seinen Realitätssinn. Die glasklare, ja messerscharfe Analyse benötigt weder eine Suggestionsfalle noch einen Imperativ. Sie verlässt sich auf die Faktizität. 

Wer nach einem Erklärungsmuster für die Komplexität eines einzigartigen Ordnungszerfalles sucht, ohne sich dabei durch emotionsgeladenen Ballast ideologischen Wunschdenkens beschweren zu wollen, dem sei das Buch ausdrücklich empfohlen. Lösungsoptionen sind durchaus zu sehen. So widrig diese auch sein mögen.

  • Taschenbuch: 248 Seiten
  • Verlag: BoD – Books on Demand; Auflage: 1 (15. Mai 2020)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3751934219
  • ISBN-13: 978-3751934213

Finanzwirtschaft: Blasen zum letzten Gefecht!

Nordbank, Cum-Ex, Wirecard. So, wie es aussieht, wird etwas, das nicht unbedingt zum anomalen Geschäftsgebaren in der Finanzwelt gehört, in einer Phase, die sich das Sommerloch nennt, medial dazu benutzt, um den Austausch des politischen Personals zu bewirken. Der jüngste, als Skandal titulierte Fall um den vermeintlichen deutschen Digitalprimus Wirecard, soll nun dazu dienen, vor allem Finanzminister Olaf Scholz von der politischen Bühne zu stürzen. Nicht, dass in den drei anfangs genannten Fällen konsequenteres Handeln im Sinne vieler Beobachter gewesen wäre, doch das Skandalöse nun auf eine Figur im Bundeskabinett zu reduzieren, ist eine Finte, die es in sich hat. Sie soll davon ablenken, dass hoch riskantes Spekulieren, systematische Steuerhinterziehung und professionelle Verschleierung zu einem Geschäftsmodell gehören, das längst etabliert ist und sich längst als Wesenszug der Finanzwirtschaft etabliert hat. 

Glaubt man den Ausführungen der Gazetten, in denen sich Schrumpfnaturen unter dem Namen von Analysten austoben, dann hätte ein aufmerksamer Politiker das alles verhindern können. Das ist der Traum, oder auch nur der Irrglaube, der sich in den Köpfen festsetzen soll. Er lenkt ab vom Standard. Und dieser Standard ist das Unglaubliche. Es ist müßig darüber zu spekulieren, wie es hat dazu kommen können. Der Angriff auf staatliches Handeln durch die Finanzwirtschaft hat mittlerweile eine jahrzehntelange Tradition. Dass dieses System nun, in einer weiteren Krise, sich so ausgebreitet hat, dass von einer Balance zwischen dem politischen System und eben jener Wirtschaft nich mehr gesprochen werden kann und sich die eklatanten Unterschiede in den Lebensverhältnissen nicht mehr verbergen lassen, hat zu einer grundlegenden Legitimationskrise des politischen Systems geführt. Überall, wo sich die Finanzwirtschaft in der Ära des Wirtschaftsliberalismus die Pole Position gesichert hat, kommt es zu gewaltsamen Ausbrüchen. Ob in Brasilien, den USA oder in Frankreich: die Bevölkerung hat das Problem erkannt und begehrt auf. 

Auch wenn die Revolten nicht unbedingt von ausgefeilten Programmen und Theorien unterlegt sind und man eher von Aufständen sprechen muss, die auf dem Bauchgefühl basieren – die Dissonanzen sind erkannt. Und es wurde erkannt, dass nun, in einer weiteren Krise, die Finanzwirtschaft zu einem letzten Gefecht bläst. Jetzt noch, so hört man die wie wildesten Hähne der Branche krähen, eine Abschaffung des Bargeldes, oder die Zerstörung der staatlichen Renten- und Krankenversicherungssysteme, und wir wären der Liquidierung koordinierten staatlichen Handelns einen gewaltigen Schritt näher gekommen. Das Ergebnis ist die Auflösung von Gemeinschaft wie Gemeinwohl und die Diktatur der Couponschneider.

Dass sich die Sache zuspitzt, ist auch in den Regierungskreisen angekommen. Glaube niemand, dort wäre nicht bekannt, woher der Hase läuft. Dementsprechend wird jede noch so zaghafte Bemühung, eine vom politischen System ausgehende Initiative zu mehr Kontrolle den medialen Fremdenlegionären zum Fraß vorgeworfen. Es ist also essenziell, sich diese Bewegungen genau anzuschauen. Die Profiteure des Niedergangs von staatlichem Handeln sinnen darauf, alle, die nur das Aroma eines Sinneswandels verbreiten, so schnell wie möglich aus dem Amt zu jagen und durch neue, willfährige Figuren zu ersetzen. 

Dass die Propaganda wirkt, ist täglich zu sehen. Rettungspakete für bereits, das sollte nicht vergessen werden, geschredderte Staaten im Süden Europas stellen den Versuch dar, das Schlimmste an Erosion zu verhindern. Und prompt jodeln die geistigen Zöglinge des Wirtschaftsliberalismus bereits die Weise von den faulen Hallodris im Süden, die zudem korrupt und tückisch sind. Sie seien an Crash-Syndikate wie Nordbank, Cum-Ex-Akteure oder Wirecard erinnert. Sie sind das Übel, um das es geht. Und, noch ein kleiner Tipp: führen Sie bitte ein Journal über die Aufstände, die es dagegen bereits gibt. Sie nehmen zu und sie zeigen, dass der Bauch zuweilen präziser arbeitet als so mancher Kopf.