Archiv für den Monat Juli 2020

Ordnung und Freiheit

Es gibt Wirkungskorrelationen im Leben, die gehören nicht unbedingt zu den Geheimnissen der Gattung Mensch. Und, das ist das Beruhigende, zumeist sind diese Wirkungszusammenhänge sogar so stark, dass sie unterschiedliche Kulturen und Sozialisationsformen überstrahlen. Sie gelten nahezu überall auf der Welt. Und dennoch: was da wirkt, wird immer wieder im Spiel der Macht und der jeweiligen Führung nahezu systematisch verkannt. Und auch diese Verkennung im Alltagsgeschäft von Herrschaft hat etwas Supra-Kulturelles. Die Herrschenden in Ost und West, im Norden wie im Süden scheinen allesamt, je länger sie Ämter innehaben, die Intuition über Fühlen und Denken derer zu verlieren, mit denen sie es zu tun haben. Das sollte bei Konzeptionen für alternative Formen der gesellschaftlichen Geschäftsführung im Gedächtnis bleiben. Genauso wie die schmerzhafte Erkenntnis, dass die Regierten nicht selten die Regierenden dazu drängen, diese so wichtige Intuition zu verlieren oder zu missachten.

Worum geht es? Bei jeder Form der Regierung geht es, wie bei allem andern im Leben, um Zeit und Raum. Eine Regierung verfügt über ein bestimmtes Zeitkontingent, innerhalb dessen sie sehr viel Raum besitzt, um das zu verwirklichen, was sie sich vorgenommen hat. Daran wird sie gemessen. Das Versprechen, ob frei gegeben oder den anderen aufgezwungen, ist das Maß, welches die Regierten anlegen, wenn sie die Herrschaft beurteilen. Haben die Regierenden das erreicht, was sie sich vorgenommen haben? Und wenn ja, inwieweit korreliert das mit den Interessen der einzelnen Individuen und Gruppen? Bei einer Enttäuschung der Mehrheit ist das Urteil relativ leicht gefunden. Geht dieses Spiel lange und bietet sich keine Alternative zu der etablierten Form von Herrschaft, dann beginnen die Regierten nach anderen Optionen zu suchen. Wer unter Druck steht, kann zu unüberlegten Handlungen neigen, was in der Regel von den Regierenden als struktureller Mangel der Regierten diffamiert wird. Auch da wird der Wirkungszusammenhang ausgeblendet.

Eine andere Variante ist die Korrelation von Sicherheit. Ordnung und Freiheit. Der Ruf nach Sicherheit und Ordnung wird immer dann laut, wenn die Zeiten stürmisch sind. Es sind immer die, die etwas zu verlieren haben. Das sind die, die strukturell von dem gesamten System profitieren, es sind aber auch andere, die mit ihrem kleinen individuellen Glück überleben wollen. Letztere seien nicht diskreditiert. Das Wesen des Menschen wird bestimmt von einer grundlegenden Korrelation, die Sicherheit, Ordnung und Freiheit betrifft: Die Akzeptanz von Ordnung korreliert mit dem Grad von Freiheit, der dafür auf dem Spiel steht. Dieser Satz sollte über jedem Gebäude stehen, in dem öffentliche Belange verhandelt werden. Ob es hülfe, weiß man nicht, aber es wäre so etwas wie ein dringlicher Hinweis auf die Geschäftsbedingungen.

Und nun, dieser lapidaren Erkenntnis gewärtig, lehne sich jede und jeder einmal zurück und lasse die Regierungsgeschäfte im eigenen Land und in der eigenen Stadt unter dem Aspekt von Zeit und Raum auf sich wirken. Wurde die Ordnung verbessert? Mussten dafür Freiheiten geopfert werden? Ist die Sicherheit, die von der Ordnung erwartet wird, größer geworden? Hat der Verlust von Freiheit weh getan? Oder anders herum, welche Freiheiten sind hinzugekommen? Und wenn ja, welche sind es?

Sollte die Bilanz so ausfallen, dass die Ordnung immer weiter expandierte und die Freiheit immer weiter zurückgedrängt wurde, dann, das ist sicher, beginnt notwendigerweise die Suche nach einer grundlegenden Alternative. Ob verzweifelt oder nicht. Wenn die Ordnung in alle Lebensritzen dringt, dann meldet sich die Freiheit! 

Immigriertes Unternehmertum

Es ist kein Zufall, dass bestimmte Branchen von Menschen aus einem bestimmten Ethno-Sozio-Milieu beherrscht werden. Daran haben wir uns nicht nur gewöhnt, sondern wir nehmen es kaum noch bewusst wahr. Der italienische Friseur ist normal, zu dem geht auch Tante Milly aus der Nachbarschaft. Genauso wie der Rentner wie selbstverständlich den polnischen Klempner ruft, wenn die Rohre spucken. Die türkischen Müllmänner nehmen die meisten kaum zur Kenntnis, genauso wie die vielen Bulgaren auf dem Bau. Und die Rumänen in der Fleischindustrie wären immer noch die unbekannten Soldaten auf dem tödlichen Arbeitsmarkt, wäre da jetzt nicht die Koinzidenz mit Corona, die den dort lebenden Deutschen den Urlaub versaut, während sie hinter Zäunen gehalten werden, die inklusive der Behausungen an eine antiquierte Diktatur erinnern. Nicht erwähnt sind die verschiedenen Zweige der Gastronomie. Dort treffen wir auf die ganze Buntheit unseres Planeten und die Konsumenten schätzen es. Dass diese Betriebe zumeist nach dem Familien- oder Clan-Modell geführt werden, macht sie ökonomisch robust und verschafft ihnen einen gewissen Vorteil gegenüber allen, die sich auf reinen Vertragsverhältnissen bewegen oder bewegen müssen. 

Was oft in Vergessenheit gerät, ist die Geschichte dieser längst etablierten Branchen in der mehr oder weniger dominanten Hand bestimmter Ethnien. Denn so lustig war das für die Pioniere nicht. Die ersten italienischen Frisöre hatten zunächst nur italienisches Publikum und viele Deutsche in den 1960iger Jahren kolportierten mit schauriger Wonne, dort bekäme man bei der Rasur eiskalt die Kehle durchgeschnitten. Bei den Tätigkeiten, die mit schwerer körperlicher Arbeit zu tun hatten, da war man hierzulande nicht so picky, wer den Müll abholte oder in die Bergwerke einfuhr, der sollte nur still sein, dann war alles gut. Die kolportierten Ressentiments hingegen zogen sich durch jede Generation neuer Angebote. Die Chinesen verarbeiteten Ratten, die Türken benutzten Gammelfleisch, die Griechen verwursteten alte Esel und Ziegen und bei den Anbietern aus dem Nahen Osten wie überall sonst auch war die Hygiene immer ein Thema. 

Die Geschichte von einer gesicherten Monokultur direkt nach dem II. Weltkrieg ist in Bezug auf die Heterogenisierung der Gesellschaft interessant wie spannend. Für diejenigen, die als Erste den Schritt wagten, aus einem erwarteten Arbeitssklaven ins freie Unternehmertum zu treten, waren es harte Zeiten, in denen ihnen Hass und Skepsis entgegenschlugen. Das Erstaunliche bei gerade dieser Entwicklung ist jedoch, dass ausgerechnet beim rassischen oder kulturellen Ressentiment der Markt, in dem Angebot und Nachfrage das Paradigma ausmachen, vieles geregelt wurde. Niemand – halt, manche doch! – sehnt sich nach Zeiten der Monokultur zurück. Vieles ist etabliert und hat die Gesellschaft bereichert, auch wenn eine Betrachtung leider immer unterblieb: ganz unten, wo im wahren Sinne des Wortes die Schweinearbeiten erledigt werden, da waren und sind schlecht bezahlte Gäste immer willkommen.

Und es scheint zu den Gesetzen dessen zu gehören, was so gerne Integration genannt wird, dass, wenn entweder ein neues immigriertes Segment in neue Branchen vordringt oder in alten eine neue Stufe der Exklusivität erreicht, dass das Geschrei wie beim ersten Mal sehr groß ist und der ganze Tross von Ressentiments polternd durchs Dorf fährt. Dann wird nach den deutschen Tugenden gerufen und den deutschen Bedürfnissen, die, sollten die Fremden das Genre übernehmen, unter den Tisch fielen und nicht mehr befriedigt werden. 

Aber das regelt der Markt. Die Angebote werden genutzt und geschätzt. Warum? Weil sie den Nerv treffen. Das ärgert die dilettantischen Kauleute, die schon immer hier waren.