Archiv für den Monat Juni 2020

Frankreich und die USA: systemisch-siamesisch

Zur Erinnerung: Benjamin Franklin weilte in Paris und suchte als Emissär des nordamerikanischen Unabhängigkeitsprojektes das Ancién Regime davon zu überzeugen, dass es von Vorteil sei, eben diesen Kampf gegen England zu unterstützen. Und als der letzte, traurige Kaiser noch zweifelte, war es der Opernlibrettist Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, der im französischen Adel fleißig Geld sammelte für die Bewaffnung des neuen Amerika. Viele ließen sich nicht lumpen, manche aus Freiheitsliebe, andere aus Ranküne gegen den Erzrivalen England. Und als die ersten Schiffe, vollgepackt mit Waffen, Frankreichs Häfen verließen, war auch so manch ein junger adeliger Idealist mit dabei. Einer von ihnen hieß Lafayette, reüssierte im Befreiungskrieg gegen England in der neuen Welt zu einem großen Feldherrn und kehrte mit seiner Erfahrung zurück in die Heimat, wo er der jungen Revolution tüchtig helfen konnte. Heute trägt eine Kaufhauskette seinen Namen, vielleicht die beste Metapher dafür, was aus einer revolutionären Idee so werden kann. 

Die Franzosen, die der später siegreichen bürgerlichen Republik, dankten letztendlich den Vereinigten Staaten für das beiden Seiten nützliche Bündnis mit einer gigantischen Statue, deklariert als Geschenk des französischen Volkes an die Vereinigten Staaten von Amerika. La Liberté, die heute im Eingang des New Yorker Hafens gen Osten blickt und auf ihrem Sockel alle Unglücklichen, Unterdrückten und Beladenen dazu einlädt, im freien Amerika ihr Glück zu suchen. Das kleine Vorbild der Liberté  ist heute noch zu besichtigen im Musée des arts et métiers und vier Repliken sind über Paris verteilt.

Die Verbundenheit, die sich aus dieser gewichtigen Episode der Geschichte ergab, wird vor allem östlich des Rheins oft unterschätzt. Das wohl gravierendste Dokument ist die Analogie in der verfassungsmäßigen starken Stellung des Präsidenten. Die USA wie Frankreich sind präsidentielle Demokratien, wenn auch der Zentralismus in Frankreich dominiert, während er in den USA, dem historischen Vorbild, starke Grenzen durch die Souveränität der Bundesstaaten erfahren hat.

Ein Sprung in die Jetzt-Zeit zeigt, wie nah doch so manches noch ist. Der gegenwärtige Präsident Donald Trump wurde im Dezember 2016 zum 48. Präsidenten der USA gewählt und er gilt als ein Affront gegen das gesamte politische Establishment. Obwohl zähneknirschend von vielen Republikanern mitgetragen, steht der Name Trump für die Bankrotterklärung des traditionellen Zweiparteiensystems. Was Trump seither betreibt, ist eine aggressive Politik nach innen und außen. Vom ersten Tag an ging es Trump um Macht und Gewinn, um die absolute Herrschaft derer, die die Geldströme beherrschen. Die jüngsten Ereignisse um die Erhebung großer Teile der Bevölkerung gegen die zunehmende Spaltung und Ungerechtigkeit der Gesellschaft haben auch in der hiesigen Gesellschaft Wellen geschlagen und die Empörung ist groß.

Der jetzige Präsident Macron war, bei seinem Erscheinen auf der politischen Bühne, das personifizierte Misstrauensvotum gegen das traditionelle Parteiensystem. Mit seiner Bewegung En Marche hebelte Macron das ganze System aus und gewann die Wahlen mit einem Ensemble aus politischen Laien im Mai 2017 mit 66,1 Prozent. Was jedoch als ein großes Reformversprechen begann, hat sich in einen rücksichtslosen Krieg gegen große Teile der Bevölkerung gekehrt. Der entfesselte Wirtschaftsliberalismus scheint mit Macron sein letztes Battalion mobilisiert zu haben, um eine die totalitäre Herrschaft von Gewinn und Rendite, sprich die Kapitaldiktatur, zu errichten. Seit mehr als einem Jahr herrscht Krieg auf Frankreichs Straßen, Menschen werden brutal durch bewaffnete Polizeikräfte zusammengeschlagen oder getötet. Obwohl letzteres in unmittelbarer Nachbarschaft geschieht, sind die Reaktionen hierzulande kaum wahrnehmbar.

In den USA wie in Frankreich geht es um den gewaltsamen Umbau des jeweiligen Staates in eine Herrschaft von Willkür und Terror. In beiden Ländern haben sich große Menschenmengen erhoben, um diesem unumwundenen Vorhaben etwas entgegenzusetzen. Frankreich und die USA weisen wieder einmal eine systemisch-siamesische Analogie auf. Was sagt es aus, wenn in den beiden  Pionierstaaten der bürgerlichen Revolution gegen die eigene Bevölkerung mit martialischen Mitteln vorgegangen wird und sie die Aura diktatorischer Verhältnisse verbreiten? Es sind dramatische Zeiten, in denen der Atem still steht. „I can ´t breathe“ ist, ungewollt und tragisch, die richtige Metapher. Liegt die bürgerliche Gesellschaft in ihren letzten Zügen?

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin. Memoiren eines Revolutionärs. Zweiter Band

Der zweite Teil von Kropotkins Memoiren beginnt mit seiner Rückkehr von einem mehrjährigen, selbst gewählten Aufenthalt aus Sibirien. Als er, immer noch ein junger Offizier mit guten Karriereaussichten im Sankt Petersburg der 1860iger ankommt, stellt er sehr schnell fest, dass die zarten Reformansätze, die bei seiner Abreise wegen der formellen Abschaffung der Leibeigenschaft noch vorherrschte, verflogen war wie der Frühlingswind und eine düstere Atmosphäre der politischen Reaktion herrschte. Obwohl Kropotkin die Entscheidung, den Militärdienst zu quittieren, um eine Wissenschaftslaufbahn einzuschlagen, bereits getroffen hatte, so wurde sie durch die politischen Umstände noch bekräftigt.

In der darauffolgenden Zeit dominierten das Studium der Naturwissenschaften ebenso wie eine gezielte Politisierung. Dabei spielten zwei Begriffe, die damit zusammenhingen, eine große Rolle. Zum einen die Semstwos, auf dem Land gebildete Selbstverwaltungsorgane, die für die Entwicklung nach der Befreiung von der Leibeigenschaft gedacht waren und die Selbstorganisation und Selbstbestimmung auf dem Land zum Ziel hatten. Und zum anderen die Narodniki, die Volksfreunde, eine Bewegung, in der sich viele Menschen aus den gebildeten Schichten versammelten, um die Befreiung der Bauern und ihre Organisation in den Semstwos zu unterstützen.  

Dass Kropotkin sich dort engagierte, war für ihn folgerichtig, führte jedoch auch zu einem Leben, das einen illegalen Teil hatte. Nach einer Reise in den Westen, genauer gesagt die Schweiz, wo er die politischen Kräfte der Sozialistischen Internationale traf und studieren konnte, wurden die politischen Anschauungen in Bezug auf einen Systemwechsel gefestigt und gleichzeitig der Blick des zaristischem Geheimdienstes auf ihn geschärft. Nach seiner Rückkehr nach Stankt Petersburg dauerte es nicht lange bis zur Festnahme und er wurde ohne Prozess inhaftiert. Es folgte die berüchtigte Peter und Pauls Festung. Nach zwei Jahren floh er über Schweden nach England. Es folgten Exilaufenthalte in Frankreich, der Schweiz, Belgien und wieder England. 

In dieser Zeit, auf die Kropotkin in den Memoiren von der Warte des gerade begonnenen 20. Jahrhunderts zurückblickt, spielen vor allem seine praktische politische Betätigung und die damit einhergehende Theoriebildung eine entscheidende Rolle. Kropotkin sieht die Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung in einen Flügel, der auf die Eroberung der Staatsmacht und den Zentralismus politischer Interventionen setzt und den anderen, anarchistischen, der von der ruralen und munizipalen Selbstorganisation ausgeht, für den er sich entscheidet. 

Die Leserschaft erfährt, aus welchen Motiven die Schriften stammen, die mit ihm bis heute identifiziert werden: Die Eroberung des Brotes; Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt; Die große französische Revolution… Und Kropotkin berichtet über die Zeitung, deren Mitherausgeber er war und die eine zunehmend große Rolle jener Zeit spielen sollte: Le Révolté.

Dass seine Aktivitäten in der seit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 auch in Westeuropa vorherrschenden reaktionären Atmosphäre wieder Geheimdienste und Spitzel auf den Plan riefen, scheint folgerichtig. Diesmal verbüßte Kropotkin wegen nicht bewiesener, aber unterstellter terroristischer Aktivitäten eine mehrjährige Haftstrafe in Frankreich, als deren Fazit – da scheinen die Fähigkeiten des Wissenschaftlers durch – ganz nebenbei eine Soziologie des Strafvollzugs in der bürgerlichen Gesellschaft ebenso entstehen wie ein Sozio- und Psychogramm des Spitzels und Geheimagenten. 

Die Memoiren Teil II sind spannend zu lesen und sie geben einen guten Einblick in die Entstehungsgeschichte des politischen Anarchismus jener Zeit. Die Lektüre sei allen empfohlen, die sich ein Bild darüber und über die russische Gesellschaft im 19. Jahrhundert machen wollen. Es wird Sie bereichern und dabei helfen, das holprige Deutsch der Übersetzung zu verzeihen.