Archiv für den Monat Juni 2020

Struktur und Konjunktur

Oft liegt die Wahrheit unter Schichten des Scheins. Da gelten bestimmte Tageserscheinungen als Ursache für etwas, das tiefer liegt und schon seit langem vor sich hin mäandert. Und, als sei das Tägliche das Wirkliche, stürzen sich alle auf die Lösung eines Problems, das allerdings nicht mit den Mitteln, die vielleicht der Tageserscheinung entsprächen, zu lösen ist. Das Phänomen ist uns allen bekannt. Wir selbst sind nicht selten dankbar für den profanen Vorwand, wenn das Tiefe, Systemische uns allzu mühselig erscheint und wir es gerne mit etwas Kosmetik belassen würden. Manchmal wirkt es so, als seien Menschen und gute Pferde doch nicht so unähnlich: In der freien Natur vermeiden sie Hindernisse, wenn es möglich ist. 

Die Corona-Krise, nennen wir die Zeit jetzt einmal so, in der wir uns befinden, ist ein solcher Anlass, um vieles, was jetzt unternommen wird, mit der profanen Erscheinung zu begründen. Die Lektüre des Wirtschaftsteils vieler Tagespublikationen verleitet zu dem Glauben, die Welt sei bis Mitte März 2020 völlig in Ordnung gewesen. In der Automobilproduktion, im Maschinenbau, in den Zuliefererbetrieben, in der Gastronomie, bei den vielen kreativen Start-ups etc.: Und dann kam der pandemische Sensenmann und hat vieles gnadenlos rasiert. Alles, was auf dem Feld der Wirtschaft im Moment geschieht, wird mit der Corona-Krise begründet. Aber, die Meinung sei erlaubt, das meiste von dem, was jetzt unternommen wird, war aus Sicht der Akteure bereits seit langer Zeit erforderlich, geplant und erdacht. Und, nicht alles, was jetzt geschieht, entspricht den tatsächlichen Erfordernissen.

So wären die Rationalisierungen, die einher gehen mit dem Verlust zahlreicher Arbeitsplätze, in ihrer Radikalität ohne die Corona-Krise kaum durchsetzbar gewesen. Dass sie teilweise kurios eingebettet sind, wie der Kahlschlag von 22.000 Arbeitsplätzen bei der Lufthansa, nach der Prolongierung der Unternehmenstätigkeit durch eine 9-Milliarden-Subvention, gehört zum Geschäft. Verschiedene Branchen werden schrumpfen, um im Kampf der internationalen Konkurrenz unter den gegebenen Vorzeichen bestehen zu können, und es werden unzählige Arbeitsplätze verloren gehen. Die erneute Erfahrung möge der Erkenntnis Gewicht verleihen, dass es bei der kapitalistischen Wirtschaft nicht um Arbeitsplätze geht. 

Eine andere, im Gegensatz dazu für die Protagonisten fatale Fehlleitung, liegt jedoch woanders. Sie ist so gravierend, dass sie das Schiff des Exportweltmeisters mit einer nur den Unwissenden eigenen Nonchalance Kurs auf den Eisberg nehmen lässt. Denn bis in die höchsten Etagen bestimmter, etablierter Branchen, allen voran der Automobilindustrie, glaubt man, es handele sich bei der momentanen Lage um eine konjunkturelle Krise. Sie sei, so denken die seit Jahrzehnten im Überfluss Erlahmten, der amerikanische Protektionismus und die daraus resultierenden Zollschranken in aller Welt dafür verantwortlich, dass sie ihre Produkte nicht mehr so verkauften wie sie es gewohnt sind. Aber, so die Denkweise, es kommt auch wieder ein konjunktureller Aufschwung. Jede Subvention, das sei gesagt, die auf dieser Annahme basiert, ist die Verbrennung hart erworbener Steuergelder.

Was in vielen Bereichen nun mit Corona begründet, beschrieben und geschminkt wird, ist eine strukturelle Krise, die im wesentlichen zwei Seiten hat. Einerseits handelt es sich dabei um technologische Defizite, wie sie gerade in der Automobilindustrie sichtbar werden. Da wurde die nächste Stufe nach dem Verbrenner schlichtweg verschlafen. Das Fatale ist, dass man nun der E-Technologie hinterherläuft, anstatt sich auf die nächste Stufe, die Brennstoffzelle,  zu konzentrieren. Fehleinschätzungen, die Werte in Dimensionen vernichten, mit denen sich andere, etwas kleinere Staaten, gut administrieren ließen. 

Andererseits zeigt sich, dass die alte, zentralistische, monopolistische, dirigistische Form der Staats- wie der Unternehmensorganisation in Übergröße längst ihren Zenit überschritten hat. Stärkere Autarkie wie Autonomie kleiner Einheiten werden in neuen, kybernetisch zu designenden Modellen vernetzt werden müssen. Die Zeiten des einsamen Kapitäns auf der Brücke, bei dem Macht und Entscheidung deckungsgleich sind, ist vorbei. 

Da verwundert es nicht, wenn die Vertreter eines bereits als historisch zu bezeichnenden Anachronismus Strukturprobleme als konjunkturelle Erscheinungen deuten. 

Brasilianischer Totentanz

Die Chancen, in Brasilien an einem frühzeitigen Tod zu sterben, standen nie schlecht. Dank einer Kette politischer Ereignisse sind sie jedoch dramatisch gestiegen. Wer sich ein Bild darüber machen will, was die Macht des Westens anzurichten vermag, wenn er vor Ort die richtigen Kompagnons findet, illustriert dieses Land. Es stellt sich die Frage, ob Brasilien es jemals geschafft hat, sich aus der kolonialen Abhängigkeit zu befreien. Die weißen Nachkommen der europäischen Kolonisten standen schnell in regem Verkehr mit den USA, wenn man so will, die natürliche Nachfolge des niedergegangenen romanischen wie angelsächsischen Kolonialismus. Sowohl die Ureinwohner des großen brasilianischen Areals wie die aus Afrika herbeigeschafften Arbeitssklaven, die übrigens das Zehnfache derer ausmachten, die in die USA verschleppt wurden, förderten Reichtum gewaltigen Ausmaßes ans Tageslicht, von dem bis heute ihre jeweiligen Nachkommen nichts gesehen haben. 

Historische Parallelen sind immer ein beredsames Indiz für Strukturen, die sich gehalten haben. In Brasilien ist es die Affinität zu den jeweils herrschenden Kreisen in den USA und die wiederholte Übernahme eines vom amerikanischen Geheimdienst entwickelten Systems des Regime Change. Ende der Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts funktionierte es genauso wie heute. In der Regel wird der politisch als gefährlich eingestufte Gegenseite, was zumeist die Linke ist, ein Putschplan unterstellt oder, wenn die sich durch gezielte Provokationen nicht hinreißen lässt, ein fingierter Putsch von Schachfiguren inszeniert, die dann durch das Militär liquidiert und als Opfer der Linken deklariert werden. Letzteres übernahm die Macht und sorgte dafür, dass Gold, Holz und Fleisch in ausreichendem Maße gefunden, gefällt und produziert wurde, um das Land dann so schnell wie möglich zu verlassen, ohne dass die eigene Bevölkerung etwas davon gehabt hätte.

Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt das Duplikat. Durch demokratische Wahlen hatten es ein linker Gewerkschafter und eine Widerstandskämpferin bis ins Präsidentenamt geschafft. Beide wollten die Verhältnisse nachhaltig zugunsten der eigenen Bevölkerung ändern. In beiden Fällen folgte kein Militärputsch, sondern eine von einer korrupten Justiz formulierte Anklage wegen Korruption und Vetternwirtschaft. In beiden Fällen wurden die demokratisch Legitimierten aus dem Amt gejagt, und in beiden Fällen stellte sich schon bald danach heraus, dass Anklagen wie Verurteilungen absurd waren. 

Doch konnte die Stimmungslage in dieser Zeit dazu genutzt werden, einem populistischen Kandidaten eine Mehrheit zu verschaffen, der sich recht unverfroren als Bestattungsunternehmer des Landes beworben hatte. Seit er im Amt ist, gibt es kein Halten mehr und die Art der Amtsführung ist wie eine zeitgenössische Inszenierung des historischen Kolonialismus. Der Regenwald wird abgeholzt und fortgeschafft, alles wird Weideland oder, wo möglich, wird nach Edelmetallen geschürft, Umweltgesetze wurden außer Kraft gesetzt, genauso wie tariflich durchgesetzte Bezahlung und Arbeitsschutz, eine Militarisierung des Staates schreitet voran, der Einsatz von Gewalt gegen Andersdenkende ist zur Regel geworden. Wer in diesem Kontext auf den Gedanken kommt, die Blaupause hierfür sei einige tausend Kilometer nördlich zu beobachten, liegt nicht ganz falsch.  

Konkret, wie bei einem Brandbeschleuniger, illustriert das Management der Corona-Epidemie sowohl in den USA wie in Brasilien, dass die ethische Abwägung staatlichen Handelns keinerlei Verwässerungen unterliegt. Alles, was Gewinn und Rendite schadet, wird vermieden, es herrscht das privatwirtschaftliche Kalkül in absoluter Form, jede volkswirtschaftliche Erörterung wird als kommunistisches Umsturzansinnen verleumdet und verfolgt. 

In den USA hat ein alltäglicher Übergriff gereicht, um die soziale Schieflage durch Massenproteste zumindest wieder ins Bewusstsein zu bringen. In Brasilien, das unter atemberaubenden Infektionszahlen leidet, hat der Präsident angeordnet, diese nicht mehr zu veröffentlichen. Der brasilianische Totentanz ist in vollem Gange. Dem Rest der Welt kann, aufgrund der Wirkung des Musters, wie der ökonomischen und ökologischen Dimension, dieses infernalische Treiben nicht gleichgültig sein.