Archiv für den Monat Mai 2020
Was die deutsche Automobilindustrie und die USA gemein haben
Immer, wenn die großen Linien der Geschichte zu wirken beginnen, ist das als Ergebnis langer, vorbereitender Phasen zu sehen. Nichts, was die Welt bewegt, geschieht plötzlich und ohne Vorboten. Ob die Vorboten gesehen werden, oder ob sie gar gesehen werden sollen, steht auf einem anderen Blatt. Der Status Quo und seine Anhängerschaft sind, so er ein guter und bequemer ist, selten an Veränderung interessiert. Sicher ist auch, dass das „gute Leben“ den Drang nach Veränderung massiv schwächt. Und dann, für die Gesättigten, die sich so schön und so lange in ihrem Wohlstand gesonnt haben, kommt, wie aus heiterem Himmel ein Nebenbuhler, der alles abspenstig macht. Dann ist die gute Laune dahin. Absurd ist die Version der Erklärung, die alles Böse dem Neuen zuweist und die eigene Existenz und ihr Wesen bei aller Kritik außen vor lässt. Das ist dann sehr dürftig. Aber selbst die großen Reiche der Geschichte sind, als es zu Ende ging, nicht vor einem unwürdigen Spektakel bewahrt worden. Daher ist etwas dran, wenn distinguierte Leute davon sprechen, die Geschichte sei die beste dramatische Regisseurin.
Derzeit sind es zwei Domänen, die sich als in ihrer historischen Rolle als überlebt erweisen. Auf der Mikroebene ist es die Automobilindustrie, vor allem die deutsche. Auch sie hat auf das gesetzt, was gefühlt ewig den Status im Weltvergleich sicherte, auch sie hat sich neuen Denkweisen und Trends im Stadium maximaler Sättigung massiv widersetzt. Und selbst jetzt, in der ökonomischen Krise, sucht sie nicht nach innovativen Strategien in der eigenen Branche, sondern sie ruft nach Subventionen vom Staat, um die alten Wege weiter beschreiten zu können und argumentiert mit der eigenen Systemrelevanz. Das hat, wenn man die vielen Arbeitsplätze, die in der Branche auf dem Spiel stehen im Blick hat, etwas von Nötigung, aber dafür ist das Metier bekannt. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Erinnert sich noch irgendwer an dieses berühmte Zitat?
Und auf der Makroebene, in globalem Maßstab, sind es die USA, die seit einiger Zeit mächtig ins Schlingern geraten sind. Ihr Modell als Halle aller Orgien des Wirtschaftsliberalismus bei gleichzeitigem Zugriff auf die Ressourcen dieser Welt hat sich als eine kollektive Bedrohung der Menschheit erwiesen. Von dem einstigen Glanz, den die amerikanische Revolution nach Europa und in den Rest der Welt ausstrahlte und der das Jahrhundert des amerikanischen Imperiums begründet hatte, ist nahezu nichts mehr geblieben. Das Zitat auf der Freiheitsstatue, das den Müden und Entrechteten eine Herberge verspricht, ist angesichts der Verfrachtung der vielen Armen und Entrechteten in anonyme Massengräber, nicht weit von dieser Statue entfernt, nur noch ein Dokument absurder Verkehrung. Und ein Präsident, dem nichts anderes mehr einfällt, als jeden Tag ein neues Feindbild zu schaffen und jeden zweiten Tag Sanktionen gegen vermeintliche oder reale Gegenspieler zu verhängen, ist eine Signatur des Niedergangs.
Wenn die großen Linien zu wirken beginnen, ist es sinnvoll, sich anzusehen, was in den letzten dreißig, vierzig, fünfzig Jahren geschehen ist. Und da steht das, was plötzlich, übrigens diesseits wie jenseits des Atlantiks als Ursache für das drohende Unglück angesehen wird. China, das aufstrebende Imperium, wird für alles verantwortlich gemacht, was im Rausch des Wohlstands verbeutelt worden ist. Ohne eine Skepsis für dieses neue Imperium pauschal zurückweisen zu wollen, denn, wie bei allen Imperien, hat wachsende Macht auch immer etwas mit wachsender Unterdrückung zu tun – als Erklärung für den Verlauf der großen historischen Linie ist diese Sichtweise doch etwas armselig.
Futur II und strategische Kompetenz
Die Verhältnisse werden sich im wesentlichen in der Form, in der sie vorher existiert hatten, stabilisiert gehabt haben. Viele Menschen, die darauf gehofft hatten, dass sich Grundlegendes an ihren Lebensverhältnissen änderten, werden demoralisiert gewesen sein. Es wird eine Depression stattgefunden gehabt haben, in der die ökonomische Verheerung die kleinere gewesen sein wird. Die Demoralisierung der großen Masse der Bevölkerung wird zu einer entsetzlich gewirkt habenden Haltung geführt gehabt haben, die exakt die Kräfte bestärkt gehabt haben wird, die ursächlich verantwortlich für die Krise betrachtet worden waren.
Kennen sie die Methode? Es ist ein Denkspiel, zu dem uns die deutsche Sprache befähigt. Es handelt sich um eine selten angewendete grammatische Form, die Futur II genannt wird. Nicht jeder beherrscht sie, und vielleicht sind in dem ersten Absatz sogar Nachweise des Fehlerhaften zu finden. Worauf es jetzt ankommt, ist die Möglichkeit, sich mit einer Denkweise vertraut zu machen, die weiterhelfen kann. Es geht schlicht um den Versuch, sich in eine fernere Zukunft zu versetzen, um eine nähere Zukunft zu betrachten. Man versetzt sich z.B. ins Jahr 2035, um zu betrachten, was von jetzt an bis 2030 geschehen ist. Es geht um eine Handlung, die zwar vor uns liegt, die aber bereits in der Zukunft abgeschlossen ist. Das Vorgehen ermöglicht uns, Wünsche, Vorstellungen und Hoffnungen über die Entwicklung in der Zukunft einmal auf ihre Wahrscheinlichkeit und Wirkung durchzuspielen.
Eine Erkenntnis, die sich bei diesem Vorgehen relativ schnell durchsetzt, ist die Tatsache, dass die bloße Verneinung dessen, was existiert, genauso wenig hilft wie die Nennung von strukturellen Maßnahmen. Nur zu rufen „Keine NATO!“ sagt noch gar nichts aus über die Frage, ob es Streitkräfte zur eigenen Landesverteidigung geben muss und wenn ja, wie diese beschaffen sein müssen, d.h. welche Waffengattungen, welches Personal und welches Organisationsprinzip erforderlich wäre und welche Art von Bündnis dafür nötig sein würde. Genauso wenig hilft es, nach der Verstaatlichung von Banken zu rufen, wenn nicht definiert wird, welche Leistungen und Wirkungen auf die volkswirtschaftliche Entwicklung von ihnen erwartet werden. Futur II als Methode der politischen Voraussicht erfordert die Beschreibung von politischen, sozialen, psychologischen und kulturellen Qualitäten.
Jede und jeder, die oder der es versucht, wird schnell feststellen, wie schwierig das ist. Wir sind dieses Vorgehen schlichtweg nicht gewohnt. Die Konsequenz daraus, sofern man sich davon überzeugen konnte, dass es dabei helfen kann, aus einer Phase der Analyse, der Enthüllung und der Entrüstung in eine der konkret gestaltbaren Politik kommen zu können, ist die Übung. Felder, auf die heute, in der Krise, mit dem Wunsch auf Veränderung geschaut werden, gibt es viele: Ökologie, Wirtschaft, Bildung, Infrastruktur, Technologie, Steuerung und Besteuerung, staatliches Handeln, Verteidigung. Es gilt, die einzelnen Felder zu bearbeiten und mit der Methode den Zustand, die Qualität zu beschreiben, die erstrebenswert ist.
Jenseits der regierungsamtlichen Kommunikation und dem medialen Mainstream, der sich in der Hand von 5 Eigentümern befindet, hat sich in der virtuellen Welt neben einer sich in der Hysterie manifestierenden Blase eine durchaus ernst zu nehmende Welt gebildet, die als kritische und analytische Kompetenz bezeichnet werden kann. Ihr kommt es jetzt zu, an der Entwicklung einer strategischen Kompetenz zu arbeiten, die die politische Zielrichtung erlebbar macht und veranschaulicht. Andernfalls wird es bei Abstraktionen bleiben, die nicht in der Lage sind, Menschen zu mobilisieren.
Das eingangs düstere Krisenszenario wird, um bei der „politischen“ Form des Futur II zu bleiben, auch einen positiven Ausgang gehabt haben können, wenn es gelungen gewesen sein wird, die strategische Kompetenz herauszubilden. Darum scheint es jetzt zu gehen. Die Analyse wird bleiben, doch die Energien aus den prall gefüllten Zorndepots müssen nun für den Prozess der Gestaltung genutzt werden. Alle sind eingeladen, die neuen Wege zu beschreiben!

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