Archiv für den Monat Mai 2020

Nachhaltigkeit? Volle Läden und kein Geld!

Mal ehrlich, zu welchem Urteil muss man kommen, wenn ein großes und mächtiges System nach einer zweimonatigen Krise von einer existenziellen Bedrohung spricht? Merkwürdig, in einer Zeit, in der bei keiner Planung, bei keiner qualitativen Bewertung und bei keinem Werbeslogan der Terminus der Nachhaltigkeit fehlen darf, wird nun von dem drohenden Tod durch den Lockdown gesprochen. Bei der Wirtschaft wie bei Institutionen, bei den vielen kleinen Organisationen und bei den Millionen Individuen, die sich irgendwie so durchgeschlagen. Bei letzteren, die auch immer wieder einmal unter dem ekelerregenden, arroganten und verunglimpfenden Begriff des Prekariats figurieren, bei ihnen wussten immer alle, dass ihre Existenz mit Nachhaltigkeit nichts zu tun hatte. Das hat die neuen, ökologisch getunten Eliten nie interessiert. Wahrscheinlich, so sei die zynische Deutung erlaubt, um sich den schönsten Knall bis zum Schluss aufzuheben. Doch das steht auf einem anderen Blatt.

Jetzt, nach zwei Monaten, wo die Produktion wieder hochgefahren wird und die Läden wieder öffnen, tönt es von überall her, wie schwer es alle getroffen hat. Nicht, dass das in Abrede gestellt werden sollte! Denn viele hat es wirklich hart getroffen. Das, was in der ökonomischen Betrachtung als Kosten bezeichnet wird, sind die Faktoren von Hilfe, die man braucht, um etwas zu bezwecken, die man aber selbst nicht hat. Folglich muss man sich diese Leistung kaufen. Und wenn diese Leistungen in der Stellung toter Gegenstände wie einem Laden, einer Fläche oder einer Grundversorgung mit Energie oder mit Instandhaltung zu tun hat, dann muss auch dafür bezahlt werden, wenn die Menschen, die das normalerweise in Anspruch nehmen, zuhause bleiben und gar nicht erscheinen. 

Es war zu hören, dass es Hausbesitzer gab, die darauf verzichteten, von der Evelyn mit ihrem Frisiersalon die Miete trotz des Lockdowns einzufordern. Ganz im Gegenteil: sie stundeten oder  erließen gar die Forderungen, weil man sich seit Jahren gut kennt und immer gut verstanden hat. Und es gab Kunden, die bei den Händlern oder Dienstleistern, mit denen sie seit langer Zeit verkehrten, gegen Cash Gutscheine kauften, die auf die Zukunft wirken. Das sind übrigens die schönen Geschichten der Krise, die jedoch im kollektiven Katastrophenmasochismus zumeist untergingen.

Für alles jedoch, was in großem Rahmen und anonym, d.h. von Gesellschaften ohne Geruch und Gesicht verhandelt wird, gilt das nicht. Dort liefen die Kosten weiter, und das bei ausbleibenden Verkäufen. Das ist bitter. Und dass aus diesen Sphären jetzt nach dem Staat gerufen wird, ist eingeübt. Denn wenn es defizitär wird, fordert man dort den Staat, wenn die Geschäfte gut laufen, dann pocht man aufs Private. Und jetzt, in diesem Augenblick, ist zu beobachten, dass in diesen Branchen die Gelegenheit genutzt wird, um in großem Umfang zu rationalisieren. Das ist einerseits klug, andererseits sozial verhängnisvoll, weil es Arbeitsplätze kosten wird. Fluglinien und Kaufhausketten sind bereits ausgerufen, Produktionsstätten werden folgen.

Was, bei allem Respekt gegenüber dem Komplexen, stutzig machen sollte, ist die Tatsache, dass trotz des weltweiten Stillstandes des wirtschaftlichen Treibens kein einziger Mensch nicht versorgt werden konnte, zumindest nicht wegen fehlender Kapazitäten. Höchstens wegen fehlender Liquidität der Betroffenen. D.h. die Welt verfügt über ein immenses Depot an Waren und Leistungen, was fehlt, ist die Liquidität bei einer immensen Zahl von Menschen, die einen Teil dieser Leistungen und Waren brauchten. Volle Läden und kein Geld! Das ist etwas, das an der Verteilung und Verfügbarkeit nicht stimmt. Und wenn alles, was zur Herstellung dieser Leistungen und Waren erforderlich ist, mit einer Nadel genäht ist, die bereits nach zwei Monaten verglüht, dann ist es höchste Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie diesem Affront gegen die Nachhaltigkeit begegnet werden kann.

 

Coronoia

Suum cuique. Jedem das Seine. Jeder das Ihre. Seit einiger Zeit könnte noch eine andere Variante hinzukommen. Allen das Irre. Ja, seit Corona hat sich die Welt verändert. Genau genommen, hierzulande seit zwei vollen Monaten. Seitdem sitzen viele zuhause und inhalieren nicht das Virus, aber die täglichen Journale, Reports, Kommentare und Glossen. Je länger der Prozess dauert und je erfolgreicher der Versuch wurde, die Ausbreitung des Virus den hiesigen Krankenhauskapazitäten anzupassen, desto wirrer wurden die Reaktionen und Statements, die überall zu lesen und zu hören waren. Und wer wollte und will, der bekommt von allem etwas. Das ist der Vorteil dessen, was viele Demokratie nennen.

Da ist zum einen die offizielle Information von Bundesregierung und dem Robert-Koch-Institut. Beiden ist anzumerken, dass sie ankämpfen gegen den Verdacht, sie besäßen eine zweite Agenda, weil sie Positionen, die sie heute vertreten, manchmal morgen revidieren müssen. Viele hätten es gern eindeutiger. Dass das bei Lernprozessen mit großen Unbekannten nicht geht, wollen viele sich nicht vorstellen. Oder sie können es nicht. Wer weiß. 

Und dann sind da die, die glauben, dass alles sei ein von einigen dunklen Mächten ausgeheckter Plan, um die Welt endgültig unter ihre Knute zu bekommen. Wenn dem so ist, so könnte man sagen, dann sind das ziemlich geniale Freaks, die ohne Waffengewalt in kurzer Zeit das hinbekommen, was vorher weder dem Hunnenkönig, noch dem großen Alexander und auch nicht Napoleon und Hitler gelungen ist. Auch wenn wir dann alle totgeimpft und geschippt werden, um unseren willenlosen Korpus zu steuern, einmal klatschen wird man vorher hoffentlich dürfen, für diesen genialen Putsch.

Und da sind wiederum andere, die seit dem ersten Tag quasi à jour, sie halten sich an alles, was es an Rat gibt und sie werden mit Sicherheit die ganze soziale Dürreperioden überleben. Das ist schon einmal ein Asset. Manche von ihnen werden danach das Business as usual suchen, das es dann aber so wie in der Erinnerung nicht mehr gibt. Andere von ihnen werden sehr genau darauf achten, dass die Ausnahme- und Sonderrechte der Exekutive schnell wieder außer Kraft gesetzt werden und wiederum eine Gruppe wird nicht mehr merken, dass das Virus besiegt wurde und den Rest ihrer Tage in häuslicher Quarantäne bis zum bitteren Ende verweilen. Auch wenn sie aus dem Radio hören werden, dass sie wieder heraus dürfen, sie werden es für eine Verschwörung halten und schlau zuhause bleiben.

Es wird derzeit viel darüber spekuliert, was sich wohl alles ändern wird, wenn diese ganze Krise auf ihr Ende zusteuert. Es ist spannend, darüber nachzudenken, es ist auf der anderen Seite aber auch gar nicht so schwer, zu Ergebnissen zu kommen. Es hängt nämlich nicht von den Einsichten derer ab, die sich mit allem möglichen beschäftigen, sondern von denen, die in der Masse den Ausschlag geben. Sie benötigen schon lange keine Priesterkaste mehr, die ihnen die Welt erklärt. Folglich wird es nicht mehr über Parteien laufen, sondern über schnelle Wahrheiten, die sich auf einzelne Punkte beziehen und nicht über komplexe Programme. Auch schon vor Corona war das alles deutlich, die Pest hat diesen Prozess nur noch beschleunigt.

Manche Erscheinungen werden bleiben, vorerst. Es sind die staatlich alimentierten Kommentatoren des Zeitgeschehens, die von allen Jahrgängen, die nach 1986 geboren wurden, gar nicht mehr gehört werden, was aber die Institutionen, für die sie unterwegs sind, noch nicht gemerkt haben. Sie haben, nicht im Gegensatz, sondern im Angesicht der nostradamischen Gegenwelt in dieser Zeit zuweilen einen Unsinn verbreitet, der – ohne Frisör! – haarsträubend war. 

Vor wenigen Tagen, morgens beim Bäcker, wo es wunderbares Brot gibt, aber auch eine schlechte Zeitung ausliegt, starrte ich auf die Titelseite, wo eine dieser Kolumnistinnen des medialen Zeitgeschehens abgebildet war. In dem Moment, als ich mir das ansah, rief ein Kunde, mit Maske, mir zu,  „Ja, für Geld tun die alles. Ich weiß, wovon ich spreche. Und ich sage: Alles! Hahaha.“ Während ich schmunzeln musste, da mir bekannt ist, dass der Mann früher eine Größe im Rotlichtmilieu war, kam sein Einwurf nicht gut bei den anwesenden Frauen an. Eine Dame wankte regelrecht und man konnte froh sein, dass sie eine Maske trug, sonst wäre sonst etwas passiert. Nur eine der Frauen hinter der Theke, die immer alles im Griff haben und mit jedem fertig werden, stand seelenruhig hinter der Kasse und brachte den Frieden zurück: „Es ist immer gut, wenn jemand hier ist, der uns die Welt erklärt!“ Dabei lächelte sie gütig wie die Göttin der Weisheit.