Archiv für den Monat Mai 2020

Schon lecken sich einige in Krachlederhosen lüstern die Lippen. Es gibt, so die Demoskopen, einen Trend in den teutonischen Köpfen, der als Abwendung von der Globalisierung bezeichnet werden kann. Das erstaunt, galt es doch lange als ausgemacht, dass im Land des Exportweltmeisters Weltöffnung wie Weltoffenheit eine Voraussetzung für den Erfolg des Modells sind. Grund für die Trendwende, so die kurz geschnittenen politischen Analysten, sei die Corona-Krise. Da liegen sie, um das gleich anzumerken, falsch. Denn alles, was jetzt zum Vorschein kommt, war latent vor dem Virus bereits da. Manches hat sich dadurch verstärkt, anderes wurde beschleunigt. Neu ist das Phänomen nicht, aber es wird falsch beschrieben. Es geht nicht um eine Rückkehr zum nationalen, pseudo-romantischen Stelldichein, sondern um die Spielregeln, die derzeit auf dem Globus gelten. Die sind vom Neoliberalismus durchdrungen und sie richten vieles an, was mit der Abstraktion der Vernichtung gut beschrieben werden kann.

Die konkreten Erfahrungen mit der Globalisierung, wie sie die meisten teilen, hängen mit der Verwertungslogik zusammen. Da sind die Nordseekrabben, die durch halb Europa gekarrt werden, um in Marokko geschält zu werden und dann wieder auf dem Markt in Hamburg erscheinen, da sind die neuen Zwiebeln, die gestern stolz präsentiert wurden und aus Neuseeland kommen. Da sind Arbeitskräfte, die vor Ort gebraucht würden, um die schlimmste Not zu lindern, die jedoch durch Welt gekarrt werden, um dort, wohin sie gelockt werden, die lokalen Arbeitskräfte zu unterbieten, da sind die Kinder, die in die Kobalt-Minen im Kongo getrieben werden, damit die Handys ihren Preis behalten, da sind die Avocado-Plantagen in Chile, die den benachbarten Kleinbauern das Wasser entziehen und sie sprichwörtlich ins Gras beißen lassen, da ist das brennende Amazonas-Gebiet im schönen Brasilien, damit das Vieh, welches als saftiges Steak für Europa gedacht ist, ein wenig Auslauf hat… Das ist alles bekannt und, glauben Sie mir, tief im Innern übt es keinen Charme aus, auch bei denen, die das alles noch distanziert aus der Supermarkt-Brille betrachten können.

Wenn die Corona-Krise etwas lehrt, dann ist es die Erfahrung, wie lebensbedrohlich irrsinnige Lieferketten werden können, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Medikamente und Masken, die exklusiv nur aus China zu beziehen waren, haben das deutlich gemacht. Selbst jetzt wäre es China, säßen dort die bösen Buben, von denen so gerne die Rede ist, Europa in kurzer Zeit auszuschalten, in dem es keine Antibiotika mehr lieferte. Kein Schuss müsste fallen, um dem Kontinent das Licht auszublasen. 

Die Alternative, um die es geht, auch das wissen viele, ist nicht das Heimattümelnde und die Abkehr von modernen Produktionsverfahren und Verkehrsformen. Wer das postuliert, ist eher von einer kruden Romantik überwältigt oder als politisch gefährlich einzustufen. Es geht um die Herstellung von lebenssichernder Autarkie, um die Belebung des Gedankens der Souveränität und Autonomie, der dennoch verknüpft ist mit größeren Ordnungen, die größer flächige Operationen ermöglichen. Um es vielleicht etwas pointiert zu formulieren: es wird nach Modellen gesucht, die so etwas herzustellen vermögen wie global vernetzte Provinzen, die sich ihrerseits kontinentale höhere Ordnungen schaffen, um Infrastruktur, Bildung und Verteidigung zu gewährleisten. 

Es geht um das irdische, handfeste Konstrukt einer utopischen Provinz, die den Begriff der Demokratie radikaler fasst und sich eigene Institutionen schafft, die nicht kontaminiert sind vom Virus des Wirtschaftsliberalismus, sondern der regionalen Selbstbestimmung und dem Gemeinwohl dient. Ein sich aus diesen Gedanken ableitendes Europa sähe anders aus, von der Konstitution bis zur geostrategischen Ausrichtung. Zugegeben, ein sehr radikaler Gedanke. Aber, ist ein Festhalten an dem Bestehenden in der Lage, der zugegeben oft geschickt formulierten Kritik des Neo-Nationalismus standzuhalten?

Die digitale Rebellion entlässt ihre Kinder

Alessandro Baricco. The Game. Topographie unserer digitalen Welt.

Digitalisierung – das Wort, das bei manchen ungeahnte Euphorie, bei anderen wiederum beängstigende Schwindelgefühle auslöst, in einer Weise zu erklären, dass es Verständnis erzeugt und beruhigt, ist bis dato wenigen gelungen. Genau genommen, kenne ich nur einen. Und zwar den Autor Alessandro Baricco. Er hat sich bereits vor einigen Jahren mit dem Thema auseinandergesetzt, damals unter dem Titel die „Mutation der Kultur“. Da hatte er wunderbar nachvollziehbar den Paradigmenwechsel von der erklärenden Tiefe hin zum Surfen auf der vernetzten Oberfläche erklärt, an Beispielen wie dem Fußball, der Musik und der Frikadelle. Einfach genial. 

Mit dem aktuellen Buch „The Game. Die Topographie unserer digitalen Welt“ unternimmt er den größenwahnsinnigen Versuch, eine Landkarte zu zeichnen von den ersten Regungen in den 1980iger Jahren bis hin zur Präsentation des iPhones durch Steve Jobs 2007, was er als Abschluss der technischen Entwicklung dessen bezeichnet, was er die digitale Rebellion nennt. Der Prozess danach ist die Kolonisierung der gesamten Welt mit den Denkansätzen und Tools der digitalen Rebellion und den sich daraus ableitenden Fragen in kultureller Hinsicht.

Das Erstaunliche ist, dass Baricco den Prozess einfach und nachvollziehbar schildert und tatsächlich Karten zeichnet, die Laien und sogar geistig und künstlerisch Tätige verstehen können. Darin beschreibt Baricco den Ursprung der digitalen Rebellion als eine Auflehnung gegen das 20. Jahrhundert mit seinen unbeschreiblichen Katastrophen. Es war ein Aufstand gegen die Väter, von Kindern, die keine Ideologie mehr wollten und mehrheitlich aus der Friedensbewegung um San Francisco kamen. Das Spiel war der Ausgangspunkt und das Spiel stellt das Wesen dieser Denkweise dar, die immer nach Punkten und Belohnungen für das zu Lernende arbeitet. Sie wollten Fun und keinen Krieg, sie lehnten Ideologie ab und befassten sich nur mit Lösungen für Probleme der Tools, mit denen sie arbeiteten. Sie gingen immer den direkten Weg, umgingen die Vermittler und zerstörten jede Art von Priesterkaste.

Einer der Urväter der Bewegung aus den Hippie-Sphären der amerikanischen Westküste wird mehrmals zitiert. „Wenn du die Menschen verändern willst – vergiss es. Verändere die Werkzeuge, mit denen sie arbeiten, und du veränderst alles.“ Diese Maxime erklärt das Wesen der digitalen Rebellion am besten. 

Baricco, dem eine gewisse Euphorie nicht abzusprechen ist, obwohl er einer Generation entstammt, die mitten im 20. Jahrhundert sozialisiert wurde und der als Schriftsteller nicht der technologisch fokussierten Ingenieurskaste angehört, bringt mit seinem Buch den Vorteil mit, beide Seiten zu kennen. Die der Rebellen, die er sich mühsam erarbeiten musste, und die der Skeptiker, zu denen er aufgrund seines Alters nahezu automatisch gehört.

Ja, nach allem Verständnis für die digitale Rebellion und nach allem Verständnis für das, was sie im Positiven geschaffen hat, widmet er sich auch den Problemen, die sich daraus ergeben haben. Wie jede Rebellion, so hat auch diese nicht nur die alten Eliten zerstört, sondern auch eine neue geschaffen, die jetzt zum Teil das Spiel der Alten spielt. Auch nach der digitalen Rebellion gibt es Verlierer, obwohl sie mit der Demokratisierung des Zugangs zu Informationen das Gegenteil teilweise schaffte. Es liegt jetzt nicht mehr am Geld, sondern an den Skills, dass Menschen auf der Strecke bleiben und sich ausgeschlossen fühlen. Aus der mangelnden Tiefe erklärt er die Reservoirs des Populismus etc. etc. Und dennoch: der Prozess insgesamt ist irreversibel!

Entscheidende Schlussfolgerung Bariccos ist es, dass die Probleme, die aufgetreten sind nach der Kolonisierung der Welt durch die digitale Technisierung, nur gelöst werden können durch diejenigen, die sie betrieben haben. Das ist nicht nur schlüssig, sondern sollte auch zur Entspannung derer führen, die dem 20. Jahrhundert entstammen.