Archiv für den Monat April 2020

„If one country fails, then we all fail!“

Die International Labor Organization (ILO), ihrerseits eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen (UN) mit Sitz in Genf, hat eine Studie zu den weltweiten Auswirkungen der Corona-Krise vorgelegt. Die seit 1919 bestehende Organisation gehört zu denen, die kontinuierlich durch ihre Qualität bestechende Analysen vorlegt, die aus ihnen im politischen Handeln gezogenen Schlüsse sind eher als dürftig zu bezeichnen. Ihrem Auftrag gemäß haben sich die daran Beteiligten vor allem auf die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Arbeit und die Arbeitsplätze befasst. Die in Kürze referierten Ergebnisse sind beeindruckend und deuten auf die weltweite, ökonomische wie soziale Dimension hin, in der sich weiteres Handeln abspielen wird. Die Schlüsse, die aus den Ergebnissen gezogen werden, korrespondieren nicht mit dem, was die einzelnen politischen Verantwortlichen in den verschiedenen Ländern kommunizieren. 

195 Millionen Arbeitsplätze sind derzeit laut Bericht der ILO weltweit in Gefahr, das entspricht 6,7 Prozent der global Beschäftigten. In Bezug auf die betroffenen Regionen wird ein Verlust von 5 Millionen Arbeitsplätzen in den arabischen Ländern diagnostiziert, Europa verliert 12 Millionen und die asiatisch-pazifische Region 125 Millionen Arbeitsplätze. Besonders bemerkenswert ist die Einschätzung, dass knapp über die Hälfte der prognostizierten Job-Verluste, nämlich 100 Millionen, die Bereiche der höheren und mittleren Einkommen betreffen wird. Die beschriebenen Auswirkungen sind heftiger als bei der Weltfinanzkrise im Jahr 2008.

Sieht man sich die besonders betroffenen Bereiche an, dann ist die Einschätzung der sozial besonders  bedrohten Schicht folgerichtig. Es handelt sich dabei um die Sektoren Gastronomie, Handwerk, Reparatur und Verwaltung. Es gehört nicht allzu viel Fantasie dazu, um sich die Ursachen der massiven Bedrohung der einzelnen Bereiche auszudeuten: der Gastronomie werden über die aktuelle Schließung hinaus die weiterlaufenden Belastungen und die danach zu erwartenden Hygienevorschriften zu schaffen machen, Handwerk und Reparatur werden zu einem Teil den Shutdown ökonomisch nicht überstehen und die administrativen Sektoren werden von einer mächtigen Digitalisierungswelle heftig durchrationalisiert werden. 

Derzeit sitzen 81 Prozent der Welt-Workforce, nämlich 3,3 Milliarden Menschen, zuhause. 1,25 Milliarden davon sind in den benannten Hochrisiko-Bereichen beschäftigt. Hinzu kommen insgesamt 2 Milliarden Menschen im informellen Sektor, der momentan ebenso zum Erliegen gekommen ist. 

Die Studie begegnet einem dumpfen Gefühl des Unbehagens nun mit entsprechendem Material, das es ermöglich, das gegenwärtig quantifizierbare Ausmaß der weltweit wirkenden Krise zu beschreiben. Unabhängig von dem Aspekt der pandemischen Wirkung und ihrer Bekämpfung wird deutlich, was ökonomisch wie sozial, ohne die später wirkenden und identifizierbaren Aspekte der psychologischen und kulturellen Phänomene außer Acht zu lassen, auf alle betroffenen Länder zukommen wird. Die Zahlen helfen, sich von Illusionen zu verabschieden, die momentan noch durchaus ihr Wesen treiben. Es wird, das scheint deutlich zu sein, anders werden, als es bereits war. Grundlegend anders.

Unabhängig von der Notwendigkeit der Fragestellung, ob der Irrsinn der momentanen Eigentumsverteilung der Menschheit noch eine Chance zum Überleben geben kann, sind die Schlussfolgerungen des ILO-Berichtes eindeutig. Guy Ryder, der Präsident der Organisation, sieht nur eine Chance in weltweiter internationaler Kooperation. Der lokale politische Reflex ist jedoch ein anderer. Die internationalen Organisationen von UN bis EU haben bis dato kaum eine Rolle beim Management der Krise gespielt und die Akteure setzten bisher auf nationale Krisenkonzepte. Das ist zunächst verständlich, hilft ab einem bestimmten Punkt bei dem Grad der internationalen Verflechtung nicht weiter. Die Globalisierung hat einen Konnex geschaffen, der begriffen werden muss. Der Präsident der ILO bringt die Notwendigkeit politischen Handelns auf den Punkt: 

„If one country fails, then we all fail!“

Deprivation

Der Begriff der Deprivation hat quasi über Nacht einen neuen Stellenwert erhalten. Etymologisch, also bedeutungshistorisch, meint er nichts anderes als die Beraubung eines Menschen von Dingen, die ihm lieb sind. Dass sich daraus eine regelrechte Wissenschaft entwickelt hat, die so genannte Deprivationsforschung, hat etwas mit der allgemeinen Verwissenschaftlichung der Welt, mit dem Ansinnen von Herrschaft und mit der Überalterung der Gesellschaft zu tun. Das klingt verwegen, ist jedoch folgerichtig.

Die beiden genannten Felder sind, in ihrer Chronologie, zunächst im Strafvollzug und dann in den Altenheimen bearbeitet worden. Bei ersterem ging es darum, Kenntnisse darüber zu haben, welche Folgen die soziale Deprivation auf als gefährlich eingestufte Strafgefangene haben kann. Bei der zweiten Variante wurden mit dem Alter einhergehende Folgen sensorischer, kognitiver und sozialer Deprivation beobachtet und Ansätze entwickelt, wie therapeutisch den zu beobachtenden Verlusten der Persönlichkeit entgegengewirkt werden kann.

Damit wären die drei kardinalen Typologien der Deprivation benannt. Die sensorische beginnt mit dem Verlust des Individuums in der Fähigkeit der eigenen Sinneswahrnehmung. Einschränkungen von Gehör, Sicht und Geschmack können – neben dem tatsächlich physischen Verlust – auch Folgen auf Lebensfreude und Lebenswillen haben. Die Textur des Individuums überschreitet immer die Grenzen zwischen Physis und Psyche. Die kognitive Deprivation resultiert aus der schwindenden Fähigkeit von Gedächtnis und Abstraktion und hat eine dramatische Abnahme am allgemeinen gesellschaftlichen Leben zur Folge. Letztendlich ist die soziale Deprivation der Verlust an sozialen Kontakten und hat eine psychische Vereinsamung zur Folge, die in schwerer Depression enden kann. Letzteres war die Motivation von Haftformen wie der Kontaktsperre, um Häftlinge mental zu zerstören.

Warum das Thema?  Weil, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, alle genannten Formen der Deprivation auf die Gesellschaft zukommen oder bereits zugekommen sind. Was bisher mehrheitlich für Alte und Strafgefangene galt, ist jetzt in der gesamten Gesellschaft und zunehmend als Massenphänomen zu beobachten. Damit sind nicht die gegenwärtigen Beschränkungen gemeint, solange sie nur temporär gelten würden. Zu einem Problem könnten sie jedoch auswachsen, wenn der Zustand sich stabilisiert, d.h. wenn die gewohnten Sozialkontakte auf Dauer drastischen Einschränkungen unterliegen. 

Alle drei Kategorien der Deprivation, die sensorische, die kognitive sowie die soziale sind bereits im Stadium ihrer Ausbreitung. Vieles hat mit dem Prozess der Zivilisation zu tun, in dem wir uns befinden und der aus vielen guten Absichten heraus stattfindet. Man könnte die einzelnen, bereits beobachteten und beschriebenen Phänomene Revue passieren lassen, um sich das Ausmaß bewusst zu machen. Dazu würde es reichen, sich mit Lehrerinnen und Lehrern aus einem typischen, normalen Schulbetrieb zu unterhalten. Sie würden beschreiben, welche Entwicklungsdefizite sie täglich beobachten: Das nicht Ausbilden eines repetitiven Gedächtnisses durch permanenten Zugriff auf Daten, die Bewegungseinschränkungen durch Bewegungsmangel, der ebenfalls kognitive Defizite hervorbringt und die ansteigende soziale Kälte, die durch digitalisierte Kommunikation und den damit einhergehenden Verlust der Unmittelbarkeit entsteht. 

Die nun, aus der Not, entstehende Ausbreitung der Digitalisierung, die die direkte soziale Kommunikation noch weiter zurückdrängen wird, hat analoge, potenzierte Wirkungen zur Folge. Es ist also ratsam, sich mit dem Gebiet der Deprivationsforschung intensiver zu befassen, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, was das Wesen des zeitgenössischen Individuums und seines Bedürfnisspektrums tatsächlich ausmacht und was eine Degradierung desselben zu einem Objekt technisch rationaler Prozesse für dessen Pathologisierung bedeutet: in sensorischer, in kognitiver wie in sozialer Hinsicht.