Archiv für den Monat März 2020

Die Lehrstunden über das Destruktive der Globalisierung haben stattgefunden

Die Wahrnehmung der Pandemie ist äußerst unterschiedlich. Das hängt zum einen vom lokalen Betroffenheitsgrad ab, zum anderen mit der jeweiligen psycho-kulturellen Disposition. Es fällt auf, dass in manchen Ländern relativ wenig geredet, dafür aber rasch und konsequent gehandelt wird, während in anderen Ländern ein regelrechter Karneval der Berichterstattung herrscht, ohne dass es Auswirkungen auf den Grad der Verbreitung und Maßnahmen dagegen hätte. Zynisch könnte daraus geschlossen werden, dass die beklagte Nivellierung der Welt durch die Globalisierung doch nicht so fortgeschritten ist, wie behauptet. 

Die Globalisierung, verstanden als der unbegrenzte Austausch von Waren, als interkontinentale Vernetzung von Produktion und grenzenlose Mobilität hat unter dem Signum des Corona-Virus einen schweren mentalen Schlag bekommen. Das, was so gerne als Segnung der Globalisierung angepriesen wurde, erweist sich plötzlich als problematisch, ja lebensbedrohlich. 

Da wird plötzlich bemerkt, dass die Produktion lebenswichtiger Medikamente, wie Antibiotika, Blutdruck- und Cholesterinsenker, Beta-Blocker etc. nahezu ausschließlich noch in China produziert werden. Der Produktionsstopp dort kann zu Massensterben in Europa führen. Wiederum könnte auch hier der zynische Zeitgenosse fragen: Warum noch Kriege führen? Es würde reichen, wenn China keine Antibiotika mehr ausliefert, um dem freien Westen einen Schlag zu versetzen, den es mit ballistischen Mitteln gar nicht erreichen könnte.

Ein anderer Aspekt ist die Diversifikation der Produktion, etwas, das in guten Tagen die Wirtschaftsliberalen in Feierlaune versetzt, in schlechten Tagen wie diesen allerdings alles verdirbt. Bis nach Deutschland hat sich die Erkenntnis zwar noch nicht durchgesetzt, aber das Ausmaß der Epidemie in Italien ist auf den massenhaften Einsatz illegaler chinesischer Arbeiterinnen und Arbeiter in der italienischen Textilindustrie zurückzuführen. Es ist ein heikles Thema, aber es zeigt, wenn der maximale Profit winkt, dann können die Möglichkeiten der Globalisierung zu verheerenden Entwicklungen führen. 

Es liegt nahe, aber es wäre wieder einmal falsch, wenn nun eine hysterische Debatte über die einzelnen Erscheinungen stattfände. Es wäre jedoch geraten, eine nüchterne Analyse dessen zu der Kritik hinzuzufügen, die bereits heute dem Hype um die Globalisierung eine schlechte Bilanz beschert. Ja, internationale Mobilität ist ein hohes Gut, ja, auch der freie Handel kann ein hohes Gute sein. Aber, es drängen sich immer mehr Verneinungen auf, wenn es um die Grenzenlosigkeit geht. Nein, die komplette Aufgabe der Autonomie kann auch in Selbstzerstörung enden, nein, grundlose Mobilität kann große Kollateralschäden hervorbringen, nein, der Zugriff auf menschliche wie natürliche Ressourcen aus bloßem Gewinninteresse kann ganze Gesellschaften und Kulturen existenziell bedrohen. Und nein, der Konnex von tatsächlicher wirtschaftlicher Entwicklung und Börsenpsychologie ist eine Dimension, die das Vernichtungspotenzial von Weltkriegen entfalten kann.

Es ist ein Gassenhauer, zu behaupten, dass jede Krise auch Chancen beinhaltet. Aber kaum ein Gassenhauer hatte jemals eine solche Attraktion wie dieser in Anbetracht dessen, was sich momentan vor unseren Augen abspielt. Es ist nicht übertrieben, darauf hinzuweisen, dass es keiner krisenhaften Steigerung mehr bedarf, um auf die Unhaltbarkeit von Verhältnissen hinzuweisen, die sich zunehmend frontal gegen die Existenzbedingungen der menschlichen Gattung schlechthin wenden. Von der globalen Umweltvernichtung bis zur pandemischen Heimsuchung ganzer Länder – die Lehrstunden über das Destruktive der wirtschaftsliberalen Globalisierung haben stattgefunden. Wer noch länger warten will, um sich noch einmal anhand anderer Beispiele zu vergewissern, dem kann es passieren, dass er es nicht mehr erlebt. Keine Panik! Aber ändern muss sich etwas!

Von Tempo und Dichte, Hysterie und Ruhe

Gerade las ich einen Kommentar, in dem das Gefühl beschrieben wurde, dass alle möglichen Meinungsbekundungen und Posts, die zu den konjunkturell angesagten Themen im Sekundentakt abgesetzt würden, den Eindruck vermittelten, als seien sie bereits im Voraus geschrieben. Und, ehrlich gesagt, vieles von dem, was momentan über Corona, Syrien oder die Baisse an den Börsen zur Verlautbarung kommt, hat, im Gegensatz zu den Konjunkturthemen selbst, einen gewissen Bestand. Man könnte also bestimmte Analysen, Perspektiven, Kritiken oder Meinungen durchaus proaktiv formulieren, ohne dass man zeitlich in Bedrängnis käme. Ein eigenartiges Phänomen, in einer Zeit gefühlter Beschleunigung soll es eine neue Art des journalistischen Evergreens geben? Die Antwortet lautet: Ja! 

Die Begründung für die sicherlich nicht erwartete These fällt allerdings schlicht aus. Die Dauer der Gültigkeit von Positionierungen gegenüber einer Herausforderung oder einem Problem liegt nicht an der Güte des Textes selbst, sondern an der Beständigkeit der Probleme. Anders ausgedrückt, gefühlt tauchen immer neue Probleme in immer kürzeren Zeitabständen auf, aber befriedigend gelöst wird nichts. Also kann gefolgert werden, dass die Niederschrift von Standpunkten zu Fällen, die im Raum stehen, durchaus in aller Ruhe gefertigt werden können.

Dahinter verbirgt sich jedoch etwas anderes. Die Hysterie, die viele Fragen der Zeit begleitet, rekrutiert sich auch aus einer Fehlwahrnehmung. Das Gefühl, in Zeiten immenser, nicht mehr zu kontrollierender Beschleunigung unterwegs zu sein, entspricht nicht der ganzen Wahrheit. Worum es in vielerlei Hinsicht geht, ist eine Intensivierung der Gleichzeitigkeit. Durch schnelle Nachrichtenübermittlung, durch Eigendynamik des Nachrichtenmarktes, der immer schneller neue Themen meint generieren zu müssen, werden Themen, die bereits existieren, als brandneues Ereignis zu den Tagesschlagzeilen hinzugefügt. Die Dichte der bereits seit langem herrschenden Herausforderungen wird größer, gefühlt wird das als Akzeleration.

Das Fatale an dieser Entwicklung ist die Befindlichkeit. Wer sich in einem immer schnelleren Bewegungsmodus zu befinden wähnt, dem geht gehörig die Ruhe abhanden. Ruhe ist jedoch die Vorbedingung, um sich mit komplizierten und komplexen Herausforderungen auseinandersetzen zu können. Das gefühlte Tempo, mit dem wir uns an die Fragen unserer gesellschaftlichen Existenz machen, befreit zwar nicht von der Bürde, sich mit Widrigkeiten, bösen Absichten und der Schlechtigkeit der Welt auseinandersetzen zu müssen. Was eine bestimmte Ruhe des eigenen Standpunktes jedoch vermittelt, ist kühleren Kopfes zu agieren als bei gefühltem Höllentempo. 

Es sei die Behauptung erlaubt, und insofern schließe ich mich dem anfangs erwähnten Kommentar an, dass viele der Phänomene, an denen wir uns zu Recht reiben, durchaus eine längere Halbwertzeit haben, als gefühlt. Die Hysterie, die vielen Debatten innewohnt, kommt aus der immer gerne erzeugten, aber letzten Endes subjektiven Wahrnehmung, alles ginge immer schneller und nichts werde gelöst, wenn nicht jetzt und sofort. Mir scheint es ein guter Rat zu sein, trotz aller Dringlichkeit bei vielen Fragen, sich selbst zu gegenwärtigen, dass nicht das Tempo größer geworden, sondern die Dichte gestiegen ist. Der große Trumpf, um in diesen Zeiten nicht nur überleben zu können, sondern auch noch die Chance zu haben, zu gestalten, liegt an der Verbreitung von Ruhe.