Archiv für den Monat März 2020

Krise I: Zeit für eine neue Zeit!

Krisen bieten die Möglichkeit, sich bestimmte Verhaltensmuster, die für das gesellschaftliche Leben relevant sind, auf dem Silbertablett zur Besichtigung an. Unter Stress kommen die Programme zu Tage, die tief im Innern schlummern und dann aktiviert werden, wenn sich das Bewusstsein auf einer Achterbahnfahrt befindet. Das ist die Stunde der Archetypen, der einem jeden Menschen zugrunde liegenden Disposition. In diesem Zusammenhang sind bestimmte dieser Grundtypen aus der Personalentwicklung interessant. Es sei nur an die vier aus einem bestimmten Sortiment erinnert, die unterteilen in Bauern, Jäger, Entertainer und Wissenschaftler. 

Da sind die Bauern diejenigen, die nach Naturgesetzen, Jahreszeiten und Routinen ihren Job machen und ansonsten gerne in Ruhe gelassen werden wollen. Die Jäger hingegen sind die Führungskräfte, die auf Beute aus sind und sie auch nach Hause bringen. Entertainer wiederum sind die Kommunikatoren, die für Stimmung sorgen und alle ein bißchen von der Arbeit abhalten. Und die Wissenschaftler schirmen sich von den äußeren Einflüssen ab und nehmen die Details bis zum mikroskopischen Exzess unter die Lupe. Selbstverständlich haben alle ihre Funktion im Gesamtgefüge und jeder und jede nimmt eine wichtige Rolle wahr. Spielen Sie die Optionen dieses Modells einmal an Ihren eigenen Verhältnissen durch. Da wird Ihnen das eine oder andere Hilfreiche auffallen.

Wenn wir über die momentane Krise reden und das, was sich daraus politisch und gesellschaftlich ergibt, dann wird sehr schnell deutlich, dass es um die Qualität des vorgefundenen Jäger-Typus geht. Die Qualität der Politik wird von Jägern gemacht, deren Aufgabe es ist, Ergebnisse zu bringen. Was bereits lange vor der tiefen Krise sehr deutlich wurde, ist der Umstand, dass wir es zunehmend vor allen Dingen mit Bauern und Entertainern zu tun hatten. Die eine Gruppe ist der Auffassung, dass es ihre Aufgabe ist, sich in konkrete Sachbearbeitung zu begeben, und die andere profiliert sich als Entertainer und kaschiert diese exklusive Betätigung mit dem Argument der vordringlichen Notwendigkeit der Kommunikation. 

Bereits jetzt, in einem frühen Stadium der Krise, wird deutlich, dass die einmalige Gelegenheit, die der Zusammenbruch der Gewissheiten bietet, von dem handelnden Personal noch nicht genutzt wird. Was zu beobachten ist, sind Grundmuster, die vor allem dem Gefühl der Angst und der Hoffnung auf Sicherheit entspringen. Das ist verständlich, bringt jedoch nicht weiter. Wer sich jetzt nicht bewegt, um keine Fehler zu machen, schadet der Zukunft und damit der jungen Generation mehr als alle Ökoverbrecher und Chauvinisten zusammen. Denn jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um eine historische Wende in die Wege zu leiten.

Die Frage könnte auch anders formuliert werden: Was muss der Wirtschaftsliberalismus als geistiges Mantra der börsengesteuerten, geld-akkumulativen globalisierten Wirtschaftsweise noch alles verantworten, bevor sich die Einsicht breitmacht, dass die Zeit für eine neue Zeit gekommen ist? Nahezu die gesamte politische Klasse singt immer noch das Lied der Zerstörung des Gemeinwesens zugunsten des so genannten freien Marktes. Sehen Sie sich die Verhältnisse an, wie sie sich vor unseren Augen ausbreiten und gleichen Sie sie ab mit der Aussage, der Markt regele alles! Nichts wirkt frivoler als diese Aussage! 

Wenn es ein starkes Plädoyer für ein intaktes, aus der Preis-Profit-Spirale entrissenes Gemeinwesen gibt, dann jetzt. Und wenn sich ein Argument gegen die systemimmanente Sachbearbeitung in der Politik mit aller Macht Geltung verschafft, dann in diesem Moment. Es geht um Strategie, und zwar für ein neues Zeitalter. 

High Noon an der Börse: Leichen und volle Geldsäcke

Alles, aber auch alles, was die Sportreporter der Börsengeschehens den gemeinen Bürgerinnen und Bürgern als große Chancen der Partizipation immer wieder erzählen, hat sich in den letzten zehn Tagen als Schimäre erwiesen. Wer dem Rat der schicken Parkettmiezen oder den Vorschlägen eines Friedrich Merz gefolgt ist, hat vielleicht, niemandem ist es zu wünschen, die eigene Altersvorsorge in den Sand gesetzt. Wer glaubte, durch den Besitz von Aktien eine gewisse Sicherheit für die eigene, bescheidene Lebensplanung herzustellen, sieht sich nun bitter enttäuscht und vielleicht nicht nur das, sondern auch ruiniert.

Nicht, dass der Erwerb von Aktien etwas Frevelhaftes wäre, nein manchmal ist es klüger, bei der Investition in kluge Technologien, Produkte und Dienstleistungen zu investieren, als das eigene, mit Mühen erwirtschaftete Geld den Banken für ihre Geschäftsfelder blanko zu überlassen. Nur, und diese Warnung geht nicht an die Leute, für die ein Geldschein nichts weiter ist als ein Zigarettenanzünder, sondern an diejenigen, für die durch geregelte, unaufhörliche und anstrengende Arbeit die Sicherung des eigenen Lebens auf dem Spiel steht, für diejenigen muss es heißen: die Börse ist der falsche Ort, um die durch eigene Arbeit erwirtschaftete Existenz in Sicherheit zu bringen. 

Wertschöpfung ist substanziell, Börsenwerte sind in hohem Maße virtuell. Es ist zu hoffen, dass bei den nächsten Runden der politischen Auseinandersetzung die Vision vom Tisch ist, die bereits in Frankreich seit Wochen die Menschen massenweise auf die Straße treibt, nämlich die Verwandlung des staatlichen Rentensystems in ein börsennotiertes Investitionsmonstrum. Es mögen diejenigen Zeugnis ablegen, die jetzt vor dem Nichts stehen und die, aufgrund ihres Alters, nicht mehr die eventuelle Erholung der Aktienwerte von der momentanen Baisse erleben werden.

Einer aus dem inneren Kreis, der sich dadurch einen gutes Ruf erwarb, weil er nicht das heute im Neoliberalsimus geflügelte Wort von den Segnungen der Börse unreflektiert zum besten gab, sondern immer wieder an den ursprünglichen Sinn dieser Institution erinnerte, in dem er auf Zeit und tatsächliche vorhandene Werte verwies, war der aus Ungarn stammende US-Bürger André Kostolany. Er gehörte zu den Wenigen der Branche, die ausdrücklich davor warnten, sich an die Börse zu begeben, wenn es um die Füllung des eigenen Kühlschranks ging:

„Wer viel Geld hat, kann spekulieren; wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren; wer kein Geld hat, muß spekulieren. Wenn alle Spieler auf eine angeblich todsichere Sache spekulieren, geht es fast immer schief.“

Es mutet schon verwegen an, in Zeiten der kollektiven Sinnentleerung noch einmal darauf zu verweisen, dass gehandelte Beteiligungen, die aus einer soliden Wertschöpfung stammen, eine gute Idee sind, dass derartige Werte aber auch, genauso wie die fiktiven, virtuellen, von dem wuchtigen Hammer der Rezession zerstört werden können. Das ist Teil der Anarchie, die dem Kapitalismus innewohnt, von der er einerseits lebt, die jedoch immer wieder Protagonisten, und seien sie noch so klug und erfolgreich, zum Tode verurteilt. Die Vernichtung von Werten gehört der gleichen Gesetzmäßigkeit an wie deren Schaffung. Einerseits werden Produktivkräfte freigesetzt, die das menschliche Vorstellungsvermögen sehr oft übersteigen, andererseits werden Vernichtungspotenziale mobilisiert, die eine traumatisch verunstaltete Welt hinterlassen. Wenn da keine Legislative, keine Judikative und keine Exekutive intervenieren, dann herrscht dort immer High Noon, in dessen Folge volle Geldsäcke mit Leichen aufgewogen werden. 

Es ist, behalten wir uns auf jeden Fall unseren Humor, schon eigentümlich, dass in Zeiten, in denen kein Satz ohne den Terminus der Nachhaltigkeit verwendet zu haben enden darf, meistens der Verweis auf die Börse unterbleibt. Und das macht Sinn!  Was, liebe Freunde, ist nachhaltiger als die Börse? Nur der Tod.