Archiv für den Monat März 2020

Krise III: Die laufende Produktion von Feindbildern

Vieles liegt jetzt auf der Hand. Die Krise, die im Moment noch als eine Pandemie definiert wird, hat weit ausgreifende Konsequenzen. Jenseits der rein medizinischen Aspekte sind bestimmte strukturelle Dissonanzen an den Tag gefördert worden, die behandelt werden müssen. Dazu gehört vor allem der Irrglaube, bei den vorhandenen Produktivkräften genüge als Regulativ der Markt. Eine abseitigere Antwort auf die Herausforderungen dieser Tage ist kaum vorstellbar. Dennoch ist das Mantra nach wie vor zu vernehmen. Es wird deutlich, dass ein vernünftiges, lebenswertes Konstrukt der Zukunft dieser Maxime nicht mehr wird folgen dürfen. Dazu gehören kapitalorientierte, börsennotierte Versicherungssysteme genauso wenig wie die absolute, nur nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung organisierte Lieferketten. Vieles muss sich ändern und alles ist zurückzuführen auf systemimmanente Funktionsweisen, die bis jetzt als sakrosankt galten.

Jedes Argument, das jetzt mit den alten Deutungsmustern angeführt wird, gehört in die Annalen dessen, was die Epoche des Wirtschaftsliberalismus so fatal gemacht hat. Dennoch ist festzustellen, dass viele Funktionsträger im politischen System und deren Begleiter im Kommunikationsgewerbe keine Anstalten machen, sich von dem desaströsen Muster zu verabschieden. Ganz im Gegenteil! Es wird nicht nur daran festgehalten, sondern es wird versucht, durch die Zementierung von Feindbildern eine Kohäsion des Bestehenden herzustellen. So stellen sich die Priester des „Weiter so!“ die Zukunft vor.

Man muss genau hinsehen. Anstatt sich auf Lösungsansätze zu konzentrieren, wird krampfhaft nach Gründen gesucht, das Handeln anderer, einem vermeintlich feindlichen Lager Angehörenden zu skandalisieren und das eigene Vorgehen als das Glorreiche darzustellen. Gestern lieferte das Auslandsjournalismus im ZDF einige Beispiele dafür, wie das aussieht. Der Bericht über den Umgang Chinas mit der Pandemie war gespickt von Häme und Hass, was dazu führt, nicht die Leistungen anzuerkennen und vielleicht daraus Schlüsse für das eigene Vorgehen, welches sich zudem zunehmend ähnelt, zu ziehen. Zweck der Veranstaltung ist die Zementierung von Feindbildern, deren Zweck allerdings in der Zukunft liegt.

Denn nach der grausamen Episode von Corona werden Folgen kommen, die mit dem historischen Begriff einer wirtschaftlichen Depression noch freundlich umschrieben sind. Da werden kleine Unternehmen en gros von der Bildfläche verschwinden, da wird in großem Maße rationalisiert werden, was ohne die Pandemie gesellschaftlich niemals durchzusetzen gewesen wäre und da werden Arbeitsplätze in bisher nicht gekanntem Ausmaß verschwinden. Und das Schlimmste, was passieren kann, wäre die politische Fragestellung nach dem tatsächlichen, systemimmanenten Warum. 

Daher ist es für die Befürworter des radikalen Wirtschaftsliberalismus vonnöten, sich an zwei Strategien abzuarbeiten. Zum einen an der weiteren Zementierung alter und der Konstruktion neuer Feindbilder und zum anderen an der Spaltung der Gesellschaft. Da werden Rassismus, Sozialneid und Schuldzuweisungen eine große Rolle spielen. Gegen das, was wir bisher erlebt haben, wird das eine neue, furchtbare Qualität annehmen. 

Weder Feindbilder im globalen Maßstab noch ebensolche innerhalb der Gesellschaft werden einen positiven Beitrag bei der Gestaltung einer Zukunft einnehmen, in der es erstrebenswert sein wird, zu leben. Die politische Konsequenz muss sein, die Organe zu stärken, die sich von derartigen Irrlichtern nicht leiten lassen und es muss eine breite Front entstehen, die dafür sorgt, dass diese irreführenden Stimmen sich nicht des mächtigen Apparates bedienen dürfen. Die Tiraden, die verbreitet werden, abzutun als das, was man bereits schon immer wusste, ist ein Fatalismus, den sich niemand mehr leisten kann, der es ernst meint mit der Einsicht, dass Krisen auch Chancen beinhalten.   

Krise II: Solidarität statt Voyeurismus

Es sind ungewöhnliche Einblick in unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich in diesen Tagen bieten. Die Reduktion des allgemeinen Verkehrs auf das Wesentliche, um Leben zu erhalten, nährt plötzlich die Erkenntnis, dass die Arbeit nicht unbedingt die zentrale Sphäre dessen ist, was uns existieren lässt. Es erklärt sich von selbst, dass die Produktion bestimmter Güter notwendig ist, um uns existieren zu lassen. Nun wird jedoch klar, dass die Grundbedürfnisse zählen und die künstlich erzeugten, die normalerweise als lebensnotwendig erscheinenden Gelüste in den Hintergrund treten. Vieles, so könnte die zynische Schlussfolgerung lauten, was wir als lebensnotwendig erachten, ist virtuell. Uns wird immer wieder suggeriert, und an diesem Prozess nehmen wir allzu gerne teil, dass wir das alles brauchen, was uns der immer vom Wachstum abhängige Markt so offeriert. Und jetzt stehen wir da und merken, so ist es nicht. 

Es hat sich schnell herumgesprochen, ohne dass eine amtliche Anordnung erforderlich gewesen wäre, dass es zwei Dinge sind, die unser Wesen bestimmen. Dies ist die Reproduktion und die soziale Interaktion. Ohne Nahrung und Kleidung wird es uns nicht lange geben. Ebenso ist es mit dem sozialen Kontakt. Wird der auf ein Minimum reduziert, dann bäumt sich die Gattung Mensch verzweifelt dagegen auf. Die Krise berührt beides. Und solange die basalen Bedürfnisse befriedigt werden können, ist mit Ruhe zu rechnen. Heikel wird es mit der Notwendigkeit des sozialen Austauschs. Wird der weiter herunter gefahren und sogar untersagt, dann wird das für eine gewisse Zeit, aber nicht lange, halten. Und allen, die jetzt an die Vernunft appellieren, sei gesagt, es hat mit Vernunft nichts zu tun. Menschen müssen kommunizieren und sie wollen kooperieren. Wenn sie das nicht mehr dürfen, dann gehen sie ein. Die Fähigkeit, sich mit sich selbst für eine gewisse Zeit zu arrangieren, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Manche begrüßen die nun mögliche Eremitage, andere sind bereits nach wenigen Tagen mit den Nerven am Ende.

Trotz aller Kulturkritik und trotz vieler, ja so gerne publizierter Erscheinungen, die zu einer heftigen Dystopie einladen, der Blick auf das Geschen der letzten Tage im ganz profanen Kontext erlaubt es, der Hoffnung wieder einen größeren Stellenwert zu geben. Direkt vor der eigenen Haustür findet ein Leben statt, das ganz unaufgeregt der eigenen Bestimmung folgt. Da werden aus den täglichen, zumeist unter großem Zeitdruck abgearbeiteten Routinen kleine Feste der sozialen Interaktion. Da ist die Zeit und der Wille vorhanden, nicht nur seiner eigenen Agenda zu folgen, sondern da wird aufgepasst, was die anderen um einen herum so treiben. Nicht im voyeuristischen, sondern im solidarischen Sinn. Plötzlich ist überall der Wille zu verspüren, denen zu helfen, die der Hilfe bedürfen. 

Und es geht auch ohne institutionelle Organisation. Spontan, auf den Wiesen am Fluss, tauchen Akrobaten auf, die ihre Kunststückchen aufführen und dabei aus der Ferne geherzt werden, oder da sind die Musiker, die schon immer da waren und für Geld gespielt haben, die sich für ihre Beiträge zu einem Imbiss einladen lassen. Es ist keine Glorifizierung von Mangelwirtschaft, zu der eingeladen wird, sondern es ist ein Verweis auf Möglichkeiten, die in der sozialen Anlage immer noch bestehen, trotz eines immer wieder medial gepushten Krieges auf die sozialen Sinne, die in der Gattung schlummern. Und die Typen, die ansonsten die öffentliche Aufmerksamkeit geniessen, weil sie den Hals nicht vollkriegen, die wären, in der momentanen Situation des Ausnahmezustands, sehr schnell am Pranger. Dort, wo das Leben noch stattfindet, im Laden, auf der Straße, im Park. Und wir stellen fest, es geht auch ohne sie, und niemand scheint sie zu vermissen. Schleicht euch!