Archiv für den Monat März 2020

Krise V: Nabucco statt An die Freude!

Und die Krise bleibt ein gut geeignetes Labor! Alle Aspekte des Lebens erscheinen in ihr in einem neuen Licht, und alles gewinnt zum Teil auch neue Bedeutung. Plötzlich haben wir es da mit Mandatsträgern zu tun, die sich exklusiv auf die Wissenschaft berufen. Was vor einigen Monaten, in Bezug auf die Ökologie, undenkbar war, ist bei den Funktionsträgern plötzlich Common Sense. Das ist bemerkenswert, auch wenn es nicht die Frage verdrängen darf, ob die Bezugnahme exklusiv auf die Wissenschaft, um Politik zu gestalten, in eine diktatorische und totalitäre Welt führen kann. Nicht alles, was wissenschaftlich erwiesen scheint, eignet sich, um die sozialen Beziehungen von Menschen zu regeln, und schon gar nicht von einem wie auch immer gearteten Staat. Aber das nur am Rande.

Das Verwertungsprinzip der schnellen Mode macht auch in der Krise nicht Halt. Das, was uns aus Italien an Bildern und Tönen erreichte, wenn die Menschen sich abends aus den Fenstern und von den Balkonen darauf verständigten, ein Viva Italia oder Bella Ciao zu schmettern, und was, seien wir ehrlich, an Authentizität nichts zu wünschen übrig ließ, wurde in Germanistan prompt kopiert und endete in breitflächig organisiertem Absingen von An die Freude. Wenn man den Unterschied von Nationen kennenlernen wollte, dann war das ein wunderbares Beispiel. Jenseits der Alpen Vitalität und Spontaneität, diesseits der Alpen Technik und Organisation. Was, um in Germanistan zu bleiben, nicht harmoniert mit dem tiefen Bedürfnis nach Mythos und Pathos. Und vielleicht müssen wir daran gehörig arbeiten, sonst wird das alles nichts mehr.

Just in dem Augenblick, in dem die Politik vermittels der Wissenschaft an die Vernunft appelliert, gleiten die intellektuellen Eliten in das Pathos ab und sie überbieten sich dabei, ihr eigenes Wohlverhalten zu exponieren. Von Bannern auf den Balkons bis zu solchen in den sozialen Netzwerken wird hervorgehoben, dass man sich selbst an die Maßgaben des staatlichen Krisenmanagements hält und verurteilt all jene, die das nicht tun. Fast scheint es so, als fühlten sich manche besser, wenn sie sich abheben von den Delinquenten, die typisch für eine Massengesellschaft sind. Ihnen sei geraten, das Selbstverständliche zu tun, solange es erforderlich ist, und ansonsten sich sinnvoll zu beschäftigen und sich in keinen Orgien der moralischen Erhebung gegenüber anderen zu ergießen, deren soziales Schicksal in der Regel härter ist als das ihre. 

Was, jenseits dieses psychologischen Feldes, auffällt, ist, dass man in Germanistan geübt ist in Sachen staatlicher Ausnahmezustände. Da hatten viele gedacht, mehr als siebzig Jahre nach dem großen Krieg und mehr als dreißig Jahre nach der Vereinigung, habe sich hier die westliche Massendemokratie etabliert, da kommt eine pandemische Krise und wie auf einen Pfiff folgen alle den staatlichen Instruktionen. Das ist ein momentaner, taktischer Vorteil beim Kampf gegen das Virus, kann aber zu einem politischen Fiasko werden,  wenn man sich die Tendenz zum längst überwunden geglaubten Blockwartwesen ansieht. 

Irgendwie scheint alles vergeblich gewesen zu sein, was die Geschichte seit den Irrungen der Diktatur an Chancen zur Verfügung gestellt hat. Fast möchte man rufen, bitte besinnt Euch!, Ihr seid doch nicht auf den Kopf gefallen! Und hört nicht auf jeden Scharlatan! Wenn Ihr es schon braucht, und abends von den Balkons auch singen wollt, dann doch nicht An die Freude! Dann wählt wenigstens den Gefangenenchor von Nabucco! Das ist Pathos pur und in dem steckt schließlich die Sehnsucht nach Überwindung. Und genau das ist es, was wir jetzt alle brauchen. Dinglicher denn je! 

Krise IV: Wir liegen vor Madagaskar!

Keine Situation ist besser geeignet, in sehr kurzer Zeit sehr viel zu lernen, als die Krise. Von den strukturellen Fragen war schon die Rede. Es konnte festgestellt werden, dass der Verzicht von Autonomie wegen ökonomisch rentabler Lieferketten ebenso fatal ist wie börsenorientierte Kapitalgesellschaften, denen Versicherungssysteme anvertraut werden. Und es war sehr schnell deutlich, welche Auswirkungen die Umwandlung des Gesundheitswesens in vereinzelte Wirtschaftsbetriebe hat. Dass der Zweck aus den Augen verloren wird, die Patienten leiden und zahlenorientierte Abkömmlinge aus Wirtschaftsberatungsgesellschaften über ein so hohes Gut wie die Gesundheit entscheiden. Seehofer hieß übrigens der Gesundheitsminister, unter dessen Verantwortung diese Entwicklung eine entscheidende Phase durchlief und in der niedergelassene Ärzte, die den hippokratischen Eid ernst nahmen, en bloc kriminalisiert wurden.

Neben den strukturellen Fragen, die im Moment recht schnell geklärt werden können, – ob das zu den notwendigen politischen Entscheidungen führen wird, liegt an uns allen und wird sich zeigen –  sind es die mentalen Erscheinungen, die zeigen, was in der Epoche der reinen Zasterphilosophie so alles an Empathie verloren gegangen ist. Da stehen nun die diejenigen, die für das Wirtschaftssystem, das die Ära geprägt hat und das nicht die Pandemie, aber die aus ihr hervorgehende Krise in einem gehörigen Maß zu verantworten haben in menschenleeren Sälen vor den Mikrophonen und appellieren an die Vernunft der Bevölkerung. Richtig, vernünftiges Handeln ist jetzt notwendig. Und die Dringlichkeit dieses Notwendigen resultiert aus dem unvernünftigen Agieren von zwei Jahrzehnten. Solange das nicht zur Disposition steht, solange niemand aus der Kohorte der Verantwortlichen Worte über die eigene, fehlerhafte Agenda fallen lässt, darf sich niemand wundern, wenn es rumort. Und es wird weiter rumoren, denn je länger die verordnete Ruhe mit der ihr innewohnenden gesellschaftlichen Situation herrscht, desto kritischer wird es in sozialer Hinsicht.

Dass da ein gehöriges Maß an Verblendung herrscht, wird an der Kritik an dem Verhalten derer deutlich, die sich noch im öffentlichen Raum getroffen haben. Es sei empfohlen, wenn es nicht durch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit gefährlich werden könnte, einmal durch die verschiedenen Quartiere einer Großstadt zu flanieren. Da wird dann sehr schnell deutlich, wo die „Unvernünftigen“ und wo die „Vernünftigen“ beheimatet sind. In den Vierteln der Unterschichten ist das Treiben im öffentlichen Raum wesentlich stärker ausgeprägt, weil dort weder private Gärten noch großräumige Wohnungen vorhanden sind. Um der argumentativen Entgleisung der berufsmäßig politisch Korrekten, die exklusiv wohnen, womöglich aus kaum versteuertem Erbgut, und die sich herzzerreißend gegen die Käfighaltung von Legehennen wehren, einmal einen Vorschlag zu machen: Zieht in die Quartiere der Unterschichten und tauscht die Behausung mit jenen, die sich dort auf der Straße herumtreiben. Dann wird zu beobachten sein, wie lange sie es aushalten in den Unterkünften der Armut und Beschränkung. 

Es fällt auf, dass die chronische Ausblendung der sozialen Frage, so wie es in der Epoche des Wirtschaftsliberalismus immer und immer wieder praktiziert wurde, die Spaltung der Gesellschaft immer weiter vorangetrieben hat. Das muss sich nun ändern. Es darf keine Tabus mehr geben. Die Verhältnisse , wie wir sie momentan erleben, haben dazu geführt, dass der Park gegen die Straße pöbelt und es kaum jemand noch merkt. Diese Pöbelei ist das Unappetitliche! Wer einen leeren Magen hat, und stellen sie sich vor, davon gibt es eine große Menge, der hat keinen Appetit auf Diskurse über sublime Gewürzmischungen, sondern dem geht es um ein Stück Brot. Was die Krise zeigt? Unsere Gesellschaft hat kannibalistische Züge, und kaum jemand, selbst die gebildeten Schichten, merken es noch. Das Wasser in den Kesseln fault beträchtlich.